Meinel Meile und Kraftwerk Mitte – Die Dresdner Kreativwirtschaft

· 29.06.2011 · 3 Kommentare

Verfasst: 08.06.2011
Publiziert: 29.06.2011

Während gestern (Anmerkung: Dieser Beitrag harrte bis zur Veröffentlichung der Studie letzten Mittwoch seiner Dinge. Und da war ich auf Reisen) die Dresdner Kreativwirtschaftszweige Marketing und Medien mit über 150 Gästen auf einer selbst initiierten Party netzwerkte, präsentierte die Stadt Dresden vor 25 Leuten die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu Gegenwart und Zukunft der Kreativwirtschaft.

Diese Studie wird seit August 2010 von der Prognos AG durchgeführt, die dazu neben statistischen Analysen auch eine Umfrage und drei Workshops mit Vertretern der Kreativwirtschaft durchgeführt hat. An den ersten beiden Workshops habe ich teilgenommen und im Konzeptspeicher berichtet (Workshop 1 und Workshop 2)

Bei der Präsentation wurden die Ergebnisse nur auszugweise veröffentlicht. Sie gehen jetzt erstmal in die Ausschüsse. Handlungsempfehlungen wurden daher nur angedeutet. Überraschungen blieben aus. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, daher sollen hier nur einige Dinge erwähnt werden.

Ergebnisse:

13.000 DresdnerInnen arbeiten im Kreativsektor, davon 11.000 sozialversicherungsbeschäftigt und 2.000 selbstständig. Sie erwirtschaften einen Gesamtumsatz von 740 Mio Euro per anno. Wie in beinahe allen deutschen Städten macht der Bereich Software (zu der auch Games gehören) dabei mit über einem Drittel den Schwerpunkt aus. Wie richtig es ist, den angestellten SAP-Berater mit dem freischaffenden Dichter in eine Branche zu packen, wurde übrigens auch bei der Untersuchung in Dresden nicht weiter erläutert. Meiner Meinung nach ist es dringend an der Zeit, dieses Cluster völlig separat zu behandeln! Bei den Selbstständigen sind nur die umsatzsteuerpflichtigen erfasst, die also mindestens 17.500 EUR im Jahr umsetzen. Da fallen eine ganze Reihe „gefühlt“ Selbstständiger (Hartz 4 + Malerei, 15 Stunden Kellnern + DJ) natürlich raus. Diese zu erfassen und deren Bedürfnisse zu analysieren ist aber auch verdammt schwer! Dazu braucht es dann wirklich Instanzen und um solche Instanzen zu schaffen, braucht es genau solche sensibilisierenden Studien.

Trotz der genannten Übermacht der Softwareschmieden, hat Dresden aber statistisch kein klares Kreativprofil. Keine der 11 Teilbereiche Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Künste, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt sowie Software/Games-Industrie ist wirklich monetär prägend für die Stadt. Die Prognos AG spricht davon, dass der Stadt ein kreativer Nenner fehle (Werbehochburg, Medienstadt, Game-Cluster), auf deren Strahlkraft die Wirtschaftsförderung bauen könne.

Auch die Kreativ-Topologie zeigt sich eher dezentral. Ein Stadtplan zeigt die Kreativquartiere der Stadt, von denen die Äußere Neustadt eindeutig als Kreativhochburg hervorsticht. Zusätzliche Kreativ-Cluster finden sich z.B. am Uni-Campus und in Hellerau.

Da die Stadt selbst aber vor allem über das Leben der Innenstadt wahrgenommen werde, empfiehlt die Prognos AG die Umsetzung der Idee Kultur-Kraftwerk-Mitte als zentralen Leuchtturm. Auch das Potential des Ostrageheges (in der Kreativszene mittlerweile auch als „Neue Meinel-Meile“ bekannt) wurde genannt. Hier könnte sich ein ganz eigenes Profil entwickeln, bei dem die Ansiedlung größerer und etablierter Player im Vordergrund stehen könnte, die größere Flächen brauchen. Das klingt plausibel und würde vielleicht auch auf die Messe ausstrahlen und vielleicht würde neben den unvermeidlichen Konsumenten-Messen (Fertighäuser, Urlaub) mehr Raum für kreative und innovative Fachmessen oder -tagungen in relevanten Nischen sein (Augmented Realtiy, Motion Capturing, eLearning, Gamification, Philosophie2.0 whatever), wo Dresden ganz, ganz dringenden Nachholbedarf hat.

Weiterhin sei eine Expansion der Kreativbranche nach Pieschen wünschenswert, da die Neustadt aus allen Nähten platzt. Auch dieses Ergebnis kommt nicht überraschend. Über eine Szene-Wanderung nach Pieschen wurde auf banq.de schon vor Jahren das erste Mal diskutiert. Aber es gab nicht nur theoretische Überlegungen. Ein Netzwerk aus Stadtentwicklern, Investoren im Ostragehege und einer Dresdner Stadtentwicklungsgesellschaft arbeitet wohl schon eine ganze Weile an Ideen für den Ausbau der „Kreativ-Banane“ (Friedrichstadt, Ostragehege, Pieschen) in der westlichen Neustadt mit einer Fahrradbrücke als Elbquerung zwischen Pieschen und Ostragehege. Diese Ideen wurden von dem Planungsteam bereits beim zweiten Workshop semi-offiziell vorgestellt.  Erst vergangene Woche hat die Dresdner CDU sich für eine solche Brücke ausgesprochen und will einen entsprechenden Antrag im Stadtrat einbringen.

Vorgeschlagen wurde weiterhin eine amtsübergreifende Koordinierungsgruppe „Kreatives Dresden“ und ein Internetportal, auf dem sich alle Kreativen vorstellen können.

Bissig behauptete hinterher ein Gast: „Die haben jetzt also ein ganzes Jahr gebraucht, um die Pläne von IG Kraftwerk Mitte und Mirko Meinel abzusegnen und sich ein Internetportal und eine Koordinierungsstelle auszudenken.“ Auch wenn da vielleicht eher der Neid des „kleinen Künstlers“ spricht: Fakt ist, dass man einige Dinge wirklich hinterfragen muss.

Die Einladung zur Teilnahme an der Online-Befragung ging an ca.1000 Leute raus. Einige Fragen wurden offenbar aber nur von 250, ja teilweise sogar nur 120 Leuten beantwortet. Repräsentativ geht eindeutig anders. Es kann also durchaus sein, dass nicht 25% ALLER Kreativen die Verkehrslage für einen extrem wichtigen Standortfaktor halten, sondern nur 25% derer, denen es schlecht geht. Die also deswegen an der Umfrage teilgenommen haben, um etwas zu ändern.

Auch die drei Workshops waren eher nette Plauderstunden, bei denen Einzelne ihre Ideen äußerten und bei denen viele sehr gute Leute gar nicht erst dabei waren.

Ein Jahr also für ein paar Zahlen auf einem Papier, dass nicht wirklich irgendeine Überraschung offenbart und das jetzt über den Sommer in die beteiligten Ausschüsse (Stadtplanung, Wirtschaftsförderung, Kulturamt) getragen wird, damit dann wirkliche Handlungsempfehlungen entwickelt werden können.

Der oben zitierte Gast empört sich: „Was haben die eigentlich das ganze Jahr gemacht?“ – Ich frag mich eher, was machen wir in einem Jahr? Vor allem aber mache ich mir Sorgen um die Definition von Kreativität. Wie kreativ sind Zwingerfestspiele mit abgehalfterten B-Promis und Großraumdiskotheken? Was soll der Bildhauer aus Loschwitz und der kleine Verlag in der Neustadt jetzt mitnehmen, wie die Stadt ihre Arbeit stärken will? Mit einem Internetportal? Das schreit vorhersehbar nach einem Aufstand der Kunst wie Hamburg ihn zum Beispiel in letzter Zeit häufiger erlebte….

Aber immerhin ist ein Thema auf der Tagesordnung, was da schon lange hingehört! Und da sollten wir es so schnell nicht wieder runter nehmen. Es ist auch an Euch, was daraus wird! Man sollte dabei nie vergessen, dass der Anteil derer ziemlich gering ist, die im Stadtrat Dresdens wirklich auf Zeiten in „alternativen Lebensformen“ zurückblicken können! Kontra ist kontraproduktiv! Think about it!

NACHTRAG: Die Fahrradbrücke wird von der Dresdner CDU übrigens auch mit ökologischen Argumenten untermauert. Interessanterweise hat man sich gleichzeitig gegen ein Verordnung „CO2-freie Hafencity“ ausgesprochen. Über die Gründe dafür möchte ich nicht spekulieren.

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