Hermigervill – People need music

· 07.01.2013 · 1 Kommentar

Hermigervill leikur fleiri íslenzk lögHermigervill fiel mir zum ersten Mal beim Iceland Airwaves 2011 auf, als er hochkonzentriert ein Kabelchaos aus verschiedenen Plastiktüten an den richtigen Platz sortierte, um anschließend mit Berndsen Supermusik zu machen. Daraufhin sah ich Hermigervills Rotschopf auf einmal überall, auf Airwaves-Bühnen, am Theremin oder am DJ-Pult und seine eigenartig verschrobenen Synthie-Klänge blieben hängen. Natürlich war Hermigervill auch auf dem Iceland Airwaves 2012 am Start und nach einer Session im Eldhús, dem kleinsten Venue der Welt, entdeckte ich ihn dieses Mal sogar gemeinsam mit Retro Stefson auf der Bühne.

Hermigervills Auftritt mit Berndsen habe ich leider verpasst, genauso wie sein Abschluss-DJ-Set in der Nacht vom Samstag zu Sonntag. Aber »da ging es eh nur darum, ein Bier zu trinken und ein bisschen Musik spielen. Nach all dem Stress mit den vielen Kabeln war das DJing eher entspannend« erzählte mir Sveinbjörn Thorarensen, wie Hermigervill im echten Leben heißt, als wir uns nachmittags darauf im Cafe Babalú trafen, um über seine Musik zu reden. Synthie-Sound hat mich noch nie besonders angesprochen, deswegen ist mir meine Begeisterung für die Musik von Hermigervill ein kleines Rätsel …

 
Ich war sehr überrascht, dich mit Retro Stefson auf der Bühne zu sehen.

Ja, das hat alle überrascht. Natürlich nicht die Leute aus Island, die wussten ja, dass ich mit Retro Stefson zusammengearbeitet habe. Tatsächlich habe ich ihr aktuelles Album produziert. Sie hatten zwei Alben veröffentlicht, wirklich gute Alben, ich mag beide sehr. Aber dann wollten sie eine Veränderung. Und es ist ja immer gut, jemand Neues mit frischen Ideen ins Spiel zu bringen, wenn man etwas verändern will. Unnsteinn hatte eine Menge Ideen und ich war dafür da, diese Ideen zu realisieren. Mit ausgefallenen Electronics. Das war ein Riesenspaß. Ich liebe diese Kids.

Ich habe sie in Berlin kennengelernt, als ich mit Berndsen da gespielt habe. Das war der Auslöser für unsere Zusammenarbeit.

 
Du arbeitest mit so vielen verschiedenen Musikern zusammen und stehst mit einer Menge Projekten auf der Bühne. Bleibt da eigentlich noch Zeit übrig?

Ich weiß nicht. Nein, eigentlich bleibt da keine Zeit übrig.

Ich mache auch viele Remixe. Ich mag das wirklich sehr, etwas Neues zu erschaffen. Deswegen habe ich schon so ziemlich mit jedem aus der isländischen Musikszene gearbeitet.
Aber das macht ja einen Teil des Zaubers der Musikszene hier in Island aus. Alles und jeder hängt irgendwie mit allem zusammen.

 
Mit Tilbury habe ich darüber gesprochen, dass eben dieses Netzwerk ein Grund für die viele großartige Musik ist, die aus Island kommt.

Ja, auch. Zum Beispiel Amsterdam, wo ich einige Jahre gelebt habe, dort gibt es gar keine richtige Musikszene. Dort spielen jeden Tag so viele internationale Bands, dass einfach keine Notwendigkeit besteht, selbst Musik zu machen. Hier in Island ist das anders. Hier spielen nur aller paar Monate mal Bands von außerhalb. Und Menschen brauchen Musik. Also machen wir selbst eine Menge Musik.

 
Auf deine letzten beiden Alben hast du isländische Popklassiker gecovert…

Ja. Hast du einige der Originale gehört? Ich schicke dir welche!

// 1979

// 2005

// 1991

In den Sechzigern und Siebzigern hat isländische Popmusik eigentlich nie das Land verlassen. Nur die Menschen, die hier leben, kennen und lieben diese Songs. Mein Konzept basiert darauf, dass die Leute am Anfang nicht wirklich wussten, was sie mit Synthesizern anstellen sollten, als die ersten davon auftauchten. Statt elektronische Musik damit zu machen, dachten sich eine Menge Jungs »lass uns damit ein paar Beatles-Songs spielen« oder andere Popsongs aus dieser Zeit. Und dadurch gab es fast ein ganze Genre an Produktionen mit diesem tollen Siebziger-Sound, die aber nur Coverversionen waren. Ich finde solche Aufnahmen immer wieder, ich liebe sie und ich sammel sie. Weißt du, es gibt da diese Franzosen, zum Beispiel Jean-Jacques Perrey – kennst du den?

 
Nein.

Such den mal auf Google. [Jean-Jacques Perrey]

Der hat eine ganz ähnliche Ästhetik. Das hat alles sehr viel Humor. Denn sie haben diese Songs genommen, aber es klingt nie, als ob eine Band spielt, sondern man hört immer diese ulkigen Sounds, wie »yep yep yep«, wie eine Ente oder sowas. Ich liebe das und deswegen wollte ich das auch machen. Aber nicht genau dasselbe, deswegen musste ich mir ein Konzept überlegen. Also habe ich meine liebsten isländischen Popsongs in diesem Synthie-Sound interpretiert.

 
Bist du mit diesen Songs aufgewachsen?

Ja, absolut. Diese Songs sind in meinem Blut.

 
Im Gegensatz zu all der Melancholie, die man isländischer Musik oft zuschreibt, stimmen mich deine Songs immer fröhlich. Was meinst du, woher kommt das? Bist du eher ein fröhlicher Typ?

Ja! Die Leute, die es zur isländischen Musikszene zieht, erwarten immer Wasserfallmusik. Keine Ahnung.
Aber ich denke, in meinem Herzen bin ich sehr melancholisch.

 
Und diese Melancholie drückst du in lustigen Sounds aus?

Ich weiß nicht wo das herkommt. Irgendwie versuche ich mein ganzes Leben lang schon … naja, alles was ich mache, versuche ich normal zu machen. Aber dann kommt doch nie was Normales, sondern immer irgendwas Seltsames dabei raus. Am Ende stellt sich das ja immer wieder auch als ein Segen heraus, aber trotzdem …

 
Hast du jemals versucht, mit deiner Musik auch ein Publikum außerhalb von Island zu erreichen?

Das ist kompliziert. Ich habe für viele Jahre im Ausland gelebt, insgesamt sechs Jahre. In Amsterdam, und Antwerpen, ein Jahr in Schweden, dann wieder in Belgien. Als Kind habe ich auch vier Jahre lang in Belgien gelebt. Also war ich einen großen Teil meines Lebens im Ausland. Aber ich bin mit der Welt hier immer sehr verbunden geblieben. Allerdings ist es hier ziemlich schwierig – ich bin nicht besonders gut in Networking und auch nicht darin, mein Zeug außerhalb von Island zu veröffentlichen. Ich bin am liebsten zu Hause und im Ausland bin ich damit nie von selbst vorangekommen.

Ich bin eben erst zurück nach Island gezogen. Das fühlt sich gerade nach einem guten Schritt an, vielleicht. Ein bisschen wie ein Sprungbrett, weil jeder hier… Ich hab keine Ahnung, wie ich es erklären soll. Tatsächlich habe ich diese beiden Alben mit den Coversongs von den isländischen Klassikern geschrieben, als ich nicht in Island gelebt habe. Man könnte das also auch als eine Art Nostalgie betrachten. Oder du nennst es Heimweh.

Eigentlich habe ich sogar oft bewusst versucht, das alles unklar zu halten. Ich mag den Gedanken, dass Leute meine Musik in zwanzig Jahren entdecken und denken »Oh! Was hat denn dieser Typ gemacht?!«. Das liegt auch daran, dass ich es so sehr mag, Platten zu sammeln und dass ich es liebe, dreißig Jahre alte Platten zu finden, von denen niemand je was gehört hat, und darin die Genialität zu entdecken. Ich mag es, hinter den Kulissen zu bleiben. Wie zum Beispiel mit Berndsen. Eine Menge Leute wissen nicht, dass ich auch hinter diesem Projekt stehe. Es ist immer wieder eine lustige Überraschung. Ich liebe diese Überraschung, wenn die Leute kommen, um Berndsen zu sehen.

 
Ich kann dir gar keine kompetenten technischen Fragen zu deiner Musik stellen. Es ist so gar nicht mein Genre und ich wundere mich immer, dass mir das so gefällt, was du machst.

Ach, der ganze technische Kram tut ja auch nicht zur Sache. Technisch kann man machen was man will, aber es geht ja eigentlich um den Geist. Ich bin ein ziemlicher Außenseiter in dieser »real« elektronischen Musikszene. Die Leute sind immer so besessen davon, alles in das richtige Genre einzusortieren, bis alles passt. Aber davon verstehe ich nichts. Ich habe versucht Dance Music zu machen und House. Aber ich kriege es nicht hin. Irgendwie wird es immer … irgendwas anderes. Ich kann das nicht kontrollieren.
Meine Musik passt nicht wirklich gut in Clubs oder zum Tanzen für DJ-Sets. Meistens ist sie zu unberechenbar. Es ist vielleicht eher elektronische Musik mit einem Rock-Spirit.

 
Wieviel improvisierst du bei deinen Auftritten?

Ich würde sagen halb-halb. Es gibt schon Strukturen aber dann funktionieren manchmal Sachen nicht. Ich drücke einen Knopf und nichts passiert. Was bleibt mir dann übrig? Das passiert andauernd. Tatsächlich denke ich manchmal, dass ich bald mal sowas wie einen Schlaganfall haben werde, denn das ist unglaublich stressig, wenn dauernd irgendwas nicht geht und ich improvisieren muss.

 
Wird es denn vorher noch Gelegenheit geben, dich in Deutschland zu sehen? Ich wüsste einige, die sich darüber freuen würden.

Ich spiele öfter mit Berndsen in Deutschland. Vielleicht auch mit Retro Stefson.

 
Hermigervills erste beiden Alben können über seine Website kostenlos heruntergeladen werden:
Lausnin (2003) // Sleepwork (2005)

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