Berlin Music Week 2012: Da geht noch was

· 13.09.2012 · Keine Kommentare

Noch nie habe ich auf einer Musikveranstaltung so wenig Livemusik erlebt, wie auf der Berlin Music Week. Das lag ganz bestimmt auch daran, dass ich mit Donnerstag und Freitag genau die beiden Abende arbeitsbedingt verpasst habe, die bis oben hin mit den interessantesten Showcases vollgepackt waren. Die Entscheidung für eine der Veranstaltung wäre mir an diesen beiden Tagen sicher nicht leicht gefallen. Und entscheiden musste man sich aufgrund der Entfernungen zwischen den teilnehmenden Locations oft gründlich. Von Club zu Club ziehen und überall mal reinschauen oder -lauschen erfordert in Berlin oft einiges an Aufwand.

Word On Sound
Mit Word On Sound richtete sich die Berlin Music Week mit einem Programm aus Workshops, Vorträgen und Diskussionen an Musiker und andere Professionelle aus dem Musikbereich. Von Mittwoch bis Freitag trafen sich die Teilnehmer – in einer viel entspannteren Anzahl als erwartet – ab morgens im Spreespeicher, direkt neben dem Gebäude von Universal Music. Die räumliche Nähe zum Major strahlte jedoch nicht auf die Veranstaltung aus, die sich auf den Independent-Bereich konzentrierte.

Vom Vergleich verschiedener Philosophien bei der Veranstaltung von Festivals (Distortion, Kopenhagen/Öresundsfestival, Malmö) über Social-Media Nachhilfe für ein Label (City Slang) bis hin zu Finanzierungsmöglichkeiten in der Musikkultur – innerhalb der gesamten Bandbreite an angerissenen Themen, die von internationalen Sprechern erläutert und kommentiert wurden, standen immer wieder dieselben großen Fragen im Raum:

– Wie kann ein Künstler mit seiner Musik so viel Geld verdienen, dass er davon leben kann?

– Wer darf daran mitverdienen und wie?

– Was ist Musik – und Kultur – überhaupt wert?

Während sich die Künstler dazu eher resigniert bis pessimistisch äußerten, wirkten die Businessvertreter höchstens angespannt, teilweise sogar optimistisch. Steckt die Musikindustrie wirklich noch in der großen Krise? Oder bietet die Veränderung der Marktsituation weg vom Tonträgerverkauf hin zum „Erlebnis Musik“ mit Fokus auf Festivals, Konzerten und dem Künstler als Gesamtpaket genügend Chancen für die, die sie zu nutzen wissen? Spannende Themen, zu denen durch unterschiedliche Sichtweisen viele Denkanstöße gesammelt wurden. Es hätte stellenweise durchaus noch mehr in die Tiefe gehen und mehr Antwortversuche geben können, aber am wichtigsten ist es ja, was jeder aus all dem Denken und Reden macht.

15 Jahre Radioeins oder die Eröffnungsparty zur Berlin Music Week
Am ersten Abend der Berlin Music Week feierten diese ihre Eröffnung und Radioeins sein 15jähriges Bestehen gemeinsam in einem Abwasch und mit einem eher fragwürdig zusammengestellten Lineup (Olli Schulz, Budzillus, Jonathan Jeremiah, Gemma Ray und Archive). Entsprechend unbestimmt und relativ nüchtern fühlte sich auch die Stimmung im zweckmäßigen Tempodrom an, bis Archive schließlich für das lange, bei Networking und Freigetränken verbrachte, Warten entschädigten. Leider traten Archive nicht wie angekündigt mit dem Filmorchester Babelsberg auf. Band und Orchester hatten sich während der Probe einvernehmlich darauf verständigt, dass diese Konstellation mehr Probetage erfordert hätte, um wirklich zu funktionieren. Trotzdem gaben Archive mit neuen Songs und neuer Sängerin einen mehr als lohnenden Ausblick auf ihre bevorstehende Europatour. Unbedingt hingehen! Für das Konzert in Dresden verlosen wir hier immer noch Tickets.

Berlin Music Week – Das Wochenende
Zeitgleich mit der Berlin Music Week fand am vergangenen Wochenende auch das Berlin Festival statt. Irgendwie auch im selben Rahmen, aber doch völlig unabhängig davon. Bedeutet im Klartext: Extra Ticket bzw. extra Akkreditierung, extra Bändchen, extra Stempel. Das Lineup am Samstag war mir den Preis für ein Tagesticket nicht wert, also hielt ich mich ans (engere) Programm der Berlin Music Week und da stand nicht viel mehr zur Auswahl, als die Berlin Clubnacht: Drei von den Magazinen Intro, 030 und Siegessäule kuratierte Touren luden ein, die (kleineren) Clubs der Stadt zu erkunden; Zwischen den Clubs fuhren Shuttlebusse. War ich zur falschen Zeit unterwegs oder lag’s am Berlin Festival? – Ich habe nie auch nur einen Bus gesehen, in dem mehr als 3 Personen saßen. Nachdem mein erster Anlaufpunkt, Bi Nuu, gleich mal geschlossen hatte (mehr oder weniger im Programmheft angekündigt: „falls geöffnet“), schaffte ich dann auch nur noch einen Club und verbrachte den Rest der Nacht im Cassiopeia mit Hip-Hop. Yo, Man!

Es ist ja absolut nachvollziehbar, dass sich Berlin Music Week und Berlin Festival keine Konkurrenz machen, vor allem wenn das eine im Rahmen des anderen und so, aber ein bisschen mehr alternatives Live-Programm hatte ich mir an einem Samstagabend dann irgendwie doch erwartet.

Über die Dächer zum Nachwuchs
Am Sonntag verabschiedete sich die Berlin Music Week mit dem von tape.tv und SPIEGEL Online veranstalteten Auf den Dächern Festival, bei dem Künstler wie Ghostpoet, Max Herre und Cro auf drei Dächern an der Spree auftraten. In einem Public Viewing-Bereich, in dem es wie auf einer Werbeveranstaltung von VW zuging, konnte das Geschehen auf den Dächern via Leinwand verfolgt werden. Währenddessen kämpften im Admiralspalast neun Newcomer um den New Music Award. Den mit 10.000 Euro dotierten Preis räumte schließlich die Hamburger Band Tonbandgerät ab. Ob sich eine Band, die den Deal mit Universal Music schon in der Tasche hat, als Newcomer bezeichnen darf, sei mal dahingestellt. Mit Special Guest Philipp Poisel klangen New Music Award und Berlin Music Week aus. Auch wenn ich mit seiner Musik nicht viel anfangen kann, in dem Moment als Poisel den ersten Song seines Sets wegen technischer Probleme vollkommen akustisch performte, war ich schon ein bisschen froh, dabei (gewesen) zu sein.

Fazit
Die Berlin Music Week präsentierte sich ganz so wie man Berlin kennt, so gut man Berlin eben kennen kann, wenn man nicht in dieser Stadt lebt: International, kreativ und dabei zerstreut und unübersichtlich. Das Gesamtkonzept der Berlin Music Week ist mir letztendlich nicht ganz aufgegangen. Wie oft habe ich in diesen vier Tagen den Satz gehört: „Das findet zwar im Rahmen der Berlin Music Week statt, hat aber ansonsten nichts damit zu tun“?! Für viele der Einzelveranstaltungen musste man sich extra anmelden, extra akkreditieren, extra Eintritt zahlen oder am Einlass seinen Namen aufsagen, der dann hoffentlich auf irgendeiner Liste stand. Und so zierten allnächtlich diverse verschiedenfarbige Plastikbändchen und Stempel das Armgelenk. Macht ja auch was her.

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