Ich BILD mir eine Meinung: Ausrutscher oder Experiment von Sascha Lobo?

· 21.04.2010 · 3 Kommentare

Der bekannte Blogger Sascha Lobo ruft auf, einen Twitter-Account zu entfollowen und widerspricht sich damit in meinen Augen so sehr selbst, daß man sich fragen muss: Ausrutscher oder Experiment?

Zur Story: Seit 2004 schon weist das geniale Bildblog regelmäßig größere und kleinere Fehler in der Berichterstattung, ungenügend recherchierte Artikel und Schleichwerbung bei der BILD aber auch anderen Medien nach. Das ist teilweise sehr unterhaltsam für (aufgeklärte) Internetuser, teilweise wirklich erschreckend und setzt die Medienmacher durchaus unter Druck, sauberer zu arbeiten. Darüber hinweg sehen diese jedenfalls nicht.

So versuchte der Springer-Verlag 2008 durchzusetzen, dass die Bildblogger künftig keine Beschwerden mehr beim Deutschen Presserat einreichen dürfen.

Das Echo im web2.0 war seinerzeit recht groß, aber auch wieder nicht soo groß, denn so richtig weiß die Mehrheit der Nichtjournalisten untern den Bloggern und Twitterer auch nicht, was eine Eingabe beim Presserat wirklich bedeutet.

Womit hingegen jeder was anfangen kann, daß ist die böse, böse Abmahnung! Dazu ist das deutsche (Online-)Recht einfach zu komplex, als daß nicht jeder Websitebetreiber schon mal damit zu tun gehabt hätte und wenigstens jemanden persönlich kennt, der damit zu tun gehabt hätte, weil z.B. Angaben im Impressum fehlten oder Urheberrechte verletzt wurden (Texte, Musik, Kartenmatrial).

Dies scheint Social Media Vordenker Sascha Lobo aktuell für ein spannendes Experiment zu nutzen, anders kann ich mir seinen gestrigen Aufruf, den Twitter-Account @weltkompakt zu „entfollowen, jedenfalls nicht erklären.

Nicht als Springer versuchte, dem Bildblog Eingaben an den Presserat zu unterbinden und somit dessen eigentliche Funktion gravierend in Frage stellte, sondern als Springer auf einen angeblich nicht sauber recherchierten Artikel über/gegen die Welt mit einer Abmahnung reagiert, haut Lobo via Twitter kurz und knackig einen Boykott“-Aufruf gegen den Twitteraccount @weltkompakt raus.

Warum tut er das? Nun, wahrscheinlich vor allem, um wirklich ein lautes Ausrufezeichen zu setzen. Vieleicht aber auch, um zu prüfen, ob seine Fans und Follower ihm auch in diesem sehr speziellen Falle folgen?

Denn wirklich ernst gemeint kann dieser Aufruf nicht sein. Er widerspricht allem, wofür Lobo sonst steht!

1. Weiß Lobo sehr genau (und das ist auch für jeden so nachzulesen) daß hinter @weltkompakt die Redaktion (hier der Redakteur Frank Schmiechen) steht und nicht die Rechtsabteilung von Axel Springer.

2. predigt Lobo Marken, Politikern, Unternehmern und Medienmachern – wann und wo immer er kann – sich den Problemen und Fragen der Kunden öffentlich im web2.0 zu stellen und den Dialog in kritischen Zeiten nicht zu verhindern sondern ihn zu suchen. Es wäre nahezu pervers, wenn er nun aber gleichzeitig den Kunden empfiehlt, in einer Krise die Social Media Kanäle einer Marke zu boykottieren.

3. weiß lobo wahrlich, daß Springer und andere große Verlagshäuser mit harten Bandagen kämpfen können. Und das nicht erst seit gestern. Schließlich geht es bei der ganzen Aktion um das Bildblog. Und die haben nun genug Schweinerein aufgedeckt, die wirklich haarsträubender waren als eine Abmahnung gegen einen kritischen Beobachter.

4. dürfte es wohl nicht schwer sein, Zitate zu finden, in denen Lobo die Grundregel beschwört, seinem „Gegner“ zuzuhören.

5. gehe ich davon aus, daß Lobo weiß, daß 1.000 Follower mehr oder weniger einem Magazin wie Weltkompakt kaum etwas anhaben dürften. Da hat er schon wesentlich charmantere Ideen gehabt, sich zu battlen :-)

Ich bin jedenfalls sehr auf seine Erklärung gespannt und auch auf die von denen, die seinem Aufruf gefolgt sind und ihn verbreitet haben.

Im Übrigen bleibt natürlich zu erwähnen, daß ich grundsätzlich aber trotzdem dazu aufrufe, das BILDblog zu unterstützen! Nur, wenn die am Ende weder die Tweets noch die Artikel der Springerpresse lesen, über was sollen sie dann schreiben? :-)

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