Gefangene der Möglichkeiten

· 26.08.2011 · Keine Kommentare

Zwischen Berlinhamburgmünchen, Facebook, Projektmeetings und irgendwas mit Medien stehen uns unzählige Wege offen, uns selbst zu verwirklichen. Trotzdem sind wir nur allzu oft unzufrieden oder gar unglücklich. Wir ahnen es doch schon eine Weile, oder? Hinter jedem selbstdefinierten Projekt Leben lauern hundert Alternativen. Und woher sollen wir denn bitteschön wissen, ob die, an der wir uns da gerade versuchen, die richtige ist?

Wie gelähmt starren wir auf all die Möglichkeiten und machen uns unglücklich, weil wir uns nicht für eine von ihnen entscheiden können, nicht entscheiden wollen. Denn dann würden wir uns ja unseres Freiheitsgefühls berauben. Hauptsache, wir könnten, wenn wir wollten. Wollen wir aber nicht. Wir wollen alles und dabei nichts verpassen. Und man kann ja auch nie wissen, ob nicht noch was besseres kommt.

Über diese (und ein paar andere) Gedanken seiner, unserer, Generation, die er »Irgendwas-mit-Medien« nennt, hat Florian Schroeder ein Buch geschrieben. Obwohl ein Buch ja gar nicht mehr zeitgemäß ist. »Wir twittern und posten lieber« – das ist nicht so endgültig.
Schroeder selbst, Jahrgang 1979, Kabarettist mit Abschluss in Germanistik und Philosophie ist wohl aus dem Fernsehen bekannt – mir ist er bislang noch nicht aufgefallen, bis ich am Titel seines gerade erschienen Buches hängen blieb: Offen für alles und nicht ganz dicht.

Anhand der Bestellung eines Kaffees bei Starbucks, wo die enorme Auswahl schon mal leichte Panik in ihm auslöst, versucht Florian Schroeder ein Bild der Generation Irgendwas-mit-Medien zu zeichnen. Das gelingt ihm stellenweise ganz hervorragend. Ich habe jedenfalls zwischen seinen Zeilen immer wieder auch mich gefunden, laut gelacht, erkennend genickt und eine Menge Denkanstöße übrig behalten.

In überwiegend kurzweiligen Kapiteln beleuchtet Schroeder, immer aus seiner sehr persönlichen Sicht, den Alltag der Irgendwas-mit-Medien-Menschen – Ausbildung und Arbeit, Beziehungen, Politik, die Rolle der Medien, Reisen und unsere Art des Humors: »Ich mache Spaß und meine ihn doch ein bisschen ernst. […] Die Ironie stellt sicher, dass ich nie in den Verdacht eines Standpunkt gerate.«

Er zeigt, wie wir es in der »Diktatur der Mobilität und Flexibilität« immer weniger schaffen, uns mit ganzem Bewusstsein auf Begebenheiten einzulassen, Momente vollkommen offline zu erleben und zu genießen.
»Wir schießen nicht mehr Fotos, um Augenblicke festzuhalten, wir schaffen Augenblicke, um sie auf Fotos festzuhalten« damit wir diese dann auf Facebook mit unseren Freunden teilen können.

Das Bild von der Bestellung bei Starbucks blitzt immer wieder auf und Schroeders Beziehung zu Anne zieht den roten Faden durch das Buch. Sie wirkt immer ein bisschen halbherzig, diese Beziehung, und scheitert (natürlich!) genau an dem Problem, auf das Schroeder immer wieder zeigt: Wir schaffen es nicht, uns mit allen Konsequenzen für etwas oder jemanden zu entscheiden. Weil wir ständig nach allen Seiten schielen, wissen wir schon gar nicht mehr, was wir eigentlich fühlen.
Dann war’s eben noch nicht das Richtige, mag man meinen. Vielleicht hätte es ja aber etwas Richtiges sein oder werden können?!
Doch bevor wir uns der einen oder anderen Möglichkeit berauben, entscheiden wir uns. Nicht für das eine, für das andere auch nicht – wir wählen lieber: Nichts. Denn nur so können wir weiter sein, was wir wollen: Offen für alles.

»Wir wollen alles und töten damit alles. Wir wollen das Beste – und bleiben allein.«
Permanent auf der Suche, kommen wir niemals zur Ruhe; Definieren uns mit jeder Begegnung neu, haken Checklisten ab, warten darauf, dass unser Leben endlich richtig anfängt und – »Ich verspreche nichts, schließe aber auch nichts aus.«
Von allem ein bisschen, aber nichts richtig, kreisen wir unablässig um uns selbst und vergessen dabei oft genug, wer wir eigentlich sind.
»Anne sagt, wenn sie keinen Spiegel hat, fotografiert sie sich schnell selbst, um zu wissen, wie sie aussieht. Sie macht das dann drei-, vier-, fünfmal, bis sie auf dem Foto so aussieht, wie sie aussehen möchte. Sie weiß: Es geht darum, authentisch zu sein. Sei du selbst! […] Weil wir nicht mehr wissen, wer wir sind, brauchen wir das Fotohandy. […] Das Handy soll zeigen, dass ich der bin, von dem ich hoffe, dass ich es bin. Ganz bei mir und doch komplett offen für alles. Geschminkt, aber ohne es so aussehen zu lassen.«

Warum eigentlich nicht

mal wieder auf etwas einlassen? Den Blick nach links und rechts verschließen, alle Konsequenzen annehmen und das Beste daraus machen?
Wenn es sich als Fehlentscheidung herausstellt? Erkennen. Handeln. Daran wachsen.

statt

»Und so warte ich auf die Welle, die alles überspült, ohne mich nass zu machen. Bis dahin werde ich weiter versuchen, die Stille auf Distanz zu halten. Die Stille, in der die Angst kommt. Die Angst, mich selbst zu verpassen.«

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