Wie viel Geld bringt der umstrittene Tarif VR-Ö der GEMA ein?

· 28.02.2013 · Keine Kommentare

DJs brennen für Musik. Pausenlos. Das Leben ist eine einzige Playlist und jeder Titel braucht seine Sicherheitskopie und nicht jeder Titel passt in jede Playlist. Wir kaufen Sampler-CDs oder Alben und brennen einzelne Stücke davon auf das Disko-Repertoire oder die externe Festplatte. Wir bekommen Promo-CDs und ziehen eine Kopie auf den Rechner. In den seltensten Fällen spielen wir im Club Original CDs oder „Original“-MP3s.

Darum müssen Clubs auch einen Aufschlag auf die Gema-Gebühr zahlen, wenn DJs mit gebranntem Material oder MP3s auflegen. Schließlich besteht immer das „Risiko“, dass wir die Original-Tonträger (oder MP3s = Lizenzen) gar nicht selbst erworben haben. Noch ist das! Künftig soll sich das ändern. Nicht mehr die (eh gerade schon blutenden) Clubs sollen den vermeintlichen Kopie-Verlust-Ausgleich bezahlen sondern die DJs selbst. Ein wahnwitzige Idee, die wirklich nur Fragen und Kopfschütteln aufwirft und am Ende wirklich niemandem etwas bringt?

Was genau sollen DJs zahlen:

Nicht jede Kopie, sondern jede Kopie, die sie machen, um sie öffentlich aufzuführen! Zum Beispiel, wenn ich Titel von einer CD auf eine „Club-CD“ brenne, aber auch wenn ich einen Titel von CD auf den Rechner brenne und mit dem Rechner auflege.

Kaufe ich dagegen bei Beatport eine MP3 und speichere diese nur auf meinem Rechner und benutze meinen Rechner auch zum Auflegen, dann muss ich nicht bezahlen.

Vinyl-DJs legen idR mit Original-Dateien auf und sind entsprechend nicht betroffen. Auch nicht, wenn sie ihre Stücke zur Sicherheit digitalisieren. Es geht immer nur um den Daten- oder Tonträger, mit dem man auflegt. Entscheide Frage: Befindet sich auf dem eine Kopie oder das „Original“ (bei MP3s von Originalen zu reden, tut jedes Mal verdammt weh)?

Die Bezahlung erfolgt nur einmal – unabhängig von der Anzahl der Aufführungen. Die Bezahlung erfolgt außerdem nur nach Gesamtanzahl der Titel, die einzelnen Tracks müssen nicht genannt werden. Die Erlöse gehen also mal wieder in den wunderbaren Alles-An-Die-Großen-Topf.

Das Ganze ist natürlich ein riesengroßer Unfug, denn…

  • Der bürokratische Aufwand für GEMA und DJs steigt völlig unangemessen an (siehe unten)
  • Niemand kann die Richtigkeit der Angaben überprüfen (selbst im hiesigen Kontroll- und Denunziantenstaat)
  • DJs, die nur 5 Mal im Jahr auflegen, sich dafür aber besonders intensiv vorbereiten, müssen am Ende mehr bezahlen als DJs, die mit dem selben Repertoire ein ganzes Jahr auskommen und damit 100 Partys rocken
  • DJs, die ausschließlich Hochzeiten spielen (allgemein als große CD-Brenner verschrien), müssen nichts bezahlen, weil dies keine öffentlichen Veranstaltungen sind. Dabei verdienen sie wesentlich mehr als DJs, die ernste Beiträge zur Pokultur beitragen
  • Jeder DJ muss bei allen ausländischen Titeln, die er für eine Session kopiert, hinterfragen, ob sie irgendwo bei einer Schwestergesellschaft der GEMA gemeldet sind oder nicht.

Und wofür? Wie viel bringt das Ganze denn überhaupt ein?

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass in Deutschland etwa 20.000 DJs* betroffen sind und nur solche Vervielfältigungen abgerechnet werden müssen, die nach dem 01.04.2013 erfolgen, weil spätestens eine rückwirkende Wirkung zum finalen Aufschrei auch auf Seiten der Politik führen dürfte. Die GEMA muss also auf einen Schlag 20.000 neue Kundendaten erfassen. Was für ein Aufwand! Und der Ertrag?

Wenn jeder DJ im Schnitt jede Woche zwei neue Kopien** ins Repertoire aufnimmt, dann kommen wir auf eine Gesamtsumme von: 20.000*108*0,13 = 280.000 EUR 

280.000 EUR, denen aber wiederum ein gehöriger Aufwand entgegensteht. Denn wenn jeder DJ-Kunde durchschnittlich 5 Minuten*** Bearbeitungszeit benötigt, sind das verdammte 1.666 Arbeitsstunden. Bei angenommenen Stundenkosten von 25,00 EUR**** kommen wir auf 41.666 EUR.  Wenn dann noch jeder Kunde 0,20 EUR Porto verursacht, summieren sich die Ausgaben auf ca. 45.000 EUR. Der Überschuss beträgt also weniger als 250.000 EUR. Bei Gesamteinnahmen der GEMA von 913 Mio im Jahr 2012, ist das wirklich den Aufwand nicht wert.

Was haben sie sich dabei nur wieder gedacht???

Anmerkungen

Natürlich sind alle Zahlen nur geschätzt! Gerne korrigiere ich sie nach oben oder unten, wenn jemand genaueres weiß. Hier meine Annahmen:

  • *Ich bin davon ausgegangen, dass auf etwa 4.000 Einwohner ein DJ kommt, der für öffentliche Auftritte bezahlt wird und der nicht mit Vinyl auflegt
  • **Sicher, viele DJs werden weit mehr Songs neu ins Repertoire aufnehmen, aber die meisten Stadtfest-DJs eher nicht
  • ***Erfassung der Meldungen, telefonische Anfragen, Facebook etc…
  • ****Die durchschnittliche Arbeitsstunde in Deutschland liegt bei 30,00 EUR
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