Prinzhorn Dance School im Konzert-Gespräch mit John Klein

Die smarte, unfaßbar englische männliche Begleitungsperson der Band reicht mir einen Block und Stift. Ich soll aufschreiben, um was es bei meinem geplanten Interview geht und wer ich bin.

Aber als ich schon zögere, stürzt Suzy von Prinzhorn Dance School aus dem Backstage, umarmt mich halb (wahrscheinlich weil ich im Weg stehe) und will wissen: „Hej hello, how are you doing?

Ich meine, ich würde gern ein paar Fragen stellen. Ihre Hand noch auf meiner Schulter, sagt sie nach kurzem Zögern: Oh ok, give me five minutes, i need a towel.

http://www.youtube.com/watch?v=AVS4F1rTJwE

Unterricht im Antirock

Braucht sie wirklich ein Handtuch? Prinzhorn Dance School sind das Duo Tobin Prinz und Suzy Horn aus Brighton. Sie ergänzen sich großartig auf der Bühne. Heisere Stimmen; Wie die Gitarren. Töne, Rufe: Ein Schrammen mit monotonem Unterton. Durch das Schlagzeug zieht es einen weiter. Teilweise auch zermürbend. Aber düster-warm. Gleich bleibend. In einer Weise verläßlich. Diese Musik schmeckt nach Keller und Clubs, wo um vier Uhr morgens noch ein paar Leute da sind und in der Ecke liegen, lehnen oder stehen… nein eben nicht stehen. Vielleicht schwanken.

Das ist durchaus eine Art Konzept der beiden, denn Prinzhorn Dance School gibt Unterricht im Antirockkonzert. Es ist eine Session, die mich sehr entfernt an Joy Division denken läßt, ohne den Pathos und die Schwermütigkeit. Es ist ein verweilen auf einer Soundlinie. Zug fahren im Depot. Und tatsächlich arbeiten sie zuhause in England in einer alten Kirche. Passender kann das gar nicht sein.

Man kann durchaus mitgehen, mit dieser Musik, aber Fragen wirft sie keine auf. Will sie auch nicht. Und wozu ein Handtuch? Doch Suzy hat sich offensichtlich verausgabt.

Like it or not“, sagt Tobin selbst später im Gespräch

Dafür bleibe ich mit meinen förmlichen Fragen danach erst mal allein. Tobin geht an mir vorbei, nachdem Suzy verschwunden ist, legt mir eine Hand auf die Schulter und fragt ebenso; „Hej you are fine?“ Tobin strahlt fast einschüchternde Kameradschaftlichkeit aus und wieder muß ich an Keller nachts um halb vier denken. Feuer machen und mit irgendwas im Dunkeln spielen. Ob Tobin und Suzy mal beim Verstecken spielen vergessen wurden und sich fanden? Ich stottere was von Fragen und er starrt mich kurz an, Du willst jetzt kein Interview machen, oder? Typisch britisch! Ursprung des Punk. Keine (oder andere) Disziplin. Jeder Amerikaner setzt sich mit dir hin und bearbeitet sein Image. Die Briten wollen nach dem Gig einfach nur Saufen. Ha..

Ganz locker, denke ich. (was für ein scheußliches Wort. Locker! Wie Teig der so was.) Ich sage, just freestyle and personally. Er lächelt und sagt, „ bin gleich wieder da und dann sag ich dir alles, was du willst…“ Ich verstecke mich im Keller und keiner soll mich finden. Quatsch. Suzy taucht wieder auf und letztlich auch Tobin. Er hat ein Bier und ich frage, ob er sich gut fühlt (jetzt bin ich mal dran) und er umarmt mich schon wieder, was für ein herzlicher Typ und fragt, Hej was ist los?

Ich vergesse das Aufnahmegerät. Ich laß es einfach. Er fragt mich nach Dresden. Ich biete an, in einen Pub zu wechseln, wenn man schon mal in dieser schönen Stadt ist, aber er meint, er hatte jetzt wirklich wenig Schlaf gehabt die letzte Zeit. Er fragt mich im Gegenzug, ob es sich hier gut leben läßt. Als ich sage, daß in manchen Dingen von den englischen Sitten nicht so weit entfernt ist, lacht er und sagt, das ist ihm auch schon aufgefallen. (Es geht um Gemütlichkeit beim Bier)

Rote Kisten und Psychologie

Ich frage nach der roten Kiste, die auf der Homepage zu sehen ist. Die wurde zusammen mit seinem Vater gebaut, sagt er. Wir haben unser eigenes „Lab“ gebaut, sagt er. Er meint, zum Aufnehmen, aber Laboratorium könnte auch gemeint sein. Ob er sich Transformers angesehen hat, für dessen Trailer eines ihrer Lieder genommen wurde. Er sagt lächelnd; Nein, interessiert mich nicht. Wir konnten gut davon leben, ich habs schnell ausgegeben. Er hebt seine Bierflasche. Und lächelt. Grinst eher. Und lacht.

Unfaßbar. Erstens, das ich dazu gekommen bin, mal eine Frage zu stellen und dann, wie sehr er das unterstreicht, was die Band präsentiert, diese unwiderstehliche Selbstgenügsamkeit, die dann doch einnehmend ist. In Wort und Sound.

Er habe keine musikalischen Idole, nur psychologische Vorbilder. Er hat auch zuvor in der Psychiatrie gearbeitet. Er lächelt schon wieder. Diesmal vielsagend. Ich komme von der Psychologie zur Musik, erklärt er mir. Hans Prinzhorn… ((Kunsthistoriker und Psychiater des 19. Jahrhunderts) sein Idol. Nach ihm ist die Dance School benannt.

Performance, Kunst, Spaß – Just happy to be

Tobin ist ein Performer, sage ich und bekomme keinen keinen Widerspruch. Die Musik macht er so zum Spaß. Das sagt er selbst. Auf die Frage, ob er sich als Künstler betrachtet, kontert er, was das für eine Rolle spiele? Schulter zuckend: „Natürlich, Künstler! Was sonst. All das ist Kunst.

Er unterhält sich gern und stellt selbst viele Fragen. Ein an Menschen und Orten interessierter Mensch, der sich darüber freut, dass er mit seiner Kunst auch was verdient. I´m glad you´re here. So glad you came… Das sagt eins ihrer Lieder. Er will, das die Leute Spaß haben, aber es interessiert ihn nur so weit, wie er selbst daran Spaß hat. Und wenn nicht an der Musik, dann an seiner Person, oder im Gespräch, beim Bier.

Just happy to be. Take it as it comes. Or leave it. Sagt Tobin, der in der Tat einiges von Psychologie zu verstehen scheint. Er erfährt viel über diese Stadt an diesem Abend. Obwohl er nicht mal ausgeht.

Suzy neben mir, ist voller Begeisterung und sie hat sich „Danke das ihr heute abend hier wart“ auf deutsch auf den Unterarm geschrieben. Und sie führt eine Art Bildertagebuch von der Tour. Absolut nicht digital! Analoge Typen, allesamt! Sie erzählt von den Konzerten auf dieser Tour, wie voll es in Prag war, wie sehr sie sich darüber freute. Immer noch und meint strahlend „Immer wieder“.
Leichter kann man es einem nicht machen! Außer man möchte es zuweilen mal schwerer haben.

Unsere Autorin John Klein lernte Kinoplakatmalerei in Kairo und arbeitete vor ihrer Mittelstern-Karriere als Wahrsager.

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