SPOT Festival: Chorus Grant im Interview

· 18.05.2012 · Keine Kommentare

Chorus Grant ist das Solo-Projekt des River Phoenix Leadsängers Kristian Finne Kristensen.»From computer-grunge pop, to 50’s do-do run run and Dylan’esqe folk« sind es vor allem die eingängigen Melodien, die seine Songs zu dauerhaften Wegbegleitern machen. Sei es, weil man sie tatsächlich immer wieder hört oder weil sie einem nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Das Debütalbum And The Villa Nova erschien gerade auf dem dänischen Label Speed Of Sound und ist in Deutschland als Download z.B. über den iTunes Store erhältlich. Um mehr über Chorus Grant zu erfahren, traf ich mich beim SPOT Festival mit Kristian, der so viel zu erzählen hatte, dass ich vollkommen vergaß, sinnvolle Fragen zu stellen.

Vergessen oder gar nicht erst aufgenommen habe ich dann leider auch alle erwähnenswerten Details zum – sehr späten – Auftritt von Chorus Grant. Nach zwei vollgepackten Festivaltagen waren alle Kapazitäten erschöpft und bei jedem Versuch, mich an diese Show zu erinnern, leuchtet außer einer positiven Grundstimmung nur noch ein grünes Licht auf.

Musik an

 
Interview los

Ich habe nicht viel über dich rausgefunden, aber deine Songs auf Soundcloud gehört … und bin an den Melodien hängen geblieben …
Das ist ein gutes Zeichen.

Ok. Dann erzähle ich dir, um was es geht.
Ich denke, ich muss damit anfangen, dass ich vorher in einer anderen Band gespielt habe.

The River Phoenix?
Ja, mit denen habe ich sogar viel in Deutschland gespielt, denn wir waren bei einem Label aus Hamburg, Nettwerk. Wir waren sehr glücklich, dass wir außerhalb von Dänemark spielen konnten, denn hier gibt es nicht so viele Möglichkeiten zu spielen…
Aber hier geht’s ja nicht um The River Phoenix. Chorus Grant hat sich aus The River Phoenix entwickelt, denn es gibt so viel in dieser Noise Rock, Indie Rock-Szene, das finde ich so … so streng. Du kannst nur diese Sache machen, musst dieses bestimmte Image haben, du musst auf eine bestimmte Art spielen. Alles, was ich tun wollte – schöne Melodien, gute Songs auf der Akustikgitarre spielen, mal einen Folk- oder einen Dance Song, das konnte ich mit The River Phoenix überhaupt nicht.
Deswegen habe ich angefangen, für mich selbst aufzunehmen. Und auf einmal waren da ruhige Songs wie Her Face in Sun, Golden Head By Golden Head, Everything Red … die akustischen Stücke und auf der anderen Seite Wolves, Big Guns …

Big Guns mag ich sehr, das ist so eingängig –
Genau! Und für mich ist das Neue daran, dass ich mich traue, einfach einen eingängigen Song zu spielen, ohne zu viel darüber nachzudenken.

Und mit der Band ging das nicht?
Auf keinen Fall! Wir waren fünf Leute in der Band. Und obwohl ich alle Songs geschrieben habe, hatten wir sowas wie eine Demokratie, jeder hat seine Ideen eingebracht. Also, als Regierungsform für einen Staat glaube ich schon an Demokratie. Aber als Musiker wird es sehr viel einfacher, wenn man alles selbst entscheiden kann.
Also habe ich alle Instrumente selbst eingespielt. Und … seitdem macht es wieder so viel Spaß.

Alle Instrumente?
Ja, aber mit Hilfe des Computers und Samples hier und da. Was für mich auch eine vollkommen neue Welt ist. Das ist komisch, denn andere machen das schon seit vielleicht 30 Jahren oder so und für mich ist das alles ganz neu. Und es bedeutet, dass ich jetzt auf einmal alles machen kann. Und genau das will ich. Ich will alles machen. Alles ausprobieren, jedes Genre. Ich denke, das einzige Genre, das ich wahrscheinlich nicht anfassen werde, ist diese Punk/Ska-Richtung mit den Bläsern … und Reggae mag ich auch nicht.

Ich auch nicht.
Ich werde also kein Reggae und keinen Ska machen.

Aber alles andere kann ich mir vorstellen. Was daran so schön ist, und warum ich glaube, dass es funktioniert – wenigstens funktioniert es für mich, ich weiß nicht, was andere darüber denken – weil ich alles selbst zu Hause aufnehme und eigentlich gar nicht weiß, wie man was aufnimmt, damit es richtig gut klingt – ich meine ‚gut‘ aus der Sicht eines Tontechnikers – genau deswegen, denke ich, passen all die verschiedenen Genres irgendwie zusammen. Ohne dass man sich ständig fragt – was ist das jetzt? Jetzt ist es Dance, jetzt ist es Folk … es ist alles durch diese Maschine gegangen, die nicht so besonders gut klingt. Deswegen nenne ich es gern – man sucht ja immer nach einem Wort, das beschreibt welche Art von Musik man macht – also, statt zu sagen es ist ein bisschen Folk, ein bisschen Dance, ein bisschen dies und das – hatte ich die Idee, dass Computer Grunge ein gutes Wort dafür ist.
Natürlich denkt man dann gleich an die Grunge-Bands aus Seattle, Nirvana, Pearl Jam usw. Aber die wurden so genannt, weil dieses „grunge“ etwas Schmuddeliges, Zusammengewürfeltes meinte, etwas, das nicht clean ist – deswegen mag ich den Begriff. Nicht, weil ich sagen will, ich klinge wie Nirvana. Für mich macht das Sinn.

Du machst also alles komplett selbst?
Ja.
Nun, um ehrlich zu sein, es gibt da jemanden. Er ist sogar sehr bekannt, zumindest in Dänemark. Aber ich glaube, er wird demnächst auch in Europa spielen – Brian Batz. Er hat eine Band, die heißen Sleep Party People.

Ja, von denen hab ich schon gehört.
Genau, die Band mit den Hasenmasken.

Die finde ich gut.
Ja, sehr interessant. Wenn man mit der verzerrten Stimme klar kommt – I AM SORRY ABOUT THAT, Brian!

Brian ist wie ich auf der Ostseeinsel Bornholm aufgewachsen – von da aus gibt’s sogar eine Fähre nach Deutschland, ich glaube nach Rügen – aber seit wir in Kopenhagen wohnen, macht er sein Zeug und ich meins und aus meiner Sicht, gibt’s da sowas wie einen kleinen Wettbewerb. Ich weiß ganz sicher, dass er ehrlich davon überzeugt ist, dass das nicht so ist. Aber ich denke, sowas ist ganz natürlich …
Als es damals nicht so gut lief mit The River Phoenix und unsere Freundschaft sich in eine Richtung entwickelte, die mit der Musik kollidierte, so dass es war besser aufzuhören, um Freunde bleiben zu können – das war der Zeitpunkt, als Brian mit Sleep Party People plötzlich bekannter wurde. Also entstand dieser Wettbewerbsgedanke wohl hauptsächlich aus mir selbst, weil ich dachte ‚Warum kann ich nicht ein bisschen Spaß mit meiner Band haben?‘
Damals rief ich Brian an, um ihm zu gratulieren. Und ich erzählte ihm, dass ich da ein paar Songs habe und fragte, ob er sich die mal anhören will. Das war auch neu für mich, meine Freunde, die mit Musik zu tun haben, meine Songs hören zu lassen. Nicht weil ich Feedback wollte – ich wollt sie so lassen wie sie sind – sondern einfach um zu zeigen, das mache ich jetzt. Ich mache jetzt was anderes, als dieses alte Indie/Noise Rock-Ding. Und Brian war derjenige, der mich mit seinem Label in Dänemark zusammenbrachte und der mir half, vor allem diese Dance-Sachen mit den Drums zu mixen und zu mastern.

Die Band River Phoenix gibt’s also gar nicht mehr?
Ich glaube nicht, dass wir noch mal spielen werden. Aber wir haben niemals gesagt, es ist vorbei. Wir haben zusammen gespielt, seit ich 16 war, heute bin ich 30. Das war so ein riesiger Teil von uns allen. Deswegen fühlen wir uns alle besser, wenn wir sagen wir machen sowas wie eine lebenslange Pause. Das ist blöd, fühlt sich aber besser an, weil man sich damit dann nicht so auseinandersetzen muss.
Ich bin nicht so besonders glücklich über Auseinandersetzungen mit den Menschen, die ich liebe. Ich will sie lieber weiter in meinem Leben haben.

Erzähl mir was davon, um was es in deinen Songs geht
Nun, das hat alles sehr viel mit diesem Haus zu tun, The Villa Nova. Ich bin ganz in der Nähe dieses Hauses aufgewachsen. Einige der Songs sind fiktive Geschichten darüber, was sich in dem Haus abgespielt hat. Das Haus ist heute sehr zerfallen, eine Ruine – ein bisschen wie ein Geisterhaus. Einige Songs handeln vom realen Leben, von mir, wie ich in der Gegend aufgewachsen bin. Andere, zum Beispiel ganz besonders A Letter From Karen – das sich genremäßig an den 50er, 60er Jahren orientiert – da geht’s um die Idee: Was wäre, wenn ich damals gelebt hätte?

Mein Vater war oft in der Villa Nova. Er spielte mit seiner Band da und wenn ich Bilder von damals gesehen habe, wollte ich immer wissen, wie es damals war, was da so passiert ist . All die Einheimischen haben sich dort getroffen und es gab eine Kaserne, in der Leute aus Kopenhagen stationiert waren, um ihren Wehrdienst abzuleisten. Und alle haben sich in der Villa Nova getroffen. Also stell‘ dir das in den Mittsechzigern vor – es ist endlich Wochenende und all diese Leute, die Einheimischen und die Mädchen treffen sich mit den Soldaten, um Rock’n’Roll-Musik zu hören. Da baut sich eine Spannung auf, Liebe, Kämpfe … das alles interessiert mich total. Und ich wollte immer, dass mir mein Vater davon erzählt, was er aber nie gemacht hat. Wahrscheinlich fasziniert es mich deswegen noch mehr.

Erinnerst du dich an den Film „Zurück in die Zukunft“ … diese Zeitmaschine … das wird jetzt vielleicht ein bisschen bizarr … aber es geht um die Idee. Ich habe diese Songs mit der Vorstellung geschrieben, dass es möglich wäre, als junger Mann auf meinen Vater zu treffen, der im selben Alter ist wie ich und mich nicht kennt. Ich bin die nächste Band, die auf der Bühne spielt, auf der er grade noch mit seiner Band stand – die hießen The Vanguards – sie haben gerade aufgehört zu spielen „Love love me do …“, gehen von der Bühne und die Mädchen sind verrückt nach ihnen… Und dann werde ich angekündigt: ‚Da ist dieser Typ, wir wissen nicht wer er ist und woher er kommt, er nennt sich Chorus Grant.‘ Und dann bin ich da, mit meinem Computer und der Akustikgitarre. Was für ein merkwürdiges Szenario … und ich spiele meine Songs, die die Leute nicht einordnen können. Nicht so sehr, weil es so außerirdisch klingt, sondern eher weil sie sich wundern, was das für eine Maschine ist … das würde sich gut in einem Video machen, wenn ich das Geld dafür hätte …
Vor allem dieses Bild, an dem irgendwas nicht stimmt. Klar, ich bin ja aus der Zukunft … keine Sorge, ich finde das selbst auch verrückt. Das ist so in etwa die Idee … diese seltsame Welt, in der alles erlaubt ist, weil ich aus der Zukunft bin. Es gibt niemanden, der sagt – oh, das ist Dance Song, den kannst du nicht nach einem Folk Song spielen – ich kann machen was immer ich will, denn ich bin aus der Zukunft.

Ok, so in der Art kann ich mir dann also deine Show heute Abend vorstellen?
Ja.
Na gut,… lass es mich so sagen: Komm zur Show und sei in deinen Gedanken an diesem Ort, in der Villa Nova … da spielt dieser Typ, du weißt nichts über Genres und all das. Du kennst die Beatles und du liebst sie, hast sie gerade gesehen. Und danach spielt da diese andere Band. Sei einfach offen und versuch nicht, die Songs in irgend ein Genre einzuordnen. Hör einfach zu und ich denke, dann wird es ein zauberhaftes Erlebnis.

Zumindest hoffe ich das. Ich bin natürlich sehr aufgeregt. Wir haben bis jetzt noch nicht so viele Konzerte gespielt. Wir waren aber gerade als Support mit When Saints Go Machine auf Tour. Das war sehr gut für uns, um etwas bekannter zu werden.

Du spielst deine Songs live mit einer Band?
Ja, ich habe ein paar sehr talentierte Musiker um mich. Ich war anfangs nicht sicher, wie ich live auftreten will. Eine Idee war, alleine auf die Bühne zu gehen, nur mit dem Computer und der Gitarre. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich eine Band habe. Da ist Bjørn an Gitarre und Keyboard, der bei Death By Kite gespielt hat und jetzt mit Flag White sein eigenes Ding macht. Thomas am Schlagzeug ist vermutlich der größte Star in meiner Band – Thomas war für 10, 12 Jahre der Schlagzeuger von Efterklang. Und dann mein Freund Moogie Johnson an Bass und Synthesizer. Er hat für die dänische Band Our Broken Garden gespielt. Es macht mich sehr stolz, dass diese Musiker meine Songs mit mir spielen. Vor allem weil ich denke, dass sie keine besonders große Herausforderung darstellen, um sich als Musiker weiterzuentwickeln. Sie alle mögen die Songs einfach nur. Und genau darum geht’s. Es geht um die guten Songs.

Und – vorsichtig ausgedrückt – ich würde mich zukünftig gern in einer Familie mit Beck sehen, im Sinne davon, dass er von Album zu Album völlig unterschiedliche Sachen gemacht hat. Das will ich auch machen, aber alles auf nur einem Album. Ich werde wahrscheinlich nicht rappen oder in Scientology eintreten, aber musikalisch ist Beck eine meiner größten Inspirationen.

Du spielst heute auch noch mit einer anderen Band, Green Pitch …
Ja. Green Pitch ist die Band vom The River Phoenix-Gitarristen und seiner Frau. Neben meinen eigenen Sachen – ich weiß gar nicht, was mit mir passiert ist in den letzten zwei Jahren – ich habe nie zuvor so viele Songs geschrieben, wie seit dem Ende von The River Phoenix. Weil ich jetzt frei bin. Also ich habe auch für Green Pitch ein paar Songs geschrieben. Und heute Abend werde ich mit Rex Garfield, der Sängerin, zwei Stücke im Duett singen.
Green Pitch ist eine sehr ruhige Band, spanische Gitarre, sehr schöne, zarte, engelsgleiche Stimme. Ich finde es sehr interessant, was passiert, wenn Rex, wenn so eine zarte zerbrechliche Frau die Worte singt, die ich geschrieben habe und die eine Frau so wahrscheinlich nicht verwenden würde.

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