Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben

· 11.11.2011 · Keine Kommentare
17. November 2011
19:00 Uhr
Festspielhaus Hellerau, Dresden
Tickets: 5 / 3 Euro

Unter dem etwas sperrigen Titel »Generation 00 – Kreative im Zeitalter der Communities & Profite« liest am Donnerstag, den 17.11. Katja Kullmann im Rahmen der CYNETART aus ihrem Buch »Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben«. Die Veranstaltung nähert sich mittels Lesung und Gespräch der Frage:

Unter dem Druck der Verschuldung von Staat und Kommunen sowie dem anhaltenden Desaster der ‚Finanzwirtschaft‘ wächst auch der Druck auf Kreative und Kulturbudgets. Wie schaffen kreative Akteure mit künstlerischem bzw. human-kulturellem Anspruch den Spagat zwischen zunehmend digitalisierter bzw. vernetzter Lohnarbeit und kreativer Selbstverwirklichung?

Kein unspannendes Thema und ein vieldiskutiertes noch dazu landet hier also auf der Agenda. Sofort müssten Wirtschaftsförderung, Stadtentwicklung und Kulturamt Betriebsausflüge planen, wird doch Kreativwirtschaft in dieser unserer Stadt aktuell von allen Seiten beleuchtet, auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und genetzwerkt, was das Zeug hält.

Wahrscheinlich rede ich mich mit den folgenden Zeilen um Kopf und Kragen, vielleicht aber sind sie auch nur Anstoß und/oder Inhalt zukünftiger Diskussionen.

Katja Kullmann also: Mit einem Genderthema zu Bestsellererfolgen gelangt und dann doch „abgestürzt“. Daraus kann man doch gleich wieder ein (Sach)Buch machen und sich mit den eigenen Erfahrungen zur Expertin für selbstbestimmtes Arbeiten unter ach so ungünstigen Bedingungen aufschwingen. Oder besser doch nicht?

Als ich im Frühjahr einen Beitrag über das Buch und die Autorin sah, ging mir das Thema bereits ansatzweise, die Frau jedoch sofort auf die Nerven.

Von kreativen Ideen leben, schön und gut – herrliche Welt, wenn es funktioniert – damit aber auch Nachfrage zu generieren, ist die Herausforderung. Eben nicht auf lukrative Entlohnung und Selbstverwirklichung zu beharren oder den Kunstaspekt schützend vor sein Werk zu halten, sondern einsehen, dass die Idee allein zum Leben eben manchmal nicht reicht. Ganz schön egoistisch kommt mir mitunter das Geschwurbel mancher Kreativer vor, lamentierender Zugehörigkeitsgefühlsaustausch, jedes weitere Netzwerktreffen nur eine Sammeltasse neben dem Präsentierteller.

Nicht dass hier ein falsches Bild entsteht: Jahrelang unbezahlte Praktika abzuleisten, ist ausdrücklich Murks und nicht zu vertreten! Auch das Bewusstsein zu einer Generation zu gehören, die nur noch in den seltensten Fällen ihr Berufsleben im immer gleichen Job verbringen und von der räumliche und zeitliche Flexibilität eingefordert wird, kann durchaus unruhige Nächte bereiten. Ich könnte aber wirklich an die Decke gehen, wenn individuelle Freiheit auf Teufel komm raus gelebt werden soll und der Eindruck entsteht, auf höherer Ebene (weil kreativ) unterwegs zu sein und allein deshalb (auch nicht vorübergehend oder in Teilzeit) auch ganz unspektakuläre Jobs zur Eigenfinanzierung in Betracht gezogen werden.

Keine Frage, Netzwerke wollen und müssen gepflegt werden, können hilfreich sein und vor allem: Dinge anstoßen. Wenn es gelingt, aus dem kreativen Gedanken ins Tun zu kommen, will ich nichts gesagt haben. Mit gesunder Skepsis ist vielen Reden zu begegnen und auch Katja Kullmanns Werdegang ist wahrlich kein gewöhnlicher. Von der Lifestyleredakteurin zur Bestseller-Autorin, die in ein paar Jahren ihr Geld durchbringt und dann HartzIV beantragt, einige Monate davon lebt und Methoden (Hungern) entwickelt, um am Wochenende doch noch am Cocktailglas in feiner Gesellschaft nippen zu können, anschließend bei einer Glamourzeitschrift in eine Führungsposition berufen wird und dort vor lauter Gewissen freiwillig wieder kündigt… mit Verlaub: echtes Leben fühlt sich für 99% der Menschen vermutlich anders an.

Schenkt man dem Gebaren mancher Großstädter Glauben, sind wir an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte angelangt, an dem mindestens die Hälfte der 30 – 45-jährigen kreativ ist und auch noch davon leben will. Ich denke: ein kreativer Umgang mit den eigenen Ressourcen, weniger Clusterzugehörigkeit, mehr Ergebnisorientierung sind nötig – und endlich eine griffige Definition von „schöpferischem Wert“. Der Teufelskreis ist doch, dass Kreativität monetär nicht messbar ist. Auch Friseurinnen, Schneider und Floristen sind kreativ tätig – und chronisch unterbezahlt.

Echtleben erschien im Juni 2011 im Eichborn Verlag. Jener profilierte Verlag übrigens, der in den letzten Monaten durch seine Insolvenz Schlagzeilen machte.

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