Agent Fresco – Arnór Dan Arnarson im Interview

· 25.05.2012 · 1 Kommentar
2. Juni 2012
21:00 Uhr
Beatpol, Dresden
Special Show!
AK 5 €
Verlosung

Vier Musikstudenten gründen eine Band, um an einem Wettbewerb für junge Talente teilzunehmen. Was hierzulande wenig Begeisterung oder Schlimmeres auslösen dürfte, bedeutet bei Músíktilraunir in Island Teilnehmer wie z.B. Of Monsters And Men, Jónsi oder Mammút. – Und: Gewinner wie Agent Fresco. So geschehen im Jahr 2008.

Seit einer Woche ist das Debütalbum von Agent Fresco weltweit erhältlich (in Island erschien es bereits Anfang 2011). Auf A Long Time Listening vermischt das Quartett Elemente aus Jazz, Rock, Pop und Hardcore. Ein wilder Mix, intensiv und berührend. Zwischen Flüstern und Schreien geht es selbst in den dunkelsten Momenten immer irgendwie weiter.

 
Nächste Woche gehen Anór (Gesang), Þórarinn (Gitarre, Piano), Hrafnkell (Schlagzeug) und Vignir (Bass, Synthies) auf Europatour und werden auch im Beatpol spielen. Anlass genug, um Sänger Anór ein paar Fragen zu stellen…

 
Wie würdest du jemanden, der Agent Fresco nicht kennt, eure Musik beschreiben?
Als Fan der Mythologie würde ich sagen, dass wir Agent Fresco als unsere ganz eigene Chimäre betrachten. Es hat etwas von einem unmöglichen und zornigen Wesen … Wir vermischen Musikrichtungen und Sounds, die wir lieben und als ehrlich empfinden. Und obwohl die im ersten Moment eigentlich gar nicht zusammenpassen, entsteht daraus irgendwie dieser Agent Fresco-Sound, der einen Sinn ergibt … Ich schätze, es geht uns mit unserer Musik um Vielfältigkeit, Dynamik, um ein persönliches Ventil und darum, keine Vorurteile zu haben. Deswegen balancieren wir zwischen zarten Balladen und lautem, krachigen Rock, ohne aber den Soundtrack für einen Zirkus zu spielen.

Mir fallen nur wenige Bands ein, die ich mit eurer Musik in Verbindung bringen würde. Es interessiert mich aber, welche du aufzählen würdest bzw. welche Künstler euch beeinflusst haben.
Das ist immer schwierig zu beantworten. Vor allem nach der Chimären-Ansprache eben. Wir sind vier sehr unterschiedliche Personen, die sich zufällig für diese eine Sache, Agent Fresco, zusammengefunden haben. Es gibt trotzdem einige Bands, auf die wir uns alle einigen könnten, denke ich. Avishai Cohen, der israelische Jazz-Bassist hat uns alle berührt, vor allem mit seinem Album Gently Disturbed. Die polyrhythmischen Strukturen und der wunderschöne Sound von Meshuggah ist natürlich ein weiterer Einfluss, den die meisten von uns nennen würden. Einige meiner persönlichen Favoriten, die mir sofort einfallen sind Sigur Rós, Clann Zu, Dredg, The Mars Volta und Deftones, aber wie für jeden anderen auch, geht diese Liste weiter und weiter und weiter…

Habt ihr alle einen ähnlichen musikalischen Background?
Wir haben alle an derselben Musikschule, FÍH, studiert. Die anderen drei haben alle einen Jazz-Background, ich einen klassischen. Und wenn ich darüber nachdenke, haben wir eigentlich nur den nostalgischen Hang zu unserem geliebten Genre Nu Metal gemeinsam.

Ihr habt euch also beim Studium getroffen? Und Agent Fresco gegründet, um an diesem Bandwettbewerb teilzunehmen?
Genau! Ich traf Hrafnkell and Borgþór (unseren früheren Bassisten) in einer Vorlesung. Ich werde nie vergessen, wie ich diese E-Mail von Borgþór bekam, in der er mich fragte, ob ich bei der Band einsteigen will, um an Músíktilraunir (The Music Experiment) teilzunehmen. Das ist schon so eine Art Bandwettbewerb, der aber so essenziell für die isländische Musikszene ist, dass schon fast jeder daran teilgenommen hat (Mammút, Of Monsters And Men, Jónsi, Múm usw.).

Das Ding ist, Hrafnkell and Borgþór haben mich nie singen gehört. Sie kannten mich nur und haben mitbekommen, wie ich ein paar Songs von The Dillinger Escape Plan auf dem Schlagzeug gespielt habe. Sie brauchten einfach einen Frontmann für ihre Instrumental-Band Agent Fresco. Ich hörte mir die Demos an und war von Þórarinns Songwriting so angetan, dass ich unbedingt ein Teil von dem werden wollte, was ich da gehört habe.

Lange Geschichte – kurz: Wir haben den Wettbewerb gewonnen. Danach haben wir festgestellt, dass da etwas Besonderes vor sich ging. Das war so nicht geplant, wurde aber zu unserer größten Leidenschaft.

Ich finde eure Musik in vielerlei Hinsicht ziemlich überraschend. Ich kannte erst nur einen Song und musste feststellen, dass ich damit noch lange nichts über eure Musik wusste, die sehr vielfältig ist. Das und die polyrhythmischen Strukturen machen es schwierig, A Long Time Listening nebenbei laufen zu lassen. Man erfasst die ganze Schönheit eurer Songs erst, wenn man wirklich hinhört. Ist das etwas, das ihr bewusst bezweckt oder von euren Hörern erwartet?
Wir denken niemals an die Hörer. Versteh mich nicht falsch, ich fühle mich geschmeichelt und es berührt mich, wenn andere unsere Musik als interessant und persönlich empfinden. Aber es ist als erstes und vor allem ein persönliches Ventil und unser kreatives Baby. Was die Instrumentierung angeht, kann ich sagen, dass Þórarinn, der fast alle Songs schreibt, mit sehr viel Aufwand aus naiv-simplen Elementen und einem Hauch von Komplexität ein Hauptmotiv für die Songs zusammenbastelt.

Wie entstehen die Songs, woraus entwickelt sich ein solches Hauptmotiv?
Für A Long Time Listening hat Þórarinn alle Songs geschrieben und instrumental aufgenommen. Diese Demos habe ich mir unendlich oft angehört, um die Atmosphäre zu erfassen. Bis ich wusste, über was ich schreiben wollte. Das entwickelte sich entweder aus einer Melodie, aus einem Satz, der sich in meinem Kopf festgesetzt hat oder einfach aus der Stimmung der Songs. Hrafnkell und Vignir haben ihre Parts später eingebracht. Ich hatte die ganze Zeit im Kopf, in welcher Reihenfolge die Songs auf das Album müssen, um dem inhaltlichen Konzept zu folgen.

Einige deiner Texte erscheinen mir ziemlich rätselhaft, manchmal sind es nur Fragmente, einzelne Worte. Ich kann darin sehr viel Traurigkeit und Wut entdecken. Welche Rolle spielt das und was steckt dahinter?
Die Texte sind mir genauso wichtig wie die Melodien. Ich liebe den natürlichen Rhythmus und den Klang von Worten. Außerdem interessiert es mich, etwas sehr persönliches zu erschaffen, ohne mich vollkommen zu entblößen.

Es ist kein Geheimnis, dass das Album den Verlust meines Vaters thematisiert, der an Krebs starb. Und meinen Umzug nach Island, für den ich 2006 meine Familie in Dänemark zurückgelassen habe.

Jeder Song ist chronologisch nach Tag und Nacht geordnet. Und jeder einzelne behandelt eine bestimmte Erfahrung, die mich überwältigt hat. Einige Texte klingen vielleicht kryptisch, aber hinter jedem Song stehen eine unmittelbare Emotion und eine Geschichte. Für mich bedeutet das, nackt und verletzlich zu sein. Das war das unmittelbare Ziel für dieses Album, denn ich wusste nicht, ob ich jemals noch ein Album machen werde. Also war dieses für mich so eine Art … ‚Mach ein Album, so als ob du nur das eine machst, mach es persönlich und mach es zu etwas, auf das du wirklich stolz sein kannst‘.

Und wie geht es dir jetzt damit? Bist du stolz darauf?
Wenn es darum geht, wie ich mich jetzt mit A Long Time Listening fühle … um ganz ehrlich zu sein muss ich dir sagen dass ich allergrößten Respekt vor A Long Time Listening als ein chaotisches Kapitel in unseren Leben habe. Ich betrachte es als einen Erfolg für jeden einzelnen von uns und für uns als Gruppe. Jetzt, da ich weiß wie turbulent und dunkel dieser Zeitabschnitt für mich war, ist es nichts, was ich noch einmal durchmachen möchte. Auf der anderen Seite gibt es aber diesen künstlerischen Aspekt, das nächste Mal sogar noch weiter zu gehen. Ich hoffe aber, dass ich, anstatt noch extremer in die dunkle Richtung zu gehen, für die A Long Time Listening steht, für das nächste Album etwas heiterer sein kann. Aber wer weiß, mal sehen wie die Songs sich entwickeln und in welcher Stimmung ich bin.

Euer Album wurde in Island bereits Anfang 2011 veröffentlicht – ihr habt in der Zwischenzeit also schon an neuen Songs gearbeitet?
A Long Time Listening war für mich persönlich ohne jeden Zweifel eine sehr schwierige Zeit. Und ich weiß, dass es auch für die Jungs nicht gerade ein Spaziergang war. Das Thema des Albums hat mich an einen sehr dunklen Ort geführt. Ich erkenne nun langsam, dass ich nach den Aufnahmen mehrere Monate gebraucht habe, um da wieder rauszukommen.
Deswegen fangen wir gerade erst an, an neuen Songs zu arbeiten. Dieser Neuanfang ist sehr spannend für uns. Genau darum geht es uns als Band. Wir wollen für uns etwas Einzigartiges erschaffen, und es als persönliches Ausdrucksmittel nutzen.
Und wir beginnen langsam immer mehr als Ganzes zusammenzuarbeiten. Das ist eine sehr interessante Entwicklung und ich kann es kaum erwarten, zu sehen und zu hören, was daraus entsteht.

Anór, eine Frage, die nicht wirklich mit Agent Fresco zu tun hat … Ich finde es immer sehr spannend, wenn aus der Kooperation verschiedener Künstler etwas völlig Neues entsteht. Und ich bin ein Fan von Ólafur Arnalds. Deswegen interessiert mich natürlich auch eure Zusammenarbeit. Du hast für den Song Old Skin und für Ólafurs kommendes Album gesungen. Magst du was darüber erzählen? Wie kam’s dazu?
Um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht genau erinnern, wie es dazu kam. Irgendwie hat er mich kontaktiert, wegen dieses einen Songs für eine Charity-Aktion zugunsten von Japan nach dem desaströsen Tsunami. Ich habe mir das Demo für sein instrumentales Stück angehört und hatte sofort Melodien im Kopf, die letztendlich zu Old Skin geführt haben. Es war nach A Long Time Listening für mich unglaublich befreiend etwas Freundlicheres zu schreiben. Und ich schätze, dass der Song und die Zusammenarbeit zu so viel positivem Feedback geführt haben, dass Ólafur, sein Label und sein Management weiter mit mir zusammenarbeiten wollten. Und nachdem ich ja schon mit ihm gearbeitet hatte, war ich von dieser Idee mehr als angetan. Es ist für mich eine ganz andere Art zu singen, als für Agent Fresco, zarter und etwas weniger anstrengend. Es war ein irrsinniger Spaß und eine großartige Erfahrung für mich, mit Ólafur zu arbeiten. Wir haben die Songs vor ein paar Wochen abgeschlossen und momentan wird es gemixt. Aber ich glaube nicht, dass es noch dieses Jahr veröffentlicht wird. Wie auch immer, das ist definitiv etwas, das man sich anhören sollte. Die neue Richtung, in die es geht, ist verdammt fantastisch.

Es scheint mir, dass in Deutschland jede Art von nordischer Musik und besonders die aus Island unheimlich angesagt ist. Ihr seid letztes Jahr schon durch Europa getourt. Hattest du das Gefühl, dass es tatsächlich ein besonderes Interesse an euch gibt, weil ihr aus Island kommt?
Ich muss gestehen, dass wir Deutschland lieben und sogar hoffen, dass wir irgendwann demnächst hinziehen können. Wir fühlen uns da immer sehr willkommen und kriegen großartiges Feedback von unserem deutschen Publikum. Ich weiß nicht, ob es was damit zu tun hat, dass wir aus Island sind. Könnte sein? Unser Drummer hat einen natürlichen roten Afro. Das ist etwas, das besonderes Interesse erzeugen sollte, finde ich!

Glaubst du, dass es wirklich etwas Besonderes gibt, das isländische Musik ausmacht? Und wenn ja, hast du eine Idee, woran das liegen könnte?
Dieses ganze ‚einzigartiger isländischer Sound wegen der Natur‘-Ding ist meiner Meinung nach Bullshit. Eine Erfindung der Reiseveranstalter und Tourismusagenturen. Es gibt Björk und Sigur Rós, die etwas außerordentlich Szenisches geschaffen haben. Einzigartig und atemberaubend. Es ist, was es ist. Für den Rest von uns kann ich höchstens sagen, dass es bei uns keinen Mainstream gibt und keine festgelegten Richtungen, in die wir gehen. Oder Labels, die uns Geld versprechen für dies oder das. Man macht einfach, ohne irgendwelche finanziellen Pläne im Sinn zu haben. Und hoffentlich unterscheidet sich das was daraus entsteht von dem, was die anderen machen. Ich mag an der isländischen Szene, dass Genres nicht voneinander getrennt werden. Darin sind wir ziemlich gut. Das merkt man auch auf vielen der Konzerte in der Stadt, die ein Line-Up haben, das alles von Noise Core oder Metal bis Acoustic Folk oder was auch immer umfasst. Und wir spielen so viel wie wir wollen, unabhängig von irgendwelchen Anforderungen.

Was steht unter dem letzten Song im Booklet von A Long Time Listening?
»Mein geliebter Vater, dieses Album ist dir gewidmet, ich vermisse dich, dein Sohn, Anór Dan.«

 

Für die Show im Beatpol verlosen wir 2×2 Freikarten sowie als „Trostpreis“ ein Exemplar von A Long Time Listening. Gesucht werden dafür Bands mit unpassenden oder sogar blöden Namen. Welche Band hat bei der Namensfindung so richtig daneben gegriffen, konnte euch aber trotzdem von ihrer Musik überzeugen? Schickt eure Empfehlungen bis Donnerstag, 31.05., 11:42 Uhr an redaktion[at]mittelstern[.]de.

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