Salvador und der Club der unerhörten Wünsche

· 10.07.2011 · Keine Kommentare

„Jede Woche ein Buch“ war mal erklärtes Ziel für 2011. Schnell wurden aus einer Woche 14 Tage. Leider bleibt zu wenig Zeit zum Schreiben der Rückblicke. Hier ist #10.

Salvador, etwa 60 Jahre alt, arbeitet als Reinigungskraft auf dem Flughafen und beobachtet dabei Menschen. Er schäkert mit der Kioskverkäuferin, erzählt Passagieren im Wartebereich Geschichten, die nicht so recht auf den Punkt kommen wollen, wird zum Ruhepol im TimeLapseZustand der Abflughalle, zur kurzen Atempause beim schnellen Lauf zum letzten Aufruf. Vieles bleibt fragmentarisch; unverbindlich inmitten steter Bewegung. Im Plauderton führt Salvador einen Monolog, andere Charaktere erschließen sich nur durch die Antworten des Ich-Erzählers. In der austauschbaren Aufteilung eines Flughafens, der immergleichen Weite, Leere und Hektik zwischen Business und Urlaub, Begegnung und Verlassen erzählt Autor Alberto Torres Blandina in Salvador und der Club der unerhörten Wünsche leichtfüßig von Glücksverheißungen und Identitätsfindung. Wie viele philosophische Erkenntnisse darin verborgen sind, überliest man beinahe.

Mia, die nicht mal Mia heißt, und an Amnesie leidet, erhält beispielsweise ein ganz neues Leben geschenkt, eine Bilderbuchgeschichte. Eduardo, der uns immer wieder begegnen wird, erschafft sich eine ganz eigene Welt mit eigener Sprache und Gesetzen. Das Spiel der Identitäten wird von Salvador in all seinen Geschichten aufgegriffen: Was passiert mit einem, wenn sich nur eine winzige Komponente im Gefüge ändert? Ganze Lebensentwürfe schlagen eine neue Richtung ein. Unter den möglichen Varianten ist die Realität immer nur eine von vielen. Und nicht unbedingt die beste. Am Ende des Buches geht Salvador in den Ruhestand und auch diese Umstände sind alles andere als gewöhnlich. Die Lektüre ist aufgrund vieler kurzer Kapitel perfekt für Reisen, aber auch für den Nachttisch, man sollte nur darauf achten, nicht mit Tempo durch die Seiten zu fegen. Zu leicht übersieht man scheinbar banale Sätze, die einen zweiten Gedanken wert sind.

Nach Indien geht man allein – Sie sind allein – und für mindestens einen Monat – wie mir dieser dicke Rucksack verrät. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, dass es immer einen gibt, der drei Monate dort war und Ihnen erklären wird, dass man für nur vier Wochen nicht nach Indien fährt. Und einen anderen, der sechs Monate dort war und sich noch dazu Amöbenruhr oder sonst eine ungewöhnliche Krankheit geholt hat … da kann man dann gar nicht mehr mithalten.

Vor lauter Stress vergessen wir, ein paar Minuten dem Nichtstun zu widmen. Es wäre schon eigenartig, wenn man in seinen Kalender schriebe Dienstag 15 bis 16 Uhr: nichts tun.

Dem Akzent nach sind Sie Amerikaner … Aus New York? Eigenartige Stadt. Dort ist alles gigantisch, die Häuser, die Straßen, die Hamburger… bis auf die Freiheitsstatue, die ist viel kleiner, als sie im Fernsehen wirkt. Äußerst symbolisch! Letztlich ist die Freiheit das Allerkleinste.

twitter share buttonFacebook Share