Tausend Türen hat mein Haus

· 24.09.2011 · Keine Kommentare

»Die Welt war groß und wild und voller ernstem, tiefem Zauber.«

Lazyboy heißt in Wirklichkeit Heiner Boie, ist 35 und schreibt als Musikjournalist für diverse Szenemagazine. Berufsjugendlicher. Er hasst seine Arbeit. Er hasst Musik. Und Bands. »Ich kann keine Musik mehr hören. Schon seit Jahren höre ich privat keine Musik mehr. […] Ich gehe auch nicht mehr zu Konzerten.«
Und dann ist da noch Monika, Lazyboys Verlobte, die er eigentlich irgendwie wirklich liebt. Nur … »Wir wohnen in zwei getrennten Wohnungen, weil ich behaupte, meine Freiheit zu brauchen, in Wirklichkeit habe ich Angst.«

»Ich bin der Lazyboy. Ich lebe auf Abruf.«
»Was ich will, ist dauerhaft möglichst wenig Verantwortung im Leben.«
»…und ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas grundsätzlich falschläuft in meinem Leben, dass ich etwas ganz und gar falsch angehe.«

Lazyboys größte Sorge gilt gar nicht seiner Arbeit, seiner Beziehung oder seinem Leben. Nein, Lazyboy hat ein noch viel größeres Problem! Es hat mit Türen zu tun. Manchmal passiert es nämlich, dass er durch eine Tür geht und nicht im angrenzenden Raum landet, sondern an einem völlig beliebigen anderen Ort. In letzter Zeit passiert ihm das immer öfter und da er dieses Phänomen leider überhaupt nicht kontrollieren kann, muss Lazyboy immer wieder äußerst abenteuerliche Situationen bestehen.

Auch psychologische Betreuung und verschiedene Erkenntnisse über sich und sein Leben tragen nicht dazu bei, der Sache Herr zu werden. So landet Lazyboy eines Tages in Beek, einer geteilten Stadt, in der die Zeit stillsteht. Ist Lazyboy tatsächlich der prophezeite Mittler, dazu bestimmt, die Stadt wieder zu vereinen? Wird er dann endlich sein verdammtes Türenproblem los? Und kann Monika so lange auf ihn warten?

Dieses Märchenbuch für Erwachsene schaltet den Alltag aus und öffnet die Tür zum Kino im eigenen Kopf, wo der Film von Lazyboy im Wunderland schon läuft und tolle, bunte Bilder über die Leinwand flimmern lässt:

»Und ihr Haar wehte blond und stolz im Wind, auch wenn Windstille herrschte.«

»… ihre runden, hübschen, tiefblauen Augen werden noch größer, so groß, dass ich Lust bekomme, einen Stein oder etwas Ähnliches in sie hinein plumpsen zu lassen, um zu sehen, ob die tiefen Wasser ihrer Augen Wellen schlagen.«

»Der Vater ist irgendwie konturarm, auf eine verschlungene Art depressiv und zurückgezogen.«

Es ist ein hintersinniges Buch, das viel Platz für eigene Gedanken und Interpretationen lässt; Das sich auf seine eigene Art, fantastisch realitätsnah und mit trockenem Humor mit der ewigen Frage nach dem richtigen Platz im eigenen Leben auseinandersetzt. Da geht es um den dringenden Wunsch, endlich einmal irgendwo anzukommen, um dann, gerade noch rechtzeitig bevor man ganz da ist, die erstbeste Tür zum Verschwinden zu nutzen.

Entscheidungen treffen? Sich auf etwas oder jemanden einlassen? Verantwortung übernehmen? Erwachsenwerden? Erwachsensein? »Irgendwie schien es mir das Schlimmste, was passieren konnte.«

Man darf sich vom Lazyboy vielleicht keine Antworten auf die ganzen Fragen erwarten. In diesem Buch jedenfalls wird man die so einfach nicht finden. Aber ich glaube, ich weiß wo! Irgendwann…

Song zum Buch: Selig – Tausend Türen

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