Filmkritik: Drive von Nicolas Winding Refn

Hinweise: Diese Filmkritik entstammt der Feder unserer neuen Mitschreiberin John Klein. Drive läuft Abend um 22:15 Uhr voraussichtlich das letzte Mal im Thalia

Drive von Nicolas Winding Refn

Die Story dieses Films ist nachzulesen, aber nicht unbedingt relevant. Allein das Metier bestimmt den Charakter. Es handelt sich um eine Gangsterstory über einen Stuntman inklusive Fluchtfahrer und spielt in Aufzügen, Autowerkstätten, Wohnhäusern, die eine Hotelatmosphäre bieten. In irgendwelchen Diners und Pizzarestaurants, die eben diesen Gangstern gehören. Und natürlich Strassen. In Los Angeles..

Es spielen Koryphäen der Filmgeschichte mit, sowohl namentlich als auch persönlich. (Wer mehr darüber wissen will, dem empfehle ich einen Artikel dazu in der Spex, die sich mit den Unmengen an Seitenverweisen beschäftigt hat, die dieser Film zitiert)

Was diesen Film (neben anderen) einzigartig macht, ist, dass er bis zur Schmerzgrenze geht und zwar in allem! Wie schwer es ist zu entkommen! Selbst wenn ein noch so schnelles Auto zur Verfügung steht. Dabei geht es um Entkommen in jeder Hinsicht. Der schönen, zarten Nachbarin mit der dazugehörigen unmöglichen Liebesgeschichte, den Profikillern, der eigenen Geschichte.

Für den Zuschauer ebenso. Kein Entkommen von weichgezeichneten Momenten an einem romantischen Ort. Ja,mit junger blonder Frau, ja mit einem kleinen Kind. Unfaßbar; Zeitlupe. Als wäre alles nicht schon schlimm, oder schön?

Genauso wie nach Autofahrten, die einen fast einlullen und mitziehen, dann plötzlich in Schußwechseln und blutigen Showdowns enden.

Zwischendurch diese ästhetischen Stills in der Werkstatt oder auf einer Rennbahn.

Alles mit dem dröhnenden Soundtrack, hauptsächlich von Cliff Martinez komponiert. Elektronisch-zeitlos, ewig dauernde Töne die sich mit den Bildern des Films verschränken und ihn knapp an einer Jeanswerbung vorbei schrabben lassen. Sehr knapp, wie die Fahrten in den diversen Autos.

So viel gefahren, wie der Titel impliziert wird da nicht, aber es sind die einzelnen Szenen, die den „drive“ haben.

Es gibt  Einstellungen (close up beschreibt es wirklich), die unüblich nein, ungewohnt nah dran am Mann sind, was nur eine bestimmte Perspektive ausmacht. Der Driver, der den Hammer nicht schwingt , sondern irgendwie pendelt, dabei selbst pendelt, weil er eigentlich niemanden erschlagen will, sondern nur raus kommen möchte aus der ganzen Sache. Aus welcher? Manchmal ist der Faden zu verlieren, wie es in Gangsterstories üblich ist, aber das spielt keine Rolle. Er ist brutal, und schonungslos, dennoch  erscheinen die Namen zu Beginn im Vorspann rosa. Und diese Spur verliert sich merkwürdigerweise den ganzen Film über nicht.

Old School American Road Movie. Nach den alten Regeln, Flucht, Mord, Geld, Autos. Old School im Sinne der neuen Zeit. So ernst. Nicht so ironisch und wortreich wie Death Proof, eher die Kategorie des Wrestlers, aber nicht so moralisch.

Der Hauptdarsteller (Ryan Gosling) wirkt in diesem Film, als könne er nichts anderes spielen.

Und er zieht  seine Jacke, eine einfach großartige Jacke, (cremeweiß schillernd, mit einem Skorpion. Allein schon dieser Jacke wegen bin ich froh, diesen Film gesehen zu haben) auch nicht aus, als sie schon über und über voll mit blut verschmiert ist, was das ganze doch schon ironisch wirken läßt. Die brutalsten Szenen sind die komischsten, was viel über den Film sagt.

Man muß sich gar nicht einlassen. Man muß den Film nicht mal mögen oder verstehen. Ansehen ist immer ein Statement. Es geht hier um Bilder! Und habe ich den Sound schon erwähnt?

Ein perfektes Late Night Movie, im Thalia im Original (anders geht das gar nicht) noch bis morgen zu der perfekten Uhrzeit um 22.15 zu sehen!!!!

Einsteigen Tür schließen, anschnallen, abfahren.

Ich empfehle die erste Reihe! Da gibt es kein Entkommen!

Unsere Gastautorin John Klein lernte Kinoplakatmalerei in Kairo und arbeitete vor ihrer Mittelstern-Karriere als Wahrsager.

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