Der 35. Mai – Erich Kästner

· 04.01.2012 · Keine Kommentare

Nachdem ich vor vielen vielen Monden im Erich Kästner Museum fleißig in Schubladen äugte und Zitatenschätzen stöberte, nahm ich mir fest vor, meine zahlreich im heimischen Bücherregal vertretenen Werke des ollen Dresdners zu entstauben und zu Gemüte zu führen. Wurde natürlich so schnell dann doch nix, weil es ja noch so viel andere gute Literatur gibt. Am 35. Mai aber war es soweit. Das ist Rückblick #17:

Immer donnerstags passt Onkel Ringelhuth auf seinen Neffen Konrad auf. Als sie so auf der Glacisstraße (übrigens bei mir um die Ecke) rumspazieren, treffen sie auf das Pferd Negro Kaballo, das sich vortrefflich auszudrücken vermag und nicht nur Zirkus- sondern auch Zugpferd auf der nun folgenden Reise in die Südsee ist. Da jauchzt auch der Erwachsene vor Vergnügen, denn Kinderbuch hin oder her – das sind durch und durch ulkige Erlebnisse, die am Ende in dem Aufsatz über die Südsee landen, denn so lautet Konrads Hausaufgabe: „Alle, die gut rechnen können, haben die Südsee auf. Weil wir keine Phantasie hätten!“ Mit Onkel Ringelhuth kann man so was machen, denn dessen Phantasie zeigt sich schon in seinen kulinarischen Vorlieben: gekochter Schinken mit Schlagsahne, Fleischsalat mit Himbeersaft, Salzbrezeln mit Preiselbeeren,.. dass der Magen Hornhaut kriegt. Und wenn dem Onkel und dem Neffen davon nicht schlecht geworden ist, wird eben noch ein bisschen auf dem Bücherschrank geturnt. Aber Achtung! Man muss nicht immer klettern wollen, bloß weil man’s kann.

Gemeinsam mit Kaballo also wird auf dem Weg in unbekannte Gefilde nun so manches Abenteuer in der verkehrten Welt und im Spielzeugwald durchstanden, im Schlaraffenland bestaunen sie Vierfruchtbäume und Hühner, die Bratpfannen hinter sich herziehen; Eltern müssen plötzlich selber in die Schule und werden von Kindern gemaßregelt und sämtliche Arbeit wird gänzlich von Maschinen übernommen.

Erich Kästner schrieb dieses Buch 1931 (!) und machte uns bereits vor 80 Jahren auf ganz aktuelle Probleme wie vernachlässigte Kinder oder die Gefahren einer durchautomatisierten Welt aufmerksam. Sogar vom Taschentelefon wusste er damals schon zu berichten. Wahrhaft visionär! Auch vor möglichem Chaos & Overload warnt Kästner schon vor Jahrzehnten. Wenn jemand läuft, um gesund zu bleiben, kann ich das verstehen. Wenn er aber wie angestochen durch die Gegend rast, um eine Zehntelsekunde weniger zu brauchen als wer anders, so ist das kompletter Blödsinn. Denn davon bleibt er nicht gesund, sondern davon wird er krank.

Die karierte Prinzession Petersilie, die im Urwald Angst vorm Walfisch hat (der lebt nämlich nur aus Versehen im Wasser) und die Verliebtheit Kaballos in ein Schimmelfräulein durchbrechen am Ende dann aber doch die hintersinnigen Gedanken und Prophezeiungen Kästners. Ihr Übriges zur Auflockerung der Stimmung erledigen in meiner Ausgabe die fabelhaften Zeichnungen Horst Lemkes.

Als Konrads Eltern den abenteuerlichen Erzählungen des Onkels keinen Glauben schenken wollen, antwortet dieser nur weise: „Mit euch ist heute mal wieder nicht zu reden. Ihr seid viel zu ernst für euer Alter.“ Sich die Neugier eines Kindes bewahren, viele Fragen stellen oder eben manchmal auch einfach nichts hinterfragen – vielleicht sollte man öfter Kinderbücher lesen, um einen Kurzurlaub in der bunten Welt der Phantasie zu verbringen.

„Die Wunder werden nur vollbracht, von dem, der sich nicht wundert“

Zauberhaft!

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