Mount Washington im Gespräch mit unserer neuen Autorin John Klein

Es gibt eine Menge Berge, die diesen Namen tragen, aber auch eine Band, ehemals nur Washington, jetzt Mount Washington, aus Norwegen. Es klingt nach dem Spielen mit Klischees.
Ich kam fast zu spät, um einen komplexen Eindruck von der Band zu bekommen, aber vielleicht auch nicht, denn die sechs Lieder, die ich hörte , umfaßten schier das ganze Spektrum von Pop zu Folk zu Space.

Als ich nach dem Konzert am Tresen, wo die Cds und T-Shirts ausliegen, ankündige, daß ich ein paar Fragen zur Band stellen will, wird der Sänger geholt (nach dem scherzhaften Hinweis, ich könnte so tun, als hätte ich das ganze Konzert gehört, er hätte die Tracklist noch da.), mit den Worten, „than you should talk to our singer“, obwohl ich durchaus mit allen sprechen wollte. Aber so spreche ich mit Rune Simonsen.

Ich kündigte mich höflich an, denn diese Band lädt tatsächlich ein – zu Höflichkeit. Niemand flippte hier aus, niemand schrie herum, das Publikum wiegte sich, oder wurde gewiegt, es ist ein stiller, wenn auch tragender Pop.

Zwei von der Band (Norweger) kennen sich schon seit Ewigkeiten, wie das in richtigen Bands wohl immer so ist. (Richtige Bands im Sinne davon, daß es kein kurzweilig geplantes Konzept ist, sondern mit Spaß beginnt. Arbeit und Spaß im besten Sinn, der dann hörbar wird.) Die anderen beiden sind Dänen, der vierte im Bunde ist noch nicht lange dabei. „Aber es kommt mir schon länger vor.“ sagt Rune und schlägt dem Betreffenden freundschaftlich auf die Schulter… Da ist er wieder; der Spaß.

Ich habe Rune gefragt, bei welcher Band er sich freut, wenn sie mit ihr verglichen werden. Das kann er nicht beantworten. „Thats a difficult question.“, sagt er. Eher provokativ. Welche Band will schon verglichen werden, obwohl es ständig getan wird, aber er antwortet; „Ich kann nur sagen, was wir gerne hören, was wir mögen“, und er antwortet: Broken Social Scene. Die in mir stets die Assoziation einer großen befreundeten Musiker-Gruppe auslösen, was sie ja auch sind und in der Tat ist Mount Washington nicht weit davon entfernt. Auch dieses Herumprobieren oder eher Stromern im musikalischen Metier. Mount Washington ist im Pop nicht eindeutig festzulegen, dennoch ist für mich erstaunlich, daß Rune als erstes von elektronischer Musik spricht, als er sich irgendwo musikalisch verankern will. Auch wenn sie Postrock selbst sehr mögen und hören.

Ich würde es, jenseits der schon gelieferten Deklaration, sphärischen Pop nennen, der immer einen Grund-Beat hat, der durch den jeweiligen Song trägt. (Vor allem bei Radio Silence ). Er fügt noch Nicolas Jaar in seine Favoriten mit ein. Und da wird das Elektronische aus seiner Sicht auch wieder verständlich.
Womit ich bei meiner nächsten Frage, dem nächsten Verweis auf ein Image angelangt bin; die Ästhetik des Covers. Diese entspricht sehr einem weiten, wüsten Land, wie die Herkunft implizieren könnte, mag man noch so sehr davon absehen. Eine Fotografie auf dem neuesten Album. Eine Wiese mit hüpfenden, rennenden „deers“, das englische Wort paßt um Längen besser als das deutsche Reh, was so oft reduziert wird, auf den traurigen Blick der Scheu. Das Bild ist aber hell und fast ein Suchbild, weil es im Licht verschwimmt. Ich hielt die Tiere auf dem Cover für Hasen und ließ mich verbessern. Rune verweist mich ganz inbrünstig auf den Cover-Artist, ein Fotograf und Freund von ihm; Matthias Heiderich.
Der Sänger nimmt mit dem was er sagt Bezug zur bildenden Kunst. In Nürnberg, wo er letztens war, hat er sich die Ausstellung im Neuen Museum angesehen und wir führen einen Moment ein Gespräch darüber, was die Kunst zur Kunst macht. Er erzählt von einem gelben Plastikhandschuh, wie man ihn zum Abwaschen verwendet und seinen leichten Zweifel darüber, ob das nun ein Ausstellungsstück war, oder ein Versehen. Das habe ich nicht recherchiert. Aber diese Gedanken fließen in all das ein, was diese Band ausmacht. Einer von ihnen ist Historiker, Rune arbeitet ab und an mit Jugendlichen.

Er kennt nicht Giant Sand oder Kyuss, die mir in den Sinn kommen, im großen Zusammenhang von Postrock, Desert Rock und der Bilder, die sich auch Mount Washington bedienen, denn auch die Titel ihrer Lieder passen genau dort hinein.. Er schöpft aus diversen Quellen und vor allem das; ist offen für vieles.

In der Solozugabe sind die Wurzeln des Folks zu hören und das bestätigt Rune. Eher Folk, als was anderes. Auf jeden Fall. Also ist das breite Spektrum ein Programm, wenn auch nicht geplant, obwohl etwas die Musik hält und nicht ganz frei läßt und ich frage mich; Wo sind die Tattoos, Rune frage ich; „Wo ist die legendäre Dunkelheit der Norweger? Ich finde eure Musik hell (bright).“
„Oh, yes?“, sagt er… und überlegt. „Yes, yes you are right, i think we are bright.”
Und sympathisch. In echt.
(Und das Motto von Sunset Mission; GO! das auf dem Eintrittsstempel zu lesen ist, kann ich nur unterstützen!)

Unsere neue Gastautorin John Klein lernte Kinoplakatmalerei in Kairo und arbeitete vor ihrer Mittelstern-Karriere als Wahrsager.

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