Fußballvereine in Dresden: Dynamo und dann ziemlich lange nichts…

· 10.02.2013 · 3 Kommentare

Die Rubrik „Mittellinie“ kommt im Mittelstern zur Zeit eindeutig zu kurz, auch wenn meine Mitstreiterinnen das anders sehen mögen. Ich hatte mir mehr vorgenommen. Dass das nicht klappte, liegt unter anderem daran, dass ich seit Sommer 2012 ehrenamtlich neben Job, Dozentenaufträgen und dem Mittelstern die U11 des SC Borea als Trainer betreue. Und da geht einiges an Zeit drauf. Zeit, die mein Leben extrem bereichert. Ich lerne viel über die Nachwuchsarbeit im Fußball allgemein und die Situation in Dresden im Besonderen… Zum Beispiel versuche ich (als Nachwende-Zugezogener) gerade ein wenig die Geschichte der einzelnen Dresdner Vereine kennenzulernen, um die Befindlichkeiten, die mir als Nachwuchstrainer immer wieder begegnen, besser einschätzen zu können. Doch dazu später mal mehr. Bevor wir die Nachwuchssituation in Dresden beleuchten, will ich gern den Lesern aus Kassel, Oldenburg, Hamburg und Berlin (Grüße!!!) einen kleinen Überblick über die Dresdner Vereinslandschaft geben. Wichtigste Quelle war Wikipedia. Dieser Abriss erhebt weder Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit noch Richtigkeit. Der Autor freut sich vielmehr über jede Verbesserung und jeden Hinweis. Danke!

Wiege des deutschen Fußballs

Dresden ist eine der Wiegen des deutschen Fußballs. Der am 18. März 1874 gegründete Dresden English Football Club gilt als weltweit erster Sportverein außerhalb Großbritanniens, der Fußball nach den heutigen Grundregeln spielte. Der 1898 gegründete Dresdner SC (DSC) gewann 1940 und 1941 den Deutschen Pokal (damals Tschammerpokal) und 1943 und 1944 die Deutsche Fußballmeisterschaft und war damit letzter gesamtdeutscher Deutscher Meister vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Ostragehege verfolgten bis zu 60 000 Zuschauer die Spiele um den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Helmut Schön. Nach dem Krieg wechselten zwar viele Dresdner in den Westen (unter anderem zum FC St. Pauli, der mit einem Großmetzger damals einen extrem begehrten Sponsor aufwies), die Leidenschaft für den Sport in der Stadt war damit aber alles andere als beendet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der DSC wie alle Vereine in der DDR aufgelöst. Ehemalige Mitglieder gründeten daraufhin die SG Dresden-Friedrichstadt. 1949 wurde die Mannschaft sächsischer Meister und qualifizierte sich damit für die 2. Ostzonenmeisterschaft. In der Saison 1949/50 spielte die SG in der DDR-Oberliga. Am letzten Spieltag kam es zu heftigen Tumulten, als die DDR-Meisterschaft in einem umstrittenen Spiel gegen Horch Zwickau mit einer 1:5-Niederlage verspielt wurde. Fans stürmten den Platz (nicht nur – aber auch – in Dresden hat der Platzsturm eine mehr als 50jährige Tradition) und die Mannschaft löste sich auf. Diese Vorfälle nahm die DDR-Sportführung zum Anlass, die SG Dresden-Friedrichstadt aufzulösen und der BSG VVB Tabak Dresden anzuschließen. Die Betriebssportgemeinschaft sollte in der kommenden Saison den Oberligaplatz der Friedrichstädter übernehmen, doch die Pläne änderten sich. Statt der BSG Tabak wurde die SG Volkspolizei Dresden in die Oberliga eingegliedert. Sie wurde mit Spielern aus der ganzen DDR verstärkt und zur Saison 1950/51 in die Oberliga delegiert.

Dresden sucht die Superstars

Heute begründen sich Retortenclubs im Geld ihrer geltungssüchtigen ehrgeizigen Sponsoren, damals in geltungsbedürftigen engagierten Funktionären. Im Sommer 1950 wurden mehr als 40 Spieler der bestehenden VP-Gemeinschaften in Forst zusammengezogen, um aus ihnen den Kader für die künftige Schwerpunktgemeinschaft in Dresden zu casten. Die Parallelen zur Situation in Leipzig heute will natürlich keiner sehen, aber wer bei Dynamo Dresden von einer natürlich gewachsenen Tradition spricht, übersieht die Umstände der Gründung – bewusst oder unbewusst. Aber natürlich gab es Unterschiede. Zum einen hatten die Dresdner (damals noch „SG Deutsche Volkspolizei Dresden“) von Anfang an starken Rückhalt in der Bevölkerung erfahren und sich außerdem auf Anhieb als Spitzenmannschaft etablieren können. Vor allem aber wurde die erfolgreich gecastete Mannschaft ziemlich bald selber wieder aus Dresden abgezogen und so vielleicht die psychologisch bis heute verankerte Rolle als „Underdog“ geprägt.

Im November 1954 wurde die Mannschaft von Dynamo Dresden komplett nach Berlin delegiert, um dort unter dem Namen SC Dynamo Berlin (später BFC Dynamo) eine konkurrenzfähige Mannschaft aufzustellen. Damals hat das sogar funktioniert (mit Geld bekannterweise dagegen auch in fast 25 Jahren nach 1990 nie). Für die SGD ging es nach einer bitteren Abstiegsserie bis in die viertklassige Bezirksliga, bevor es wieder aufwärts ging. Nach einem Jahrzehnt im Fahrstuhl zwischen Liga 1 und 2 konnte sich Dynamo Dresden Ende der 60er in der höchsten Spielklasse, der Oberliga, etablieren und startete seine glorreiche Zeit mit dem ersten DDR-Double 1971 und Erfolgen im Europapokal, wo man viermal das Viertelfinale erreichte und im Verlauf der Wettbewerbe unter anderem den FC Porto, Juventus Turin und Benfica Lissabon in packenden KO-Spielen besiegte.

Andere Dresdner Vereine hatten in zu DDR-Zeit eher wenig zu melden. Die BSG Empor Tabak Dresden (heute SG Striesen) belegt mit einer einjährigen Präsenz den 177. Platz der ewigen Tabelle der 2. DDR Liga (hinter der BSG Aufbau Boitzenburg und der BSG Verkehrsbetriebe Waren), während der FSV Lokomotive Dresden (ein ziemlich DDR-typisch konstruierter Nachfolger des SC Einheit) immerhin Platz 17 belegt. Nach der Wende ging der FSV Lok zunächst im neu gegründeten DSC auf. Heute dürfen auch der TSV Rotation und der wiederbelebte FSV Lok Dresden als Nachfolger angesehen werden.

Keine Wende nach der Wende

Die Vereine mit dem größten (Traditions-)Potenzial in der Stadt sind also zur Wende der SG Dynamo, der neu gegründete DSC und die SG Dresden Striesen. Tatsächlich spielt der DSC bereits 1998 wieder in der Regionalliga und verbleibt dort bis 2003. In den Jahren 2000 bis 2002 spielt der DSC somit sogar höher als Dynamo, die zu der Zeit in der Oberliga sämtliche Publikumsrekorde knacken.

1992 gründet sich der FV Nord (heute SC Borea), um in den kommenden 20 Jahren mit einer hervorragenden Nachwuchsarbeit hinter dem DSC und Dynamo zu einer konstanten Größe im Dresdner Fußball zu werden. Von 1996–2011 spielt der Club aus der* am Rande der „Bunten Republik Neustadt“ in der Oberliga, bevor auch hier der berühmte Dresdner Pleitegeier über dem Jägerpark seine Kreise zog und ein Rückzug vom Ligabetrieb dazu führte, dass die Nordlichter heute „nur“ noch in der Landesliga antreten. Dennoch ist der SC Borea nach Dynamo Dresden der Dresdner Verein in der höchsten Spielklasse. Höher als in der Bezirksliga spielte nach der Wende außerdem der FV 06 Laubegast. Er gewann in der Saison 2001/02 die Meisterschaft in der Landesliga Sachsen und konnte sich danach drei Spielzeiten in der Oberliga halten. Heute steht Laubegast am Tabellenende der Bezirksliga.

Hinter der Stadtgrenze gab es zwar immer wieder ehrgeizige Ansätze in Radebeul, Heidenau und Pirna, aber über die Oberliga kam keiner hinaus und die Abstürze kamen meist schnell und heftig. Aktuell zeigt sich der frische Oberligist Heidenauer SV sehr selbstbewusst. Die Gerüchte über die Zukunft der mit Ex-Profis gespickten Truppe vermelden gerade alles von „die wollen in die Regionalliga“ bis „die sind eigentlich schon wieder pleite“. Fakt ist: Vieles hängt an zwei Großsponsoren, was immer immense Risiken mit sich bringt und wer seine eigene B-Jugend aus dem Spielbetrieb zurückziehen muss, weil die Spieler fehlen, hat in der Regionalliga garantiert (noch!) nichts zu suchen.

Um es kurz zu machen: Nach Dynamo kommt zur Zeit lange, lange nichts. Der DSC hat sicher nach wie vor mit Abstand das größte Potenzial, mit einem sportlichen Erfolg erneut Fans zu aktivieren und einen Hype zu erzeugen. Aber so richtig traut sich da offenbar derzeit kein großer Sponsor ran. Zu schmerzhaft bleibt die letzte Pleite in Erinnerung. Ob wir beim SC Borea wieder bessere Zeiten sehen werden, hängt in meinen Augen vor allem davon ab, wie viele Unterstützer das Talente-Zentrum künftig gewinnen kann – von der Regionalliga träumen hier derzeit hoffentlich nur die jungen Nachwuchsspieler. In der Bezirksliga agiert derzeit Post SV Dresden als bester Dresdner Club. Der Verein stellt aktuell keine A-Jugend, die B-Junioren stehen in der Stadtoberliga auf einem Abstiegsplatz.

Eine starke Nummer zwei ist derzeit nicht zu erkennen und ob eine Fusion helfen kann, mag bezweifelt werden. Einige sind der Meinung, das Fanpotenzial des DSC und die Nachwuchsarbeit des SC Borea könnten optimal zusammen fließen. Ein DSC Borea Dresden? Eher unwahrscheinlich, denke ich mal….

*Änderungen können sich aus Kommentaren ergeben.

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