Französisch-Sprachurlaub in Nizza

· 19.06.2016 · Keine Kommentare

Schon lange ärgere ich mich immer wieder mal darüber, dass aus vier Jahren Französisch-Unterricht bei Frau Kluge nichts weiter übrig geblieben ist, als ein paar einzelne Vokabeln und der Satz „Je ne sais pas.“, der sich mir durch exzessives Wiederholen, bevorzugt in mündlichen Leistungskontrollen, eingebrannt hat. Mein Plan, im November zu Work & Travel nach Kanada aufzubrechen und die schöne Möglichkeit, in Hamburg Bildungsurlaub in Anspruch nehmen zu können, haben mich schließlich dazu animiert, mich im südfranzösischen Nizza auf die Suche nach den verschollenen Überbleibseln des verhassten Schulfachs zu machen.

Bildungsurlaub

In 14 unserer 16 Bundesländer (sorry Sachsen & Bayern!) gibt es einen Rechtsanspruch auf ein paar zusätzliche bezahlte Urlaubstage, die zur Weiterbildung genutzt werden dürfen. In aller Regel geht es um fünf zusammenhängende Tage pro Jahr, in manchen Bundesländern dürfen die zu zehn Tagen alle zwei Jahre zusammengelegt werden. Die Voraussetzungen zur Inanspruchnahme, wie etwa Betriebsgröße und Dauer der Betriebszugehörigkeit und auch, welche Kurse zum Bildungsurlaub zugelassen sind, unterscheiden sich auf Bundeslandebene. Eine Liste mit Links zu den einzelnen Rechtsgrundlagen führt Wikipedia. Was viele nicht wissen: Der gewünschte Kurs muss nicht zwingend einen Bezug zum ausgeübten Beruf haben. Ob Yoga oder Sprachkurs, Technikworkshop oder kreatives Handwerk: Es gibt zu (fast) allen Themengebieten zugelassene Kurse, eine Übersicht bietet: bildungsurlaub.de

So eindeutig die Gesetzeslage ist, ein wenig Überwindung kostet es dann doch, den Antrag auf den Sonderurlaub loszutreten. Selbst bei meinem (großen, öffentlichen und durchorganisierten) Arbeitgeber Dataport, der aktiv dazu motiviert, den Bildungsurlaub zu nutzen, stößt man – wie überall – hier und da auch auf Vorbehalte unter Kollegen und Vorgesetzten. Durch Sprüche wie „das ist doch Betrug am Arbeitgeber“ muss man sich dann eben durchbeißen und ich bin absolut überzeugt davon, dass sich das für beide Seiten lohnt. Mir hat es, wie erwartet, Augen und Herz geöffnet, Zeit geschenkt zu bekommen, um etwas (Neues) zu lernen und ich möchte alle dazu ermutigen, diese großartige Möglichkeit zu nutzen.

Den richtigen Kurs finden

Blick vom Parc de la Colline du Château auf den Hafen von Nizza

Blick vom Parc de la Colline du Château auf den Hafen von Nizza

Wenn schon Frankreich (Frau Kluge hat in mir wirklich große Vorbehalte gesät), dann muss es wenigstens am Meer sein – das stand für mich schnell fest. Im südfranzösischen Nizza gibt es eine gewisse Auswahl an (bildungsurlaubszugelassenen) Kursen und Schulen und mit Eurowings oder Easyjet ist es ab Hamburg per zweistündigem Direktflug erreichbar. Auf der Suche nach dem für mich passenden Angebot, habe ich mich bei Linguland umgesehen und die Bewertungen und Preise der Kurse auf languagecourse.net verglichen. Da ich eine Kombination aus Intensivkurs (Bildungsurlaub) und einer zweiten Woche mit weniger Unterricht wollte und mir die Formalitäten zur Beantragung des Bildungsurlaubs wichtig waren, habe ich mich schließlich für die Buchung über Look Sprachreisen entschieden. Über diesen Anbieter war ich bereits 2012 für zwei Wochen Sprachkurs im britischen Brighton. Die Frankreich-Buchung verlief freundlich und unkompliziert, ich konnte sogar noch einen Gutschein aus 2012 einlösen und bekam schnell und zuverlässig Antworten auf alle meine Fragen. Nur das angebotene Einzelzimmer in der Studentenresidenz war dann doch nicht mehr frei und so ließ ich mich unter der Bedingung „in Laufweite zur Schule“ zu einem Zimmer bei einer französischen Gastfamilie überreden.

Die Schule – Institut Linguistique alpha.b

Da die Anbieter von Sprachreisen oft mehrere Schulen in ihrem Repertoire haben, weiß man nicht immer ganz genau, welche Schule man geschickt wird. Hat man sich im Vorfeld schon auf eine ganz bestimmte Schule festgelegt, sollte man eventuell direkt buchen oder beim Anbieter nachfragen, welche Kurse in welcher Schule stattfinden.

Ich bin im Institut Linguistique alpha.b gelandet, das 1993 von einem deutsch-französischen Paar gegründet und bis heute von den beiden geleitet wird. Die Schule liegt direkt hinter der großen Einkaufsstraße Avenue Jean-Médecin und nur 15 Gehminuten vom Strand entfernt. Ich habe natürlich keinen Vergleich und auf Anfängerniveau mit meinem Französischtrauma aus Schulzeiten vermutlich recht geringe Ansprüche, aber ich war mit dem Unterricht sehr zufrieden. Gleich nach dem schriftlichen und mündlichen Einstufungstest (au weia!) am ersten Tag, durfte ich in meine Klasse. Üblicherweise beginnt der Unterricht nach der Einstufung erst am Dienstag. Im Vormittagskurs waren wir in der ersten Woche nur zu dritt (britisch, japanisch, deutsch) – in der zweiten Woche dann zu siebt (japanisch, russisch, irisch, 4x deutsch).

Vieille Ville - in der Altstadt von Nizza

Vieille Ville – in der Altstadt von Nizza

Unsere Lehrerin Delphine hat sich alle Mühe gegeben, uns diese seltsam auszusprechenden Laute mit den komplizierten Grammatikregeln auf allen möglichen Ebenen näher zu bringen: gesprochen, geschrieben, durch immer wieder von uns erzählen, mit Spielen und jeder Menge Spaß. Ich hatte unfassbar viel Freude daran, zu beobachten, welche Dinge sich mein Kopf wie und warum merkt und welche immer wieder durchrutschen. Etwas mühsamer war der Nachmittagsunterricht, in dem zwischen Mittagspicknick am Meer und Apéritif jeden Tag ein bestimmtes Thema abgehandelt wurde, das mir nicht immer als alltagstauglich einleuchtete. (Warum soll ich wissen müssen, was Fledermaus auf Französisch heißt, wenn ich noch nicht mal beschreiben kann, was ich arbeite?!). Da mir das Niveau dieses Kurses etwa zwei bis vier Nummern zu groß war, bot mir die Schule – ohne dass ich überhaupt darüber nachgedacht hatte, nachzufragen – eine zusätzliche, kostenlose Einheit Einzelunterricht an. Diese war so anstrengend wie hilf- und lehrreich und hat mir wahnsinnig viel gebracht. Danke, Carole!

Ergänzend zum Unterricht gab es täglich, auch am Wochenende, mindestens ein durch die Schule organisiertes Angebot an unterschiedlichsten Aktivitäten – geführte Ausflüge nach Cannes oder Monaco, Stadtführung, Pubquiz, gemeinsames Abendessen, Schnorcheln, Paddeln. Selbst ich als passionierte Soloausflüglerin habe da einiges gefunden, an dem ich mich gern beteiligt habe.

Die Unterkunft – mein Gastvater ist Geigenbauer

In der Wekstatt von Jean-Luc Domenichini

In der Wekstatt von Jean-Luc Domenichini

Mit voranschreitendem Alter fällt es ja nicht unbedingt mehr ganz so leicht, sich in fremden Familien einzuordnen und wohlzufühlen. Mit meiner Gastfamilie hatte ich aber so richtig Glück – wer seine Kinder nach dem Sänger meiner Lieblingsband in den 90ern nennt, kann eigentlich gar nicht mehr viel falsch machen. Auch meine Bedenken ob meiner nicht vorhandenen Französisch-Kenntnisse und des fest in mir verankerten Vorurteils, dass Franzosen nichts außer Französisch sprechen können und wollen, wurden schnell ausgeräumt. Meine Gastgeber sprechen gut bis sehr gut Englisch und sogar ein bisschen Deutsch. Bei einigen Willkommens-Guiness und Livemusik in einem Pub am Hafen pendelten wir uns auf einem amüsanten Mix aus allen drei Sprachen ein, den wir unter anderem bei weiteren, immer musikbezogenen Ausgehaktivitäten noch vertieft haben. Apropos Musik: Mein Gastgeber war der Geigenbauer Jean-Luc Domenichini. Ein kurzer Ausflug in sein Geschäft bzw. seine Werkstatt hat mich enorm beeindruckt. Wie toll ist es bitte, wenn jemand aus verschiedensten Materialien mit seinen eigenen Händen solch schön klingende Instrumente bauen kann?!

In der Wekstatt von Jean-Luc Domenichini

Nizza & Côte d’Azur

Das knapp 350.000 Einwohner zählende Hafenstädtchen an der Côte d’Azur hat es mir unerwartet schwer angetan. Schon der Anflug auf den direkt am Meer liegenden Flughafen begeistert durch spektakuläre Ausblicke. Dazu strahlendes Wetter, herrliche Farben, quirliges Leben, das überwiegend draußen stattfindet… Nizza kann so vieles, was Hamburg für mich immer öfter nicht (mehr) schafft. Ein paar meiner Highlights und Tipps aus zwei viel zu kurzen Wochen –

Unterwegs in Nizza und Umgebung

Les couleurs de Port de Nice

Les couleurs de port de Nice

Bereits am Flughafen trifft man auf die erste Station des Äquivalents zu den roten Stadträdern in Hamburg: Vélo Bleu. Damit man sich auf den blauen Rädern die Stadt ercruisen kann, muss man sich auf der Webseite registrieren und man sollte keine Scheu davor haben, das Ganze komplett in französischer Sprache abzuwickeln. (Kosten: 1 Tag 1€, 7 Tage 5€, 1 Monat 10€, 1 Jahr 25€ – die Entleihe erfolgt an den Stationen per Telefon, die ersten 30 Minuten Nutzung sind kostenfrei, bis zu 60 Minuten kosten 1€, darüber 2€/Stunde). Ich habe die Registrierung vor Ort als zu kompliziert und aufwändig empfunden, also am besten schon zu Hause erledigen. Riviera Reporter hat eine englischsprachige Anleitung.

Alternatives Fortbewegungsmittel war für mich ganz klar der Bus – für schlappe 1,50€ kann man eigentlich überall hinfahren, nach Cannes, nach Monaco, nach Antibes oder Villefranche und vom Flughafen in die Stadt (Linie 23, 52 oder 59 an der Haltestelle Aéroport Promenade (kurzer Fußweg ab Terminal 1, direkt an der Strandpromenade) nehmen, statt der viel teureren Flughafenlinien 98 und 99). Man braucht gelegentlich ein paar gute Nerven, denn die Busse werden recht voll und halten ü-b-e-r-a-l-l. Mit dem Zug ist man etwas teurer unterwegs, dafür aber schneller und landschaftlich malerischer.

Abendspaziergang - Blick von Mont Boron auf den Hafen

Abendspaziergang – Blick von Mont Boron auf den Hafen

Oper Nizza

Als Student (auch einer Sprachschule) bekommt man für die Konzerte in der wunderschönen Opéra de Nice ermäßigte Tickets für 5€. Das lohnt sich schon ganz alleine dafür, einmal dieses Gebäude von innen zu erleben.

Opéra de Nice

Opéra de Nice – Tschaikowsky / Schönberg

Volume

Ganz besonders verrückte französische Punk-/Pop/Trash-Musik habe ich mit meinen Gasteltern und Schulfreunden im Volume erlebt. In diesem Club muss man zuerst für 2€ eine Mitgliedschaft für ein Jahr erwerben, die Eintrittspreise zu den Konzerten bewegen sich dann zwischen 0 und 10€. Es gibt für ´e Verhältnisse günstiges Bier und Rosé aus Plastikbechern.

Livemusik gibt es auch in vielen der zahlreichen Pubs in der Altstadt oder am Hafen zum Aperitif oder Abendessen gratis dazu, dort muss man sich aber mit touristenfreundlichen Coverversionen von Radiohits begnügen.

Spazierengehen

Auf dem Weg zum Leuchtturm

Auf dem Weg zum Leuchtturm

Eine schöne Wanderung führt um die Halbinsel Cap Ferrat herum in das malerische Städtchen Villefranche-sur-Mer. Dafür fährt man mit dem Bus 81 vom Hafen in Nizza bis zur Haltestelle Port de Saint-Jean auf Saint-Jean-Cap-Ferrat. Ein Stück die Straße zurück, bekommt man in der Touristeninfo eine kostenlose Karte und alle Fragen beantwortet. Der traumhaft schöne Wanderweg führt unter teuer aussehenden Villen, immer am Meer entlang, um die Halbinsel herum. Am Leuchtturm kann man bis nach Nizza schauen und sein Trinkwasser auffüllen. Von Port de Saint-Jean bis nach Villefranche-sur-Mer sind es knapp 8 km.
Villefranche-sur-Mer

Villefranche-sur-Mer

Für Villefranche sollte man sich unbedingt etwas mehr Zeit nehmen, als ich hatte. Nach einer Stärkung in einem der zahlreichen Restaurants (das Bruschetta im La Dolce Vita kann ich trotz des tollen Blicks auf die Bucht nicht wirklich empfehlen) kann man entweder mit dem Bus zurück nach Nizza fahren (Haltestellen oberhalb des Städtchens, auf dem Berg) oder immer am Meer entlang weiter bis nach Nizza laufen.
Wanderweg von Villefranche nach Nizza (Blick zurück nach Villefranche)

Wanderweg von Villefranche nach Nizza (Blick zurück nach Villefranche)

Der Wanderweg beginnt ein Stück hinter dem Hafen von Villefranche, man verfehlt ihn nicht, wenn man sich immer am Meer hält (Straße Chemin du Lazaret bis ganz zum Ende gehen). Treppauf, treppab geht es bis zum Palais Maeterlinck, dort führt eine Treppe nach oben auf die Straße. Kurz nach der Kreuzung am Supermarkt Nice Mont Boron, kann man die Straße wieder Richtung Meer verlassen – zwei schmale, steile Treppen, nach denen man zwischen den Villen ein wenig suchen muss, führen auf einen weiteren Fußweg, der einen bis nach Nizza bringt. Ich habe für die Strecke von Villefranche bis kurz hinter den Hafen in Nizza in eher flottem Tempo knapp zwei Stunden gebraucht.

Lessons Learned

Mit Nizza bin ich noch nicht fertig. Mir waren die zwei Wochen viel zu kurz und kaum zurück im verregneten, kühlen Hamburger Sommer, schiele ich schon nach günstigen Flügen, die mich schnell wieder an die südfranzösische Mittelmeerküste bringen.

Abendspaziergang auf der Strandpromenade

Abendspaziergang auf der Strandpromenade

Natürlich ist, wie alles im Leben, auch ein gelungener Sprachschulaufenthalt von vielen Zu- und Glücksfällen abhängig – der Größe und Zusammensetzung der Kurse, der Chemie mit Lehrern und der Gastfamilie – und von den eigenen Erwartungen. Wohl kaum jemand bringt es in nur zwei Wochen Sprachkurs vom Anfänger bis zum Fließendsprechenden. Für mich war es aber vor allem wichtig, meine negativen Erfahrungen aus Schulzeiten in Motivation und Bock auf Sprache, Land und Leute aufzulösen. Und das ist ganz eindeutig gelungen.

Meine lessons learned: für eine Sprachreise sollte man sich mindestens drei Wochen und mehr Aufenthalt gönnen und wann immer möglich in Einzelunterricht und kleine Gruppen investieren.

Weiterlernen

Falls Hamburger mitlesen – ich würde gern im Kulturladen St. Georg e.V. weiterlernen (Kosten: 90€ für 10 Wochen). Für einen neuen Kurs auf Anfängerniveau, der auch in den Schulferien stattfindet, fehlen noch ein, zwei Teilnehmer. Wer macht mit?

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