Lost and Sound

· 05.11.2011 · Keine Kommentare

Berlin, Techno und der Easyjetset
»Techno? Wirklich? Das gibt es noch?«


Ricardo Villalobos – Dexter

Die Woche beginnt an einem Mittwoch im Watergate. Von da aus unternimmt Tobias Rapp (Jg. 1971, taz, Spex, Spiegel) mit dem Leser einen Streifzug durch das Berliner Nachtleben. Immer entlang des ganz speziellen Sounds Berlins geht es von den Clubs der Stadt, die längst Geschichte sind (Tresor, E-Werk, Ostgut) über die aktuelle Clubmeile (Weekend, Golden Gate, Watergate,…) bis zum Mittelpunkt der Welt: dem Berghain. Immer dabei, das Feier-Publikum – dieses fragile soziale Gefüge aus Ausgeh-Touristen aus aller Welt und ein paar echten Berlinern, aus DJs und anderen (Lebens-) Künstlern, die im Kontext der Clubkultur nicht nur konsumieren sondern partizipieren und agieren, denn »Wer nur zum Zugucken ausgeht, dem entgeht ein fundamentaler Teil«.


Ben Klock & Marcel Dettmann – Dead Man Watches The Clock (Original Mix)

Die Ausgeh-Woche endet bei einer Afterhour, deren Details in der drogenämmrigen Restrealität verschwimmen, am Montag. Der Dienstag existiert nicht. »Am Dienstag ist dann endgültig niemand mehr unterwegs.«


Sleeparchive – Elephant island

Entlang dieser Woche unternimmt Rapp allerhand Exkurse. Er beleuchtet die Entstehung der Clubkultur im Zusammenhang mit den ökonomischen und politischen Strukturen in Berlin und dem Boom der Billigfluglinien, versucht Ausgehen als Wirtschaftsfaktor zu begreifen, schaut hinter die Kulissen des alternativen Lebenskonzepts der Bar 25-Macher, streift durch die Plattenläden der Stadt (Hardwax, Melting Point, Rotation Records), reist mit Phillip Sollmann (Efdemin) und Henrik Weber (Pantha du Prince) zum Sonar nach Barcelona und trifft Prominente und Macher der Berliner House- und Technoszene (Ricardo Villalobos, Robert Henke (Ableton), Steffen Berkhahn (Dixon),… ).


Nathan Fake – The Sky Was Pink (James Holden Remix)

Während des Lesens kommt man da leicht ab vom roten Pfad durch die Woche, der das Buch strukturiert. Aber das macht nichts, denn es passt zum Thema, sich treiben und mitziehen zu lassen. Es ist der Augenblick, der zählt.


Âme – Rej (Original Mix)

So sachlich und informativ Rapps Ausführungen in Lost and Sound sind – aus jeder Seite des Buches glitzert eben auch dieser Zauber, der das Berliner Nachtleben zu jenem Sehnsuchtsort macht, zu dem es einen immer wieder zurückziehen wird, an dem man seine Augen schließt, sich der Musik hingibt und dem Alltag enttanzt. Und es gelingt Rapp immer wieder, die überwältigende Erfahrung des Tanzflächenglücks ein kleines bisschen greifbarer zu machen: »Dieses Glück ist flüchtig und nicht planbar. Man weiß zwar, welche DJs man mag und welche Musik einem passt. Aber ob ein Abend diesen bestimmten Moment vorgesehen hat, lässt sich niemals voraussagen.«


Troy Pierce – Horse Nation

Für jeden Moment solch glücklich durchfeierter Nächte und Tage fängt Rapp das Wesen des passenden Sounds ein, der antreibt, bewegt oder auffängt und beruhigt, und schafft es dadurch, ein flüchtiges Stück Musikbewegung, Popkultur und Zeitgeist der nuller Jahre festzuhalten.


Samim And Michal – Exercise

»Das Nachtleben folgt einem komplizierten Regelwerk, das noch nie jemand aufgeschrieben hat, weil es sich ständig ändert. Man beherrscht es, indem man einfach immer weiter ausgeht.«


Dj Koze – I want to sleep (Original Mix)

Ein absolut lesenswertes Buch, selbst oder gerade auch wenn elektronische Musik in der eigenen musikalischen Prägung (bisher) keine wichtige Rolle gespielt hat.

»Der Zeitpunkt, an dem ich eigentlich nach Hause gehen wollte, ist längst verstrichen, vor dem Fenster hellt sich der Himmel auf und beginnt im Osten rosa-beige zu leuchten,… Ich denke mir: Alles ist gut.«

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