Freiheit – Jonathan Franzen

andrea · 11.12.2011 · 1 Kommentar

Getrost als gescheitert betrachten, kann man wohl meinen Versuch, jedem Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, einige Worte Beachtung zu schenken. Bis #14 bin ich immerhin fortgeschritten, mindestens 13 ausgelesene Bücher liegen vor mir auf einem großen Stapel. Ich versuche mich weiterhin in einer Aufarbeitung, werde mich dabei aber deutlich kürzer fassen. Hier ist #15:

Jonathan Franzen, Anfang 50, Autor von Die Korrekturen (ein Buch, das ich vor ein paar Jahren quasi in einem Happen verschlungen habe), brachte im Herbst 2010 einen weiteren >700 Seiten Roman heraus: Freiheit. Wie auch schon im Vorgängerwerk widmet sich Franzen dabei thematisch familiären Verflechtungen und amerikanischen Gesellschaftsverhältnissen, spickt Handlungsstränge mit Mittelschichtspersonal und beinahe allen Themen der aktuellen Nachrichtenagenda (Umwelt, Terror, Finanzwirtschaft). Wie auch in Die Korrekturen gelingt es Jonathan Franzen in Freiheit, seine Figuren so zu zeichnen, dass man sowohl die jeweiligen Gefühlslagen, als auch Beweggründe aller Beteiligten nachvollziehen kann.

Da ist zum einen Patty, auch „die Autobiographin“ genannt: Sie war wie eine Frau, die sich über ihren ganz wunderbaren Dreckskerl von Freund beklagt. Mutter zweier Kinder, neurotisch auf Sohn Joey fixiert, schön und sportlich, aber mit Alkoholproblem, gelangweilt dominant, wütend auf die Umstände, andere, sich. Braucht Jahrzehnte und einige Zeit der Trennung um zu erkennen, dass ihr Mann Walter gar nicht so schlecht ist, wie sie ihn immer macht. Die perfekte Besetzung für eine weitere Staffel Desperate Housewives.
Walter Berglund, der Ehemann: unterlegen, pflichtbewusst, grüner als Greenpeace, harmlos, passiv, aber mit der Gabe jeden Ort, an dem er sich aufhielt, so erscheinen zu lassen, als könnte man dort zu Hause sein. Er wird im Laufe der Geschichte zwar in zwielichtige Geschäfte verwickelt, dafür aber auch bestraft und ist am Ende wieder moralische Instanz.
Richard Katz, Walters bester, langjähriger Freund, Womanizer, bald Liebhaber von Patty. Ein Rockstar, der Dachterrassen ausbaut und um die grundlegende Beschissenheit der Welt weiß. Zwischen Rausch und Ramsch sucht er nach einem Weg durch sein Leben. Obwohl ohne Ziel kommt er dennoch an.
Die Ironie der Geschichte: Walter will Vögel retten, engagiert sich dafür bis an die Schmerzgrenzen. Sein Freund Katz schnappt sich zwischenzeitlich die Frau.
Nur scheinbar blass und bedeutungslos: Nachbarstochter Connie. Sie war eine ernste und schweigsame kleine Person, die einen irritierend ungerührt ansehen konnte, so als hätte man nichts mit ihr gemeinsam. .. Connie wusste nichts von Ganzheit – hatte nur Tiefe, keine Breite. Lange Zeit be- und ausgenutzt von Joey, dem Sohn von Walter & Patty. Joey will zu den Oberen gehören, Status, Geld und Macht. Erst spät gesteht er sich und anderen die Liebe zu Connie – der ehrlichen, treuen Seele mit depressiven Phasen.

Jonathan Franzen gelingt es abermals, die Verwobenheit der Charaktere auch zwischen den Zeilen in Bewegung zu halten. Sämtliche Konstellationen scheinen immer kurz vor der Kollision, dabei haben sie mehr gemein als ihnen vielleicht lieb ist: das kleine und große Scheitern & der Zwang, äußerlich die Fassung zu bewahren. Unangestrengt souverän, nach hinten raus vielleicht ein wenig langatmig, insgesamt aber absolut empfehlenswert, erzählt Freiheit vom ganz normalen Wahnsinn einer (amerikanischen) Familie. Ich glaube, sie haben bis heute nicht begriffen, wie man lebt.

«Freiheit ist auch ein großes Trost- und Hoffnungsbuch des zerzausten, erschöpften, an sich selbst irre gewordenen amerikanischen Liberalismus» (Süddeutsche Zeitung).

http://www.youtube.com/watch?v=K-9ltqGa4lw
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I’m sure there is an outside world / I’m sure it can’t be as warm

andrea · 11.12.2011 · Keine Kommentare
13. Dezember 2011
20:00 Uhr
Lukaskirche, Dresden
VVK: 19,85 Euro

Folgendes Szenario: Ein bärtiger Mann mit Hundeblick auf verrauschten Schwarz-Weiß-Promofotos singt Lieder, die „Sinking“, „The Wonder Of Falling In Love“ oder „Buried Alive“ heißen. In einigen seiner Videos spielt Wasser eine Rolle, tief, unergründlich, in Bewegung, manchmal auch in Form verwässerter Augen.

Frage: In welcher Musikrichtung hat es sich der Sänger behaglich eingerichtet? a) Bluegrass b) Funk c) Vocal House d) Sonstiges?

Antwort: Der in NYC lebende Australier Scott Matthew beherzigt jedwedes Klischee des Kammerfolk-Sängers, erhebt klagend seine Stimme, erinnert an Antony Hegarty, Finn. und manchmal auch David Bowie. Erstes Aufhorchen erreichte er durch seine Beiträge zum ohnehin großartigen Soundtrack von Shortbus.

Drei Alben später gastiert Scott Matthew am Dienstag in der Lukaskirche (!) mit Liedern über Liebe und Leid. Taschentücher mitnehmen!

with every sweet hello there’s a bitter good bye with every happy song there’s the one to make you cry


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WochenAusklang: The Cinematic Orchestra

andrea · 11.12.2011 · Keine Kommentare

Unfassbar gut. Immer wieder.  Oh, that song is singin‘. Singin‘ in to me. Hier als Kurzfilm verarbeitet: To Build A Home & Breathe.

The Cinematic Orchestra Web // Facebook

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