Licht am Ende des Tunnels am Ende des Lichts – Troy Von Balthazars Kinopremiere

· 05.04.2011 · Keine Kommentare

Troy Von Balthazar steht seit gestern noch weiter oben auf meiner Liste der Musiker, an deren Vorbild Jonathan Franzen in seinem Roman Freiheit die Figur des Richards erschaffen haben könnte:

„Ex-Sänger einer in Insiderkreisen hoch geschätzten Noisepunkband, begabt und gebildet aber zu dauerhafter zwischenmenschlicher oder beruflicher Beziehung unfähig, ausgestattet mit dem intelligenten aber derben Humor des Melancholikers unter Depressiven. Gründet in älteren Jahren eine Alternative Countryband mit attraktiver Bassistin und hat….“

An dieser Stelle muss ich den Schablonenmodus leider ausblenden. Denn an dieser Stelle tritt bei der Romanfigur Richard der musikalische Welt-Erfolg ein. Davon kann bei Von Balthazar nicht wirklich die Rede sein.

Troy Von Balthazar stammt aus Hawaii und war Sänger der amerikanischen Band Chokebore. Deren verkopfter Noiserock begeisterte in den 90ern vor allem europäische, männliche Abiturienten. Von denen waren gestern allerdings nicht viele als Gast im ansonsten sehr gut besuchten Thalia. Das Publikum war erstaunlich jung, Troy erstaunlich behaart im Gesicht im Vergleich zu früher

Angeblich hat Von Balthazar vor der gestrigen Show im Thalia weder in einem Kino noch in einem Kinofilm gespielt. Das überrascht ehrlich gesagt. Wenn einer die Gastrolle des gutaussehenden aber verschrobenen Singer/Songwriter ausfüllen kann, dann er.

Das erste Set des Abends bestreitet Von Balthazar komplett solo und gibt sich dabei als Sadcore-Comedian. Er loopt Gitarren-Riffs und Rhythmus-Elemente und singt dazu über alltägliche Dinge wie seinen Penis oder erinnert sich an seine Katze Santiago („Ich hab null Ahnung von Liebe, aber ich hatte mal eine Katze“). Er bricht ein Stück nach 10 Sekunden ab, um doch lieber einen Titel seines neuen Albums zu spielen. Das tut er dann wortwörtlich. Er legt sein (wohl nur in Tschechien erhältliches) Vinylalbum auf einem tragbaren Plattenspieler auf, setzt sich auf die Bühne und liest in einem Buch so groß wie ein Ytong-Stein. Spätestens jetzt hat er das Publikum, das vorher ob seiner spastischen Moves (Joe Cocker auf Ecstacy) und extremer Effekte auf der Stimme, durchaus verunsichert wirkte.

Die Songs, die Von Balthazar vorträgt sind eher Versatzstücke als ausgereifte Titel und erinnerten nicht nur deshalb an das Schaffen der Guided by Voices. Die selbe Experimentierfreude, die Ursprünglichkeit der Gitarren und die immer haarscharf am Meisterpop vorbeiratschenden Hooklines eines Robert Pollard blitzen da auf. Zerbrechlich wirkt das und löst ein Gefühl aus, bei dem man nie genau weiß, ob man lachen oder weinen soll. Erst recht, wenn Von Balthazar am hinteren Bühnenende kauernd Playback zu einem alten Kassettenradio vom Tunnel am Ende des Lichts singt. Spätestens als Von Balthazar anschließend fragt, ob das Publikum lieber einen „sad Song“ oder einen „happy Song“ hören will und gleich hinzufügt „the sad songs make me happy“ wird klar: Das geht wohl allen Anwesenden so.

Wie ein Befreiungsschlag aus diesem kollektiven Glücklichsein durch traurige Songs wirkt dann der zweite Teil des Abends, bei dem aus dem Sänger Troy Von Balthazar die Band Troy Von Balthazar wird. Schlagzeuger und Bassistin erklimmen die Bühne und drücken die letzten Songs massiv nach vorne, geben ihnen Bodenständigkeit und Rockappeal. Als hätte jemand entschieden: „Komm, lass uns gemeinsam noch ein paar abgefahrene, durchgeknallte Collegerock-Sachen machen. Mit Strophe, Refrain und ein paar eingestreuten fiesen Harmoniefolgen.“

Anschließend lud die Band ein auf einem Plausch am Merchandise-Stand, wo es außer T-Shirts auch ein paar Downloads zu kaufen gäbe und dort klang der Abend dann auch entsprechend gemütlich aus. Ich denke, da ist Licht am Ende vom Tunnel am Ende des Lichts.

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