Ásgeir Trausti – Vom Leichtathleten zum Popstar

· 13.05.2013 · Keine Kommentare

Ásgeir Trausti (Quelle: Pressefoto)Ásgeir Trausti ist gerade mal 20 Jahre alt und hat nach seinem Schulabschluss ein Album aufgenommen, das in seiner Heimat Island direkt auf Platz 1 in den Charts gelandet ist. Seine Shows auf dem Iceland Airwaves waren bis auf den letzten Platz (über)füllt. Bevor er auch außerhalb Islands groß durchstartet, ergab sich auf dem SPOT Festival die Gelegenheit, Ásgeir ein paar Fragen zu stellen.
Am verabredeten Treffpunkt lief ich geradewegs auf einen Van mit Dresdner Nummernschild zu. Um das Auto hatte sich eine Gruppe Isländer versammelt, Bloodgroup packten gerade ihren Kram zusammen. Da man ja einander auf der kleinen Insel kennt, konnten sie mir gleich bei der Suche nach meinem Interviewpartner weiterhelfen. Am Straßenrand sitzend, mit Mütze, im schmuddeligen Parka und mit seinem bunten Tattoo, das nicht ganz unters Shirt passte, wirkte Ágeir um einiges rockiger, als ich es erwartet habe.

Die begeisterten Beschreibungen seiner sanften, elektronisch angehauchten Folk/Pop-Songs bemühen Vergleiche mit Bon Iver (die Stimme) und James Blake (die Electronics). Dabei hatte Ásgeir mit Musik lange Zeit gar nicht so viel am Hut…

»Ich habe zwar klassische Gitarre gelernt, war aber nie Teil der Musikszene in Island. Vor etwa einem Jahr habe ich die Schule beendet und erst dann ging es los mit den Aufnahmen zu meinem Album. Wir haben einen Song im Radio veröffentlicht. Island ist so ein kleines Land, deswegen geht alles sehr schnell. Du schickst einen Song ans Radio und ein paar Tage später ist es auf einmal schon etwas Größeres. Der zweite Song, den wir veröffentlicht haben, wurde ein großer Hit. Und so ging es dann weiter …«

In Deutschland war Ásgeir auch schon mal, auch das hatte nichts mit Musik zu tun.

»Ich war einmal mit meinen Eltern da, damals war ich in der Leichtathletik aktiv und hatte einen Wettkampf im Speerwerfen in Dänemark oder so und wir fuhren auch nach Deutschland. Und – das muss ich dir erzählen – wir haben da kein Hotel gefunden und irgendwo in einem Wald im Auto geschlafen. Das ist alles was ich über Deutschland weiß, ich weiß nicht mal mehr genau, wo das war.«

Die ersten Deutschlandshows von Ásgeir Trausti und seiner Live-Band lassen hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten. Das Debütalbum Dýrð Í Dauðaþögn (engl. „In the Silence“) erschien Anfang des Jahres, bislang jedoch nur in Island und Skandinavien. Die Texte auf Dýrð Í Dauðaþögn sind ausschließlich auf Isländisch verfasst, Ásgeir hat sie nicht selbst geschrieben.

»Tatsächlich hat mein Vater fast alle Texte für das Album geschrieben, bis auf ein paar der Songs, die sind von dem Typen da drüben mit der Mütze [Julius Róbertsson]. Mir geht es vor allem darum, dass die Lyrics atmosphärisch sind und den richtigen Flow haben. Die Bedeutung soll eher offen sein, so dass die Hörer darüber nachdenken und sie für sich interpretieren können.«

Immer wieder spricht Ásgeir über den richtigen Flow und wirklich: Die Songs auf Dýrð Í Dauðaþögn fließen mühelos und weich dahin. Im Gegensatz zum Output anderer Künstler löst seine Musik bei mir keinen Unmut über die Sprachbarriere aus. Vielleicht reicht es manchmal völlig aus, auf den stimmigen Flow aufzuspringen und sich mitziehen zu lassen, ohne dahinter nach einer tieferen Bedeutung zu suchen. Ásgeirs Vater ist 72 Jahre alt.

»Ich habe selbst so gut wie nie eigene Lyrics geschrieben. Mein Vater ist Lehrer für Isländisch, er hat das 50 Jahre lang oder so gemacht. Er ist sehr gebildet und hat großes Interesse an der isländischen Sprache, an Texten und Gedichten. Er ist ein sehr guter Poet. Und wenn ich Leute um mich habe, die bestimmte Dinge besser können, als ich, warum soll ich sie dann nicht um ihre Hilfe bitten? Mein Vater ist natürlich sehr begeistert, ein Teil von alldem zu sein. Und wir ergänzen uns auf eine Art, haben eine Verbindung zueinander. Auch über die Musik.
Es beginnt immer damit, dass ich einen Song schreibe und den Flow der Worte. Das sind unsinnige Texte auf Englisch, die keiner versteht. Es geht nur darum, den Flow zu skizzieren und zu hören, wie die Worte zur Musik passen. Diese Demos sende ich meinem Vater. Er hört es sich an und wir sprechen darüber und dann schreibt er ziemlich schnell die Texte dazu.«

 
Momentan arbeitet Ásgeir an einer englischen Version von Dýrð Í Dauðaþögn. Von einigen Leuten, die Ásgeirs Songs kennen und mögen, habe ich dazu fast ausschließlich skeptische Meinungen gehört.

»Ich weiß, dass viele Menschen die isländischen Versionen lieben, besonders die Isländer. Wir hatten jedoch immer das Ziel, zwei Versionen zu haben, schon damals, als wir angefangen haben, das Album aufzunehmen. Aber dann ging alles so schnell und es wurde so ein riesen Erfolg in Island. Wir haben in Island alles erreicht, was geht und das in weniger als einem Jahr. Und natürlich will ich es mit meiner Musik auch außerhalb von Island versuchen. Wir haben mit vielen Leuten darüber gesprochen, kamen aber immer wieder auf unsere ursprüngliche Idee zurück, auch die englische Version zu machen.
Ich denke, dass die Leute es weltweit vorziehen, englischsprachige Musik zu hören und höchstens noch Musik mit Texten in ihrer Muttersprache. Isländer zum Beispiel hören keine Musik mit spanischen Lyrics oder deutsche Musik …«

Außer Rammstein …

»Genau! Aber das ist ziemlich einzigartig und etwas vollkommen anderes. So etwas passiert nicht sehr oft. Ich denke, wenn man mehr Leute erreichen will und vielleicht auch von dem leben können möchte, was man macht, sollte man sich nicht sprachlich begrenzen.«

Für die Übersetzungen arbeiten Ásgeir Traust und Julius Róbertsson mit dem amerikanischen Sänger und Songwriter John Grant zusammen, der seit über einem Jahr in Reykjavík lebt und dort relativ schnell Isländisch gelernt hat. Für die Übersetzungen der Texte suchten Ásgeir und sein Management nach einem englischen Muttersprachler. John Grant erklärte sich sofort bereit, die Übersetzung zu übernehmen.

»Ja, wir arbeiten mit John Grant zusammen und haben gerade alle Texte übersetzt. Wir müssen aber noch einige Dinge bearbeiten, bis sie perfekt sind. Der Flow von einigen der englischen Texte ist jetzt besser als in den isländischen Versionen. Es ist einfacher, sie auf Englisch zu singen. Einige andere sind noch nicht so gut, da müssen wir noch etwas nachbessern.
Wir haben John die Entscheidung überlassen, ob er sich an die Bedeutung der Texte halten oder komplett neue Lyrics schreiben wollte. Aber er wollte sich an die ursprüngliche Bedeutung halten und deswegen entsprechen die englischen Texte in ihrer Bedeutung exakt den isländischen. Man muss es nur ein bisschen umschreiben, um den Flow zu erhalten.«

Ein wenig Geduld braucht es noch, bis Ásgeir Traustis Debütalbum Dýrð Í Dauðaþögn bzw. In the Silence auch hier zu haben ist.

»Der Plan ist, dass die isländische Version immer zusätzlich verfügbar sein soll, in jedem Land. Aber die englische Version wird die Hauptveröffentlichung werden, ich glaube, das wird irgendwann im Herbst sein.«

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