Extremer Fachkräftemangel bei Schiedsrichtern: Wie zeitgemäß ist die Struktur?

· 01.09.2012 · 1 Kommentar

In Deutschland gibt es rund 80.000 Fußballschiedsrichter und -schiedsrichterinnen. Bei etwa 100.000 Spielen pro Wochenende reicht diese Zahl nicht aus, weshalb mancher Schiri zwei- oder mehrmals pro Woche Spiele leiten oder die untersten Klassen der Jugendmannschaften nicht mit offiziellen Schiedsrichtern angesetzt werden können. Hier pfeifen dann Betreuer, Eltern oder Trainer.

Leider tut sich der deutsche Fußball sehr schwer damit, neue Schiedsrichter zu gewinnen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, denen man eventuell eher mit einem kompletten Strategiewechsel  begegnen sollte als mit Einzelmaßnahmen?!?

Undankbare Aufgabe

Natürlich ist die Aufgabe nicht gerade die dankbarste. Machst Du deine Aufgabe gut, vergisst man Dich, machst Du Fehler, bist Du der größte Arsch der Welt. Der Schiri muss also bescheiden sein und trotzdem selbstbewusst. Eine Kombination von Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft nicht gerade zu wachsen scheint. Man muss mit Kritik umgehen können, die oft persönlich wird und mit einem gewissen Grad Bürokratismus, denn der deutsche Fußball ist besser organisiert als manche Behörde.

Andererseits sind doch auch Jobs in Behörden weiterhin hochgradig begehrt und auch da muss man damit leben, dass andere mehr Anerkennung aus der eigenen Leistung ziehen als man selbst. Es gibt also garantiert Potential, mehr Leute für diese Aufgabe zu gewinnen, nur wird dort in meinen Augen vieles falsch gemacht.

Wie zeitgemäß ist die Zugehörigkeit zu Vereinen?

Derzeit gehören Schiedsrichter im Amateurbereich einem Verein an. Die Vereine wollen, dass die Spiele ihrer eigenen Teams die besten Rahmenbedingungen vorfinden, also müssen auch sie je nach Anzahl ihrer Mannschaften und teilweise auch abhängig von deren Spielklasse, eine Mindestanzahl von Schiedsrichtern stellen. Soweit so gut. Oder auch nicht? Ich persönlich halte es für zwingend notwendig, über die Schaffung eines eigenen Schiedsrichtervereins (angegliedert an den Stadt- oder Kreisverband) nachzudenken.

Erstens ist die Bindung der Schiedsrichter in den Vereinen oftmals eh nicht besonders eng. Sie sind – auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt – oftmals Fremdkörper im Vereinsleben und erhalten weder den nötigen Respekt noch die nötige Ausbildung und Unterstützung. Kein Mensch kommt auf die Idee, Schiedsrichterabteilungen zu sponsern (nicht einmal Anwaltskanzleien), um ihnen die Aufgabe durch gemeinsame Abendessen, Weiterbildungen, Klamotten etc zu versüßen. Im Grunde ist der Schiedsrichter in vielen Vereinen eher notwendiges Übel als wohl gelitten. Ganz besonders gilt das übrigens leider für weibliche Schiedsrichter, dabei sind diese nicht nur im Nachwuchsbereich eine große Bereicherung und insgesamt das größte Potential!

Und auch beim Rekrutieren neuer Schiedsrichter muss nun jeder Verein sehr viel Zeit (und  wenn vorhanden Geld) investieren. Plakate, Anzeigen, Pressearbeit und vor allem unermüdliches Netzwerken sind nötig, um eventuell einen oder zwei Nachwuchsschiedsrichter zu gewinnen.

Zentralisiert (oder spezialisiert) ginge vieles einfacher

Punkte, die man in einem zentralen Verein wesentlich effektiver gestalten könnte. Respekt, Verantwortung füreinander und die sportliche und psychische Weiterbildung könnte viel, viel besser sein als es ein Verein je darstellen kann. Auch könnten Frauen wesentlich besser für die Aufgabe begeistert und dauerhaft integriert werden, was in den immer noch anachronistisch geführten Fußballvereinen (egal ob Stadt oder Land) weiterhin unmöglich scheint. Auf dem Fußballplatz wird im Stehen gepinkelt.

Die Herausforderung für die Schiedsrichterinnen wächst (Besuchen sie mal Jugendspiele in Berlin oder unterklassige Amateurspiele in NRW) ebenso wie die Herausforderung, neue Schiedsrichterinnen zu gewinnen. Beides können Fußballvereine derzeit in den allermeisten Fällen nicht alleine stemmen. Darum sollte diese Struktur eindeutig überdacht werden, auch wenn viele Schiedsrichter, die seit 20, 30 oder 50 Jahren in ihren Heimatvereinen engagiert sind, mir jetzt wahrscheinlich massiv widersprechen. Aber so ist nun einmal die neue Zeit. Es gibt auch noch Leute, die mir erzählen, dass es möglich sein muss, in der Landesliga mit einem Etat von 5.000 EUR auszukommen, weil es früher ja auch ging….

PS: Wer sich für die Aufgabe als Schiedsrichter interessiert, kann sich gerne hier melden.

 

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