Als wir unsterblich waren

· 15.05.2011 · Keine Kommentare

Jede Woche ein Buch. Die Erfahrung lehrt: Eine Woche hat hier 14 Tage. (Ich hole mit der verbalen Rückschau langsam auf!) Rückblick #6

24 Stunden auf 341 Seiten auszubreiten, muss man erstmal hinkriegen. Tony Parsons schafft das in Stories We Could Tell problemlos und beschreibt darin die Erlebnisse von drei Halbstarken namens Terry, Leon und Ray im wilden London der Siebziger. Die Jungs, kaum volljährig, sind Redakteure beim Musikmagazin The Paper, treffen die Stars und Wracks der Zeit, es geht um Sex, Rock’n’Roll, Elvis, Hausbesetzungen, Frauenrechte, Neonazis, John Lennon, Emanzipation, Gewalt und einiges mehr. Ganz schön viel in 24 Stunden. Kein Wunder, dass scheinbar alle ununterbrochen auf irgendwelchen Trips sind. Durchaus ein Wunder, dass alle drei in einer Nacht die temporäre Liebe ihres Lebens treffen (Fotografin, verheiratete Managerfrau, Discogirl) und weitreichende Entscheidungen fällen (Auszug aus dem Elternhaus, Rückkehr ins Elternhaus, Gründung einer eigenen Familie). Es ist der Tag, an dem Elvis stirbt, John Lennon von Ray interviewt wird und die Jungs quasi über Nacht erwachsen werden.

Autor Tony Parsons scheint in seiner Zeit als Redakteur bei NME wirklich Abenteuerliches erlebt zu haben. Bestimmt war damals alles viel wilder, Hippietum out, Punk und Disco dabei, vorübergehend die Weltherrschaft zu übernehmen. Aber mal ehrlich: Stories We Could Tell liest sich zwar flüssig weg, wirkt jedoch mächtig konstruiert. Den stetigen Wechsel von Subkulturen und Stilrichtungen, in denen man sich seinen Platz sucht, gab es nicht nur in den Siebzigern, den gibt es heute immer noch. Die Drogen sind andere. Die Codes für Kleidung wie Sprache ebenfalls. Jeder, der sich mal selbst einer Szene zugewandt hat, wird sich dabei rebellisch gefühlt haben, individuell, frei.

Leon believed that the new music could be a force for social change. The fire still burned. The audience just needed to be radicalised. And the musicans just needed to be educated. Basically all you needed to change was everything.

Ideale & Träume ungestümer Weltverbesserer. Wenn 30 ein unvorstellbares Alter ist. Und irgendwann holt einen doch der Alltag, den man Leben nennt, ein. Dann geht es weniger um Ideale oder Träume, die verschwinden in Nischen und machen sich nur hin und wieder bemerkbar. Kleine wiedererweckte Rebellionsversuche, die frech an den Erinnerungen kitzeln, bis man feststellt: ich bin nicht mehr krabbelig. Und Punk mag ich auch nicht mehr hören. Es reicht, das letzte Kapitel von in Stories We Could Tell zu lesen, denn da steht alles drin:

How quickly the new music – the new anything – became old hat.
… A few years and you were out. You went in a boy and you came out a man. All grown up. Or at least on your way being a grown up.
You turned around and the bands were new, and a bit younger than you … and the faces in the clubs and at the gigs were changing too. Now every night he went out he was aware that he now longer knew everyone in the house. The familiar faces were thinning out.

But if their music was dying, wouldn’t they die with it? It had been the heart of their whole world… the music was more than a soundtrack – it was a life-support machine.. the overwhelming sensation of being a part of it all.

Ein Buch für die Wiese im Park und Menschen, die noch mittendrin im Ausgehzwang stecken, aber auch für die, welche Relikte ihrer Zeit im Schuhkarton aufbewahren, um hin und wieder darin zu stöbern. Manche Platten verkauft man nicht, auch wenn man sie nicht mehr anhört.

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