Nachbericht zum zweiten Workshop zur Kreativwirtschaft in Dresden

· 08.11.2010 · 12 Kommentare

Heute fand der zweite Workshop zur Kreativwirtschaft in Dresden statt.

Wie schon nach dem ersten Workshop möchte ich Euch gerne einen -natürlich sehr subjektiven – Eindruck des Treffens sowie einige Gedanken dazu schildern. Ich hoffe sehr, dass sich die anderen Teilnehmer zu Anmerkungen, Kommentaren und Ergänzungen bewegen lassen. Wer mag, kann sehr gerne seine Gedanken hier als Gastkommentar direkt im Blog veröffentlichen!

Im Mittelpunkt stand heute die Frage nach räumlichen Standortfaktoren. Es sollte also erfasst werden, welche Kreativ-Areale bereits bestehen, welche Standorte in Dresden besonders viel Potential aufweisen und welche konkreten Stadtentwicklungsansätze nötig oder wünschenswert sind.

Ich gebe zu, im Vorfeld der Veranstaltung war ich sehr skeptisch, ob (mir) die Veranstaltung wirklich viel bringen kann. Als Vertreter der Agenturlandschaft und der Musikwirtschaft sah ich das Thema „Kreativ-Areale“ immer als „eher weniger wichtig“ (für die Agenturlandschaft) beziehungsweise als Luxusproblem (für die Musikwirtschaft).

Dezentrale Produktion – zentrale Präsentation

Agenturen brauchen eine gute Verkehrsanbindung, eine inspirierende Umgebung (je nach Vorliebe) und Lokale mit gutem Mittagsangebot in der Nähe. Und natürlich funktionierendes Hochgeschwindigkeitsinternet (Grüße nach Striesen). Wirklich wichtig ist es dabei nicht, ob jetzt drei oder dreißig weitere Kreative in der Umgebung ihre Arbeitsplätze haben. So groß ist Dresden dann auch wieder nicht. Vor allem: Die Kunden sitzen sowieso weiter weg als jeder Partner vor Ort. Mobilität gehört also zum Standard.

Für die Musikwirtschaft ist das ähnlich, allerdings aus ganz anderen Gründen. Es gibt hier außer den Veranstaltungsunternehmen so wenige gesunde, wirtschaftliche Betriebe im Bereich Pop/Rock (Labels, Verlage oder Künstleragenturen), dass Synergieeffekte durch ein Kreativ-Areal sicherlich ein nettes Gedankenspiel darstellen, die Branche aber eindeutig ganz andere Sorgen hat (finanzielle Ausstattung, Kreditwürdigkeit). Proberäume sind über die ganze Stadt verteilt durchaus vorhanden und bilden mehr oder weniger bereits jetzt eigene Kreativzentren. In Dresden fehlen eher Auftrittsmöglichkeiten für lokale Bands und professionelle Vermarkter (Labels, Künstlermanagement, Verlage) als Proberäume, Büros oder Kreativzentren.

Wie ich heute aber lernen durfte, ist das durchaus ein spartenübergreifendes Spiegelbild für die Dresdner Kulturwirtschaft. Das Problem sind nicht die Bedingungen der Produktion sondern die der Präsentation.

Der Workshop heute war so aufgebaut, dass an vier Tischen jeweils etwa 8-10 Personen (bunt gemischt) zusammen eine Art Soll/Ist-Präsentation erarbeiten sollten. Auf Stadtplänen wurde dabei gezeigt, wo Branchen jetzt zu Hause sind, welche Areale das größte Potential aufweisen und welche Verknüpfungen sich zu Baubestand und Infrastruktur darstellen lassen.

Über aktuelle Leerstände, nutzbare Brachflächen oder andere Sorgenkinder der Stadt wurden wir dabei im Vorfeld nicht informiert. Dabei wäre das sicherlich ein sehr guter Ansatz gewesen, nicht nur zu fragen, was die Stadt für die Kreativen tun kann, sondern den Spieß auch umzukehren. Wenn ihr mich fragt: Die Stadt hat wahrscheinlich mehr Probleme als die Kreativen! Imageprobleme, Gentrifizierung, Leerstände oder Vergreisung diverser Genossenschaftssiedlungen mal als Beispiele genannt.

Das ist nämlich auch das, was wir Kreative vor allem wollen: Gefragt werden! Gehört werden! Uns einbringen!

Vielleicht entwickelt sich aus den Workshops ja eine Art Forum für diesen Austausch.

An meinem Tisch saßen unter anderen VertreterInnen des Literaturbüros, vom Geh8, von Sputnik-Dresden, vom Filmverband Sachsen sowie Multimediavertreter aus dem engen und erweiteren Kreis der IG Kraftwerk Mitte sowie Rene Schulze, der seit einiger Zeit im Auftrag einer Dresdner Stadtentwicklungsgesellschaft an Konzepten arbeitet.

Für ein Aha-Erlebnis hat bei mir Paul Elsner vom Geh8 gesorgt, der die Notwendigkeit aufzeigte, Produktion und Präsentation der künstlerischen und kulturwirtschaftlichen Arbeit getrennt voneinander zu betrachten. Wahrscheinlich ist das Stoff im 1. Semester Stadtentwicklung, aber ich als Laie habe das so noch nie betrachtet. Durch diese Trennung konnte ich alle anderen Ausführungen aus einem ganz neuen Blickwinkel sehen.

Die Produktion:

Die Frage ist: Wollen Kreative wirklich zum Arbeiten in ein „Kreativzentrum“ ziehen? Oder wollen sie sich ihr „Reich“ (Atelier, Büro, Ladenlokal, Proberaum) selber suchen und aufbauen? Im Stadtteil ihrer Wahl? Nach ihren Vorstellungen, möndän oder runtergerockt?

Die Stadt kann und muss hier also vor allem unterstützen! Verhandlungen mit Eigentümern begleiten, Unterstützung bei Bauanträgen und Mietverträgen leisten, nutzbare Brachen katalogisieren und offenlegen, Kontakte herstellen, gegebenenfalls Kautionen oder sogar Bürgschaften für Ankäufe hinterlegen. Sprich: Die Stadt muss den Kreativen keine Zentren bereitstellen, sondern dabei helfen, eigene Kreativzentren (wo auch immer) aufzubauen. Das schien auch beim anschließenden Rundgang durchaus an allen Tischen Konsens gewesen zu sein. Platz für Kreativität gibt es genug. Man muss ihn nur finden und vor allem nutzen (können/dürfen). Letzteres ist derzeit in Dresden wirklich nicht besonders einfach.

Anders sieht es aber aus, wenn wir über die Präsentation und die Möglichkeit des Netzwerkens sprechen.

Hier hakt es ebenfalls massiv in Dresden, aber die Stadt kann tatsächlich aktiv Wege ebnen, indem sie Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, die für die Ausrichtung von Messen, Festivals, Netzwerktreffen, Seminaren, Kongressen und Ausstellungen ausgelegt sind, die keine kommerziellen Interessen verfolgen.

Danach schreit das Gebiet um Friedrichstadt und Ostragehege ja förmlich. Und wie ein Teilnehmer heute erzählte, steht genau dieses Areal derzeit im Mittelpunkt einer Studie einer Dresdner Stadtentwicklungsgesellschaft, die ziemlich spannende Pläne verfolgt. Ansiedlungen der Kultur- und Kreativwirtschaft im Ostragehege sowie eine Fußgänger- und Fahrradbrücke von dort nach Pieschen sind in diesen Plänen enthalten. Auch wirklich visionäre Ideen sind da enthalten, aber ich will mal den offiziellen Pressemeldungen nicht vorgreifen. Unter anderen sei man jedenfalls bereits mit diversen Abteilungen der Stadtverwaltung in intensiven Gesprächen sowie mit den Machern der Ostrale und dem anwesenden Veranstalter Mirko Meinel. Dieser mache sich ebenfalls für eine Aktivierung des Ostrageheges stark und entwickle bereits konkrete Nutzungskonzepte.

Klingt nicht so schlecht. Denn welche Wirkungen eine funktionierende Präsentationslandschaft auf eine Stadt haben kann, zeigt sich gleich um die Ecke in Leipzig. Buchmesse, Gamesconvention, (Pop Up, Designers Open, Wave-Gotik-Treffen: Das sind Events, die die Kreativszene jedes Jahr extrem bereichern und für ausgeprägte Netzwerke sorgen.

Man könnte aus dem Ostragehege unter Umständen tatsächlich ein zweites Leipzig-Plagwitz machen. Aber ganz überzeugt bin ich davon nicht, denn im Gegensatz zu Plagwitz ist rund ums Ostragehege nicht gerade Urbanität zu spüren sondern eher das Flair eines Hochwasserschutzgebietes. Das muss natürlich nicht so bleiben. Spinnen wir mal ein wenig rum: Was wäre zum Beispiel, wenn die Jugendherberge aus ihrem Domizil an der Maternistraße ins Ostragehege zöge und dabei ihre Bettenzahl von 480 auf 612 erhöhte? Man würde so immerhin zur größten Jugendherberge Deutschlands (vor der JH „Am Wattenmeer“ auf Borkum mit 611 Betten) und könnte so auch noch das Durchschnittsalter der Dresden-Besucher entscheidend senken :-))

Vor allem aber sollte das ein Gelände wie das Ostragehege auf einen Schlag durchaus beleben. Platz für Skaterbahnen und pädagogische Erlebnisflächen (Achtung Eigenwerbung) bliebe außerdem.

Im Zusammenhang mit dem Gedanken zentraler Netzwerkknotenpunkte kam mir heute noch die Idee einer „Kreativmensa“ (z.B. im Kraftwerk Mitte), in der tagsüber gegessen, abends genetzwerkt und am Wochenende „veranstaltet“ wird. Jedes Großunternehmen hat seine Kantine, warum sollten wir als dezentrale Kreativindustrie uns nicht eine eigene Kantine leisten zum preiswerten Essen und Netzwerken? Natürlich nur für Mitglieder :-)

Ich musste leider etwas eher gehen! Wie war´s noch?

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