Böses Internet versus Wach mal auf: Unentschieden im Urheberrechtsstreit der Woche

· 23.03.2012 · 4 Kommentare

Sven Regener, hoch geschätzter Autor und Songwriter, regt sich auf. In einem Radio-Interview zum Thema Urheberrecht und Kostenlosgesellschaft im Internet geht der Gaul mit ihm durch. Dabei sagt er einiges richtiges, findet aber leider keinen roten Faden und verfällt daher teilweise in eine ziemlich platte „Böses Internet“ Nummer.

Eigentlich – so lese ich es jedenfalls zwischen den Zeilen – regt er sich vor allem darüber auf, dass es mittlerweile selbst in Underground-Kreisen schicker ist, einen milliardeschwerden Konzern (Youtube aka Google) zu supporten, als sich für eine faire Verwertung von Urheberrechten einzusetzen. Dabei driftet er aber völlig ab und verurteilt die Kostenloskultur im Internet als Keimzelle des kulturellen Untergangs. Das ist natürlich Unsinn! Und so war ich durchaus gespannt, als ich dann direkt abends über twitter auf den BeitragSven Regener, du erzählst Unsinn, und ich erklär dir, warum“ gestossen bin. Verfasst hat den Blogpost Fritz Effenberger, ehemaliger Indiemucker und Schreiber eines Fanzines meiner Jugend (Trust) und heutiger Tech-Journalist.

Leider (!) erklärt Fritz in seinem Beitrag eher wenig. Er sagt:

Das Internet ist kein Plattenladen. Sorry, aber da habense dich angelogen. Das Internet ist statt dessen so eine Art Radio- oder Fernsehsender. Merkt man schon daran, dass es Strom braucht. Du kannst da Sachen draus “aufnehmen”, wie beim Radio, aber nichts draus wegnehmen (“stehlen”).

Was Regener fordert:
Keine kostenlosen Downloads
Faire Vergütung für Streams

Was Radiosender tun:
Faire Vergütung für Streams [1 (Song) :n (Hörer)] / Minute (via GEMA)

Was Online Streaming-Dienste tun:
Bedingt faire Vergütung für Streams [n (Songs) : n (Hörer)] / Minute (Via GEMA und Vertrieb)

Wie ich Fritz Effenberger verstehe:

Musiktitel im Netz sollten möglichst immer und jedem kostenfrei zur Verfügung stehen. Jeder Nutzer sollte pauschal bezahlen und davon sollen dann die Künstler im Verhältnis ihres Anteils am Download- und Streamingvolumen bezahlt werden. Das ist aber blanke Theorie und bedürfte einer kompletten Urheberrechtsnovelle. Und zwar auch noch einer nur für die Sparte Musik. Und eine, bei der wir plötzlich alle den gleichen Beitrag zahlen, egal ob wir 1 Titel im Monat hören oder 10.000. Man kann das Flatrate nennen. Oder Musiksozialversicherung. Als Erklärung dafür, dass Regener Unsinn erzählt (was er an einigen Stellen durchaus tut) taugt es nicht. Aber weiter:

Es gibt kein Musikloch seit 15 Jahren, sondern geile neue Genres, die du aber wohl verpasst hast, weil du ja lieber Bekanntes hörst. Kein Problem damit, hör was du willst, aber beschwer dich nachher nicht, es gäbe nichts Neues, das so klingt wie das Alte. Ich hör inzwischen Dubstep, und hab auf dieser Grundlage ne neue Gitarrenband angefangen.

Was das jetzt erklären soll, weiß ich überhaupt nicht. Die meisten Beschwerden über freie Downloads im Netz höre ich von Techno-und Electro-Artists. Deren MP3s werden im „schlimmsten“ Fall weltweit in Clubs gespielt, aber sie bekommen eben nicht einen Cent dafür. Klar, die Reputation steigt und wer auch als DJ unterwegs ist, profitiert eindeutig, aber es gibt halt auch ne Menge reiner Producer. Jedenfalls dürfte es mehr kostenlose Downloads von Dubstep-Titeln geben als von deutschsprachigem Indierock. Als Erklärung dafür, dass Regener Unsinn erzählt (was er an einigen Stellen durchaus tut) taugt es nicht.

Dritte Überraschung: Ich lebe von meiner Arbeit als Urheber, vor allem als Journalist, mit Artikeln, die zu 100 % frei im Internet zu lesen sind. So leid es mir tut, das schon wieder sagen zu müssen, aber die Industrie-Ära ist vorbei, und mit ihr das Geschäftsmodell der massenproduzierten Kulturdatenträger. Viele Musiker auf der Welt leben inzwischen von neuen Geschäftsmodellen. Mach das doch auch, bitte.

Fritz verdient – wie mittlerweile nahezu jeder Tech-Journalist – sein Geld hauptsächlich mit kostenfrei verfügbaren Texten im Web. Verlage stellen sie ins Netz und verkaufen Werbung. Und ja, der eine oder andere Musiker hat ein neues Geschäftsmodell gefunden. Auf meine Frage, welche Modelle er genau meine, bekomme ich zur Antwort: „Sorry, google es selbst„. So viel dazu. Ich google nicht. Ich schreibe seit ner ganzen Weile über Social Music. Alle Best Practice Beispiele haben mit der Realität des Mittelklassemusikers mit rein nationaler Bedeutung wenig zu tun und sind in meinen Augen eher PR- als Geschäftsmodell.

Vor allem aber: Der Vergleich Auftrags-Journalismus und Musik ist das Musterbeispiel für Apfel und Birne auf der selben Waage. Das Verdientsmodell von Schreibern und Musikern war schon immer ein gänzlich anderes. Darum auch eine andere Verwertungsgesellschaft. Journalisten bekommen idR ein Honorar von einem Verlag. Der Text ist dann kostenfrei im Netz, der Verlag lebt von der Werbung.

Dazu ein Rechenvergleich:

Wenn ein Autor für einen Text 150,00 Euro Honorar bekommt, dann muss ein Song bei Simfy ca. 125.000 Mal kostenlos gestreamt werden, bis diese Summe eingespielt ist. Beim Autor landet das Geld aber bei einer Person, bei einer Band im Zweifel bei 4!

Sprich: ein Song muss bei einer 4-köpfigen Band ca. 1 Millionen Mal gestreamt werden, damit bei einem Bandmitglied so viel hängenbleibt wie bei einem Autor. Die Produktion eines Textes für 150,00 Euro dauert (je nach Verlag, Thema und Autor) zwischen 1 und 10 Stunden. Die Produktion eines Songs von der Idee bis zur Aufnahme aber dauert locker 1 Monat und kostet auch noch einen ganzen Latz Kohle (Studio). Wir müssen also Musik, Text und Software und Film (!!!) eindeutig individuell betrachten. Als Erklärung dafür, dass Regener Unsinn erzählt (was er an einigen Stellen durchaus tut) taugt es nicht.

Vierte Überraschung: Leute wie ich sind inzwischen aktiv in der Piratenpartei, weil nur noch hier ein Urheberrecht diskutiert wird, das auch den Urhebern nützt, und nicht nur den industriellen Verwertern. Sorry, aber als Autor oder Musiker kriegst du üblicherweise nicht mehr als 5 Prozent vom Endverkaufspreis. Auf deinem YouTube-Channel bekommst du 50 % der Werbeeinnahmen. Und wenn du den Deal direkt mit Amazon machst, 70 % des Umsatzes. Überleg dir das mal. Nur weil jemand Kunst macht, hat er kein Recht auf Geld dafür. Er muss die Kunst verkaufen. Er muss die Leute überzeugen, ihm Geld zu geben.

Jetzt wird es interessant. Oder könnte es werden. Denn hier könnten die wirklich spannenden Diskussionen geführt werden. Darüber, wie viel Werbung ein Künstler in seinem Umfeld akzeptieren muss (Antwort: viel) und wie viele Downloads man bei Amazon erzielen kann ohne Label im Hintergrund (Antwort: so gut wie keine), was nötig ist, um die angesprochenen 70% zu erlangen.

Abschließend hier mal mein 2 Cent:

1. Ja, das Internet ermöglicht jedem (Nachwuchs)-Musiker die allerbesten Möglichkeiten. Davon haben wir alle vor 20 Jahren nur geträumt, die wir uns die Gelben Seiten aus Deutschlands Großstädten besorgt haben, um an Clubadressen zu kommen. Aber:

2. Das Urheberrecht ist KEIN Interpretenrecht! Das Argument, dass man an Livegigs kommt oder Merchandise verkaufen kann, gilt eben nur für aus- bzw. aufführende Künstler nicht für die Urheber. Bitte schaut in die Charts, wie viele der dort gelistetet Interpreten selber Urheber sind (Antwort: Zu vernachlässigen wenige). Urheber, das sind Menschen, die uns nie begegnen. Die in ihrem stillen Kämmerlein Songs schreiben, mit denen andere zum Star werden (hoffentlich). Ihr Werk kann man nichtr hoch genug einschätzen und nur (!!!) um sie kümmert sich die GEMA.

3. Social Media hin, Crowdfunding her: Selbstvermarktung ist fürn Arsch! Ein Musiker ist ein Musiker und kein Marketer. Ein Musiker muss sein Instrument beherrschen und nicht das Internet! Woher soll er das Geld haben, um ein ordentliches Video zu drehen? Dafür braucht er professionelle Hilfe in Form eines Managements (früher Label), welches auch investiert und welches dann am Erfolg partizpiert. Also muss es auch Wege geben, wie Labels im Netz (mehr) Geld verdienen, denn sonst wird gar nicht mehr in neue Acts investiert sondern nur noch in TV-Casting.


Mein Fazit: Wir brauchen ein neues Urheberrecht! Das habe ich hier schon mehrfach platziert! Es muss global funktionieren und faire Verwertungsketten schaffen, die es erlauben, spannende Acts zu fördern, ohne auf staatliche Kunstförderung oder den Anteil einer Pauschalabgabe (Flatrate) zu hoffen.

Dafür müssen wir uns aber alle an einen Tisch setzen und uns nicht gegenseitig erzählen, wie ahnungslos wir sind.

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