Rafik Schami – Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

· 10.01.2012 · Keine Kommentare

Rückblick #18. Der vorherige findet sich hier, zwei weitere folgen diese Woche.

Rafik Schami lebt seit über 40 Jahren in Deutschland, erzählt aber noch immer in orientalischen Bildern vor allem Geschichten aus seiner Heimat Syrien. Mit einer beeindruckenden Bibliografie hat er sich hierzulande eine treue Leserschaft erarbeitet. „2321 Lesung absolviert … und dazu 362723 Kilometer gefahren … . Das heißt, vereinfacht, aber poetisch formuliert: In all den Jahren bin ich neunmal erzählend um die Welt gefahren.“

In Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte aus dem Hanser Verlag, ergründet Rafik Schami, wie er zum Erzähler wurde. Gemeinsam mit seiner Mutter lauschte er als Junge nachts gebannt den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht im Radio, sein Vater nahm ihn mit zum Friseur, der allerhand über die Entstehungsgeschichte von Sprichwörtern zu berichten wusste und der Großvater war nichts weniger als der geliebte Held aus Rafiks Kindheit. Er übernachtete bei seinen Besuchen im Kinderzimmer, machte die Nacht zum Tag, tanzte, sang und fabulierte mit den Kleinen, ging mit ihnen spazieren und erklärte scheinbar mit Leichtigkeit die Welt.

Der Buchtitel berichtet von einem bekannten Phänomen: verstockte Männer vs. kommunikative Frauen. Im arabischen Raum nehmen die Frauen das Problem offenbar ganz pragmatisch in die Hand – Männer werden auf dem Flohmarkt feilgeboten. Der Großvater erklärt: „Die Pferde nehmen es ihm nicht übel, wenn er den ganzen Tag schweigt, aber die Frauen mögen das nicht.‘ ‚Und wird Großmutter dich verkaufen?‘ Er lächelte. ‚Nein, ich glaube nicht, denn ich erzähle ihr dauernd etwas Neues und dann vergisst sie, dass sie mich loswerden wollte.‘ An diesem Tag fasste ich also den geheimen Beschluss, Frauen immer Geschichten zu erzählen, damit sie mich nicht verkaufen.“ Merkt’s Euch, Männer! Kommunikation als Annäherung. Austausch als Grundlage der Verständigung. Auch der blinde Nachbar fordert: Sprich, damit ich dich sehe!

Rafik Schami analysiert in „Die Frau, die…“ in kurzen Kapitel alte Erzähltraditionen und beschreibt seine Heimat Syrien. Damaskus muss sehr schön sein, voller spielender Kinder mit Murmelschätzen, Frauen mit ihrem Lachen, Gerüchten und Anekdoten, alten Herren am Cafétisch, kleinen Gassen, offenen Fenstern, lebendigen Hinterhöfen, Wäsche im Wind, Farben und Gewürzduft – auch wenn die Nachrichten gerade ein anderes Bild in den Köpfen hinterlassen.

Leider wiederholt sich Schami im vorliegenden Werk für meinen Geschmack zu oft, verzettelt sich in detailreichen Beschreibungen – ich verlor den Fokus. Auch wenn sich der Autor mit der Sprache im Allgemeinen und dem gesprochenen Wort im Besonderen auseinandersetzt, mit dem Symbolgehalt von Märchen, dem Vorstellungsvermögen des Zuhörers, der Reduzierung der Sprache durch Eile und immer stärkerer Verkürzung sowie den Auswirkungen dieser Einschränkungen auf das Denken – man bleibt leider nicht bei ihm. Weder in Damaskus noch bei den Ausführungen über die Macht des Wortes. Unterhaltsam & sinnlich, ja. Tiefgreifend & nachhaltig, nein.

Update: Ein Artikel über dieses Buch erschien heute auch im Kulturteil der Sächsischen Zeitung. Darin wird von dem neuen Werk Schamis berichtet. Ich frage mich gerade: Gibt es bei Tageszeitungen eigentlich auch so was wie ein Verfallsdatum – also bis wann Neuerscheinungen besprochen werden sollten? Das Intro und die Spex setzen sich doch auch nicht in ihren aktuellen Ausgaben mit Releases aus Juli 2011 auseinander.. hm.

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