Statt Marketing: Ideen für Dresden Teil 1: unanStändige Vertretung der Bunten Republik Neustadt in Berlin

· 12.11.2009 · 2 Kommentare

Kolumne für www.BANQ.de

Der gefühlte Imagewert Dresdens liegt ja aktuell irgendwo zwischen Pauschalurlaub in Tadschikistan, der dritten Staffel der Schwarzwaldklinik und der Position des Marketingleiters bei KIK Textilien.

Ich entwerfe daher in meinen viel zu seltenen Kolumnen für mein Drittlieblingsportal BANQ ab heute in loser Reihenfolge kosten- (und wert-)lose Ideen jenseits von sportlichen Großevents, Opernbällen oder Hausfrauen-Claims wie „Hochtechnologie trifft Lebensfreude“, mit der man sich in diesem Jahr unter anderem mit seiner elbabwärts geklauten Idee einer „Hafencitiy“ bei der Expo Real präsentieren wollte.

Heute also Teil 1: Die unanStändige Vertretung der Bunten Republik Neustadt in Berlin

Die Bunte Republik Neustadt nämlich – das für den von Euch zwei Lesern, der das nicht weiß – ist nämlich sowas von einem Musterbeispiel eines Alleinstellungsmerkmals einer Stadt, dass sich jeder von der Stadt Dresden beauftragte Marketer sofort auf diesen USP stürzen müsste wie einst Sascha Hehn in der Schwarzwaldklinik auf neues weibliches Personal. Erklärlicherweise bin ich aus höchste zufrieden, dass das noch nie jemand wirklich versucht hat, denn sein wir doch mal ehrlich, bei den meisten (ok, sehr vielen) „City-Marketern“ handelt es sich eher um Trampel denn um kreative und sensible Menschen und so wäre wahrscheinlich längst aus der einstigen Guerilla-Fantasie einer alternativen Republik nicht nur das verkommerzialisierte Stadtteilfest mit alternativem Charme geworden, wie wir es heute kennen, sondern tatsächlich das von einigen Menschen kolportierte „größte Open Air Ostdeutschlands“…

Somit lebt der Geist der Bunten Republik nach wie vor spürbar in den Gassen der Neustadt und inspiriert Künstler, Bewohner und Touristen (und den einen oder anderen Blogger) gleichermaßen.

Nur geht es gerade den Künstlern selbst dabei leider nicht besonders gut. Die wirtschaftliche Lage ist alles andere als rosig und das Dresdner Stadtmarketing kümmert sich weiterhin lieber um Zielgruppen, die mit großem Helau ihr Erspartes in Kunstdrucke alter Meister oder irgendwelche auf alt gemachten Küchenfliesen investieren als um Freunde der zeitgenössischen Arbeit. Beispiele dafür bietet die nahe Vergangenheit genug, auf die ich hier aber nicht eingehen will.

Auch der Supermanager, den Dresdens Oberbürgermeisterin sich in diesem Jahr an die Seite stellen wollte, hätte da wohl wenig geändert, ist er ja nicht gerade bekannt für Events des gehobenen Niveaus und des künstlerischen Anspruchs. Hauptsache groß, so kann man seine Devise wohl eher beschreiben, die mir damit aber wenigstens klar und ehrlich erschienen wäre und die im Gegensatz zum offiziellen Geeier der letzten Jahre immerhin Wirkung erzielt hätte!

Aber zurück zur unanStändigen Vertretung der Bunten Republik Neustadt in Berlin und der berechtigten Frage: Was für ein perverser Blödsinn soll das eigentlich sein?

Leider gar nichts wirklich spektakuläres. Ich denke dabei an ein schlichtes Ladenlokal mit Schlafzimmer und Küche in Prenzlauer Berg oder so. Sowas wie das hier vielleicht. Ein Ladenlokal, das Dresdner Nachwuchskünstler für jeweils einen Monat als Galerie nutzen und bewohnen können. Im Zweifel steht der Dresdner Kreativwirtschaft (Musiklabels, Gamesentwickler, Agenturen – Jaha, so etwas gibt es hier) noch ein kleines Besprechungszimmer zur Verfügung, in dem sie sich preiswert (slash kostenlos) einmieten kann, um mit den Partnern, Invesoren und Kunden in der Hauptstadt an neuen Projekten zu feilen.

Dresdner DJs und Musiker würden zu Feiern musizieren, Dresdner Autoren Lesungen halten, die Dresdner Szene ebenso Werbematerial auslegen wie die Galerie der alten Meister, die Dresdner Hostels ebenso wie Filmfeste.

Verantwortlich für die Programmgestaltung und die Betreuung der unanStändigen Vertretung wäre ein wechselndes Kompetenzteam aus Stadt und Kreativwirtschaft um zwei bezahlte Halbtagskräfte (zum Beispiel je 1 X Dresden Tourismus, 1 X Dresden Marketing)

Besucher und Bewohner Berlins (sozusagen die mediale Mulitplikatorenmast Deutschlands) erleben Dresden von einer Seite, die sie noch gar nicht kannte. „Die Dresdner sind doch alle erzkonservativ und ewig gestrig, verbunden entweder Adolf, August oder Alter Ulbricht„, denken die eher und nicht an unsere Autoren, Grafiker, Producer oder Comedians. Weil sie es nicht besser wissen. Weil sie es nicht besser wissen können.

Wir dagegen aber wissen: Keine Schwinegrippe der Welt verbreitet sich heutzutage so schnell wie verrückte Ideen!! Also wird es Zeit, verrückte Ideen in sein Marketingkonzept einfließen zu lassen! Da erzählen sich die Wuppertaler Kegelbrüder zu Hause noch von diesem seltsamen Schild „unanStändiges Dresden oder sowas“ und machen die jungen Amis auf dem Weg von Berlin nach Prag für einen Tag halt an Bahnhof Neustadt „Oh yeah, man, das is der city, wo die council zahlt die hammer club“ .. Naja, oder so ähnlich..

Jedenfalls wäre der Gewinn für die Dresdner Kreativszene riesig. Man könnte sich der Welt (Berlin = Welt gibt in Mathe bzw. Geo keine 6 mehr, eher ne 4-) präsentieren und vom Imagegewinn der Stadt allgemein profitieren. Und die Stadt? Ich habe gehört, es gäbe Dinge, die intensiver nach Fremdenfeindlichkeit und Beton schmecken als eine unanStändige Vertretung einer nicht exisitierenden Republik mit einem – fürwahr – verrückten Charme. Aber „charmant“ und „verrückt“ sind nicht die übelsten Attribute einer Stadt. Recklinghausen, Mannheim, Ulm, Kiel können sich die nicht ins Stadtwerbeheftchen drucken.

Wer denn so einen Quatsch bezahlen soll? Nunja. Ich erinnere mich daran, dass W. Köhler damals ein Jahresgehalt von etwa 200.000 Euro versprochen wurde. Einen Ersatzmann wird man auch für 120.00 Euro finden und mit einem Budget von 80.000 Euro wäre eine unanStändige Vertretung mehr als nur am Leben zu erhalten, denn nötig wären nur Miete (20.000), ein Werbe- und Spesenetat (20.000) und vielleicht zwei Halbtagsstellen (je 18.000) und eine Putzfrau (4.000) …Oder so ähnlich..

Du willst jetzt erst ernsthaft darüber mit mir diskutieren????????
Ich bitte Dich :-)

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