Workshop Musikkritik

· 21.06.2012 · 3 Kommentare

Wer soll sich das eigentlich alles anhören? Frage ich mich oft angesichts der Veröffentlichungs- und Konzertankündigungen, die jede Woche in unserem Redaktions-Mailfach eingehen. Und wer soll das alles lesen? Frage ich mich weiter, wenn ich einen Artikel vom Mittelstern in die Welt schicke.
Jeder kann heute alles veröffentlichen, was ihm in den Sinn kommt. Musik zum Beispiel. Oder Texte über Musik. Und abgesehen von der persönlichen Hemmschwelle und dem eigenen Anspruch gibt es hinsichtlich der Qualität des Outputs keinerlei Einschränkungen.

Mein eigener Anspruch brachte mich schließlich dazu, am Workshop Musikkritik der Scheune Akademie teilzunehmen. Ich erhoffte mir, mit etwas mehr Handwerkszeug sicherer bessere Texte über Musik verfassen zu können, als mit meinem bisherigen Ansatz „aus dem Bauch raus“ zu schreiben.

Unter der Anleitung von Andreas Körner (DNN, Sächsische Zeitung, Körners Corner) verfasste jeder der vier Teilnehmer während des Workshops mindestens vier Texte, an denen zwischen den gemeinsamen Treffen in individueller Abstimmung mit Andreas weitergearbeitet wurde. Meine erste Verunsicherung durch das ungewohnte Feedback zu den eigenen Texten wich bald einer kaum gekannten Produktivität durch den auf einmal vorhandenen Termindruck. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Vermittlung von Handwerkszeug Andreas nur ein sekundäres Anliegen war. Ihm ging es vielmehr darum, dass jeder Teilnehmer zu seinem persönlichen Stil findet und sich darüber klar wird, wo er mit seiner Schreiberei hinwill. Oder eben nicht. Und so fiel auch das Fazit des Workshops für jeden von uns anders aus.

»Musik zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Oft bleibt in den gegenwärtigen Medien die Musikkritik an der Oberfläche stecken. Klischees werden immer wieder abgespult, und haben auch mich längst befallen. Ich habe im Workshop gelernt, dass Kritik mehr sein muss, als mein Halbwissen mit scheinbaren Fakten aufzuhübschen. Und dass Musik manchmal schwer zu greifen ist, um Worte daraus zu formen. Der Journalist Andreas Körner brachte meine instabilen Textgerüste zum wanken. Ich musste lernen, sie bei jedem Konzertbesuch neu zu konstruieren. Letztendlich bin ich mehr bei mir angekommen, etwas geerdeter (und wachsamer gegenüber den Medien). Und ich habe eingesehen: Musikkritik ist ein Handwerk wie jedes andere Handwerk auch, es erfordert Zeit und jede Menge (Hör-)Erfahrung.« (Jana)

Die individuelle Herangehensweise an das Thema Musik und Musikkritik war Ausgangspunkt für eine Menge Fragen, Antwortversuche und lebhafte Diskussionen: Ist „Indie“ eigentlich ein Genre? Was ist Musikkritik überhaupt und wie unterscheidet sie sich von wertender Beschreibung? Auf die Fragen, die (sich) auch schon Andrea in der Ankündigung zum Workshop gestellt hat – »Muss ich musikwissenschaftlich gebildet sein, um über Musik “richtig” zu reflektieren? Ist das theoretische Einordnen in größere Zusammenhänge wichtiger als das “praktische Erleben” auf Konzerten?« – muss wohl jeder seine eigene Antwort finden.

Warum ich das hier eigentlich mache?
Die Antwort darauf ist mir durch die Arbeit mit Andreas noch klarer geworden. Gleichzeitig hat mich der Workshop aber auch mit der Frage nach der Bedeutung von Musikjournalismus bzw. Blogs wie Mittelstern für Dresden konfrontiert. Fehlt es der Veranstaltungsszene hier tatsächlich an kompetenten Musikjournalisten oder gelegentlich eher an aufgeschlossenem Publikum? Kann man mäßig Musikinteressierte durch gute Texte besser oder überhaupt erreichen oder ist es vermessen, zu erwarten, dass das Schreiben bzw. Bloggen über Musik einen Einfluss auf das „Musikverhalten“ der Zielgruppe haben kann? Und welche Rolle spielt das, außer für die eigene Eitelkeit, überhaupt?

Wer soll das eigentlich alles lesen? Und wen interessiert‘s?

 

TV Noir Konzert mit Jonas David und Polyana Feribel, 18.05.2012, scheune Dresden
Zu diesem Konzert entstand im Workshop Musikkritik von jedem Teilnehmer ein Text, drei davon sind auf Mittelstern veröffentlicht:
Wärmer als in Italien
Schuster bleib bei deinen Leisten
Pärchenkonzert

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