Meine kleine „iPad-Geschichte“

· 16.04.2010 · 7 Kommentare

Immer wieder wurde ich in den letzten Wochen im Trubel um die Einführung des iPads an meinen leider viel zu früh verstorbenen Cousin Thomas erinnert. Thomas war wirklich eine ganz, ganz, ganz besondere Person, die ich als Kind über alles bewundert habe, obwohl ich ihn fast nie traf, da seine Wohnorte (Indien, Kenia, Bennington, Honk Kong) einfach zu schlecht nicht mit dem Fahrrad zu erreichen waren.

Er sah nicht nur extrem gut aus sondern war vor allem unglaublich hilfsbereit und liebevoll, ein fantastischer Sportler und (und darum geht es hier) ein hochintelligenter Informatiker mit Fähigkeiten, die ihn später folgerichtig zum General Manager IT Asia für Otto International machten. Kurze Zeit später verstarb er, als er seinen Weihnachtsurlaub 2004 auf einer thailändischen Insel nördlich von Phuket verbrachte und im Tsunami sein Leben ließ.

Jedes Jahr Weihnachten denke ich daran und immer dann, wenn Freunde nach Thailand fliegen, aber auch und vor allem, seit ich das erste mal vom iPad gehört habe, denn Thomas hatte mir dessen Entwicklung schon 24 Jahre zuvor vorhergesagt….

Spulen wir die Zeit zurück. Es ist Sommer 1986. Ich bin 12 Jahre und in meiner Klasse tauchen die ersten Commodore C64 auf. Ein Computer ist gleichbedeutend mit: Wintergames und Summergames und Krämpfen im rechten Handgelenk vom Joystickgeratter. Unser späterer C16+4 war noch weit weg. Ich war noch Besitzer (und Nutzer!!) einer Schreibmaschine, auf der ich meine ersten Sportartikel für die Kreiszeitung Wesermarsch schrieb. Thomas muss zu dieser Zeit schon – mit einem Stipendium ausgestattet – in Bennington studiert haben und war auf seinem Heimatbesuch in Deutschland auch bei uns an der Nordsee vorbeigekommen, was meine Geschwister und mich in große und freudige Aufregung versetzte.

Wir hatten eine tolle Zeit und zwei Dinge haben sich damals für immer in mein Hirn gebrannt: Ein paar Schuhe und die Vision von einem Blatt Papier, welches alle Informationen der Welt darstellen kann.

1. trug Thomas nämlich sensationelle Nikes. Die gab es damals in Deutschland so gut wie noch gar nicht im normalen (Provinz-)Handel zu kaufen und wenn dann zu absolut unerschwinglichen Preisen: Nike war Gott. An meiner ganzen Schule hatte kein einziger Junge welche. Es gab damals genau drei Sorten Schuhe: Adidas, Puma und Schrott. Bei dem Wort Sneaker hätte jeder gedacht, Du wärst nicht in der Lage, Snickers zu sagen.

Ihr könnt euch jedenfalls vorstellen, welch peinlich berührten Gesichter mein Bruder und ich aufsetzten, als mein Vater den legendären Satz über Thomas Nikes brachte „Seht ihr Jungs, es müssen nicht immer Markenschuhe sein“.

Eine zweite Sache war die, daß meine Eltern glaubten, sie könnten uns damals die Verbindung von Mathematik und Computern mit seiner Hilfe näher bringen, denn sie wollten uns partout erst dann einen eigenen Computer kaufen, wenn wir mit diesem auch mehr anzufangen wüssten als nur Spiele zu spielen (woraus nie was geworden ist).

Wir sitzen also zusammen und sie befragen ihn zu seinen Ideen und Gedanken und er eröffnet uns seine Theorie, daß eines Tages jeder Mensch einen Computer besitzen werde, so groß und dünn und leicht wie ein DIN A4 Blatt. Und auf diesem „Papier“ könne man sich jedes Buch, jede Information der Welt abrufen und könne seine eigenen Informationen mit der ganzen Welt teilen. Man könne mit diesem Gerät seine Kaffemaschine bedienen und die Fußballergebnisse aus Spanien abfragen. Man bedenke: Damals gab es noch nicht einmal Videotext und ich hab die Schneehöhen in der Schweiz vor dem Skiurlaub noch per Telefonauskunft eingeholt.

Da saßen dann auch meine Eltern nur noch da und waren ein wenig überfordert. Ich versuchte tagelang, zu verstehen. Ich starrte auf ein weißes Blatt Papier und versuchte mir eine Vorstellung davon zu machen, wie er das gemeint haben könnte. Es ist mir schlichtweg nicht gelungen. Seine „Vision“ hat mich bis heute nie verlassen. Als ich unseren ersten C16+4 mit Datasette ausgepackt habe, als Videotext kam, als ich meine erste E-Mail schrieb (adresse: salavadorsmusikimperium@hotmail.com) oder unseren Namen bei Altavista eingab (statt „Schwerk“ waren die die Top 10 Ergebnisse immer „schwerköperbehindert“), immer musste ich daran denken, wie man sich das vorstellen soll, was er damals meinte.

Heute kann es jeder kaufen. es heißt iPad und nur das „Papier“ ist noch zu dick, aber hej: Wisst ihr noch, wie Fernseher damals aussahen?

Also eins ist klar: Ich werde mir ein iPad kaufen, sobald es in Deutschland erscheint. Ich werde ihn nicht TS nennen oder sowas und und ich muss mir auch nicht so etwas wünschen wie: „Ach könnte er das doch nur sehen“.

Für ihn wäre das mittlerweile nur lausige Spielerei gewesen. Ich weiß, daß es ihm vielmehr um echte Herausforderungen gegangen wäre. Ob man sich die Börsenkurse und die Expertenmeinungen auf Videotext, einer Zeitung oder einem iPad anschaut, das wäre ihm egal. Er würde wissen wollen, wie man die Kurse von morgen noch exakter vorhersagen kann, wie man noch mehr Parameter logisch richtig einfügt. Und ich? Ich will nur im Frühjahr 2016 auf dem Sofa liegend auf einem dünnen Blatt Papier im Champions League Achtefinale den FC St Pauli gegen Barcelona spielen sehen. Und ich will mir im ECE nach Hamburg die komplette Ausstellung „The histroy of Nike“ durchblättern auf der Suche nach allen Paaren, die ich je getragen habe, mir diese in 3D anschauen können und ggf. im New-Retro Shop eine farblich angepasste Variante bestellen.

So unterschiedlich sind eben nicht nur die Interessen sondern vor allem auch die Fähigkeiten…….

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