Tilbury – Excorcise the drama

· 23.11.2012 · Keine Kommentare

Tilbury - Foto: Lilja Birgisdóttir, Illustration: Hugleikur Dagsson (Quelle: Facebook)Mit ihrem schwärmerischen Synthiesound erzeugen Tilbury eine unbestimmte Wehmut, die mich irgendwo zwischen Fern- und Heimweh erwischt. Auf zurückhaltende Art erzählen die Songs auf dem Debütalbum Exorcise (2012, Record Records) von Abschieden und sehnsüchtigen Erinnerungen. Exorcise strotzt nicht gerade vor überschäumender Lebensfreude, bleibt in der Grundstimmung aber gefasst und deutet vorsichtig in Richtung Hoffnung.

Zurückhaltend gaben sich die Isländer auch bei ihrem Auftritt im Harpa zum diesjährigen Iceland Airwaves. Das mag daran liegen, dass Tilbury als Band noch so neu im Geschäft sind, dass sie in diesem Jahr ihr erstes Airwaves überhaupt gespielt haben. Vielleicht sind die fünf aber auch generell keine Männer für das große Drama.

Vor ihrem Auftritt auf der großen Bühne spielten Tilbury am frühen Mittwochnachmittag im Eldhús, dem kleinsten Venue der Welt, ein Akustikset vor nur zwei Zuschauern. Danach beantworteten sie im Café nebenan höflich und geduldig meine unvorbereiteten Fragen.

 
Andrea hat im April Tenderloin für sich entdeckt, Google Translate war aber nicht so hilfreich. Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Gummi … Bass [Guðmundur Óskar Guðmundsson]
Maggi … Drums [Magnús Trygvason Eliassen]
Thori … Gesang und Keyboard und Gitarre [Þormóður Dagsson]
Örn … Gitarre [Örn Eldjárn]

Maggi: Und einer fehlt.

Thori: Unser Synthie-Spieler [Kristinn Evertsson] fehlt.

Maggi: Er ist aber ein reguläres Bandmitglied.

Gummi: Diese Band ist noch so neu. Normalerweise braucht es …

Maggi: … Jahre und Jahre …

Gummi: Normalerweise braucht es mindestens ein Airwaves, um ein bisschen bekannter zu werden. Das ist unser erstes. Wir spielen ansonsten so viele Shows wie möglich hier in dieser kleinen Stadt. Unser Album hat ganz gute Kritiken gekriegt und Tenderloin läuft ziemlich erfolgreich im Radio.

 
Thori, du hast vorher in anderen Bands Schlagzeug gespielt. Wie kam es dazu, dass du Tilbury gegründet hast?

Thori: Ich war ungefähr zehn Jahre lang Schlagzeuger in verschiedenen Bands [Skakkamange, Jeff Who?, Hudson Wayne] bis ich mich entschied, eine Weile kein Schlagzeug mehr zu spielen. Ich fing an, Songs zu schreiben. Sozusagen aus Versehen. Als ich die dann im Studio aufnehmen wollte, fragte ich meinen Cousin Örn und die anderen hier. Und während der Aufnahmen ist daraus eine Band geworden.

Wir arbeiten gerade auch gemeinsam an neuem Material, arbeiten also mehr und mehr als Band zusammen. Meistens läuft das so, dass ich mit einer Grundidee ankomme, oft ist das eine Melodie, und die werfe ich den Jungs hin und schaue, was passiert.

 
Ich hab euch ja noch nie gesehen und kenne euer Album nicht. Wie unterscheiden sich eure Songs von den Akustik-Versionen, die ihr gerade im Eldhús gespielt habt?

Maggi: Mehr Synthies.

Örn: Bass Drum!

Gummi: Unser Keyboarder hat nicht mit in das kleine Venue gepasst. Er braucht mehr Platz als der Drummer, das ist ungewöhnlich.

Maggi: Das liegt daran, dass ich so fit bin. Und er …

Örn: … große Persönlichkeit.

Gummi: Er hat ein großes Herz. Sein Herz hat nicht in das Venue gepasst.

Thori: Wir mussten uns entscheiden – entweder nur sein Herz oder unsere Musik ohne Synthies.

 
Wie ist das wohl so, vor gerade mal zwei Zuschauern zu spielen?

Maggi: Fantastisch!

Thori: Man konnte aus dem Fenster die ganzen anderen Leute sehen, aber nicht hören.

Maggi: Ja, das war komisch, Leute klatschen zu sehen und nichts zu hören.

Thori: Aber ihr wart ein gutes Publikum. Es macht schon einen Unterschied, so nah am Publikum zu sein. Man merkt viel direkter, ob man einen Fehler macht oder was versaut.

 
Ich habe Andrea gebeten, mir ein paar Infos zu euch zu schicken. Sie meinte, euer Sound wäre gar nicht so typisch isländisch. Was inspiriert euch?

Thori: Eine Menge Musik von anderen isländischen Bands.

Maggi: Unsere Freunde und Kollegen.

Gummi: Was ist typisch isländisch?

Maggi: Reden wir über diesen Typen, der die Gitarre mit dem Bogen spielt?

 
Genau.

Maggi: Das kann jeder.

Thori: Wir spielen alle auch noch in anderen Bands, in sehr verschiedenen Bands. Das beeinflusst uns auch. Vielleicht ist es genau das, wonach wir klingen: Eine Collage aus vielen verschiedenen Einflüssen und Soundscapes sehr verschiedener Projekte.

 
Woran liegt das eigentlich, dass in Island anscheinend fast jeder Musik macht und in tausend verschiedenen Bands spielt?

Maggi: Es ist komisch, wie viele Bands in Island gegründet werden und Alben veröffentlichen. Das müssen 100% mehr sein, als überall sonst. Ich glaube, das hat was damit zu tun, dass wir verrückt sind. Man kann damit kein Geld verdienen, es kostet eine Menge Geld.

Gummi: Man muss wirklich sehr, sehr viele Einheiten verkaufen, damit am Ende was übrig bleibt

Gummi: Die meisten isländischen Musiker haben noch einen anderen Job. … Oder man macht es so wie Maggi, Örn und ich und spielt in zehn Bands.

Maggi: Mindestens.

Gummi: Maggi spielt 25 Konzerte während dieses Airwaves. Und ich spiele 17. So ist das, wenn du in vier verschiedenen Bands spielst.

Maggi: Oder sieben.

 
Das hört sich nach einer Menge Arbeit an

Maggi: Es ist vor allem viel Spaß.

Gummi: Und es ist ein Privileg mit mehr als einer guten Band zu spielen.

 
Euer Album wurde bisher nur in Island veröffentlicht?

Maggi: Ja, aber es haben schon ein paar Leute gekauft.

Gummi: Wir reden hier über wirklich wenige Kopien. Hier in Island sind 5000 verkaufte CDs sowas wie Gold, wenn man das auf die 250 000 Einwohner hochrechnet.

Letztes Weihnachten hat Mugison einen neuen Rekord für Albumverkäufe in Island aufgestellt. Er hat 25 000 Alben verkauft, das sind 10% der Gesamtbevölkerung. Das war wirklich was Besonderes.

Thori: Aber er hat auch verschiedene Methoden versucht, das Album zu verkaufen, auf sehr persönliche Art. Er ist zu den Leuten nach Hause gegangen und hat sie gefragt, ob sie das Album kaufen wollen.

Gummi: Er hat ein bisschen was damit verdient. Aber das steht ihm auch zu.

Maggi: Trotzdem 5000 sind viel. Wir können uns wirklich nicht mit anderen Ländern vergleichen. Schon 2000 verkaufte CDs sind erstaunlich viel für eine Indieband wie uns.

Gummi: Was bedeutet, dass man damit kein Geld verdienen kann. Und man verdient auch kein Geld mit Konzerten. Andauernd spielen jedes Wochenende so viele Bands und es gibt ja nur so wenig Leute, die zu den Konzerten kommen. Es gibt zu viele Konzerte und zu viele Bands für viel zu wenig Leute.

 
Das klingt ein bisschen frustriert …

Maggi: Es ist definitiv nicht frustrierend. Es macht ja Spaß.

Thori: Es hat ja auch was Gutes – zum Beispiel mit Tilbury – es war so einfach, die Leute auf uns aufmerksam zu machen, weil hier alles so klein ist.

Gummi: Wenn man einen Song veröffentlicht, dauert es kaum einen Tag und 50 Leute kriegen es auf Facebook mit, teilen es und schon weiß es jeder. Facebook ist die beste PR in Island. Wir verschwenden kein Geld für Werbung, Poster und sowas.

Maggi: Was wir sagen wollen ist, dass wir versuchen, die Umwelt zu schonen, indem wir Facebook verwenden.

 
Woher meint ihr kommt das, all die Kreativität und Inspiration in der isländischen Musikszene?

Thori: Ich denke, das ist weil alles so klein ist und wir so gut vernetzt sind.

Maggi: Das ist der Hauptgrund.

Thori: Es ist einfach hier, seine Kunst zu präsentieren.

Gummi: … und Leute zu finden, die mit dir arbeiten oder in einer Band spielen. Es ist ja keine große Sache für mich oder irgendjemanden sonst, in sieben Bands zu spielen, weil wir alle in denselben zwei Quadratkilometern leben. Man muss nicht zwei Stunden irgendwo hinfahren, um zu proben.

Ich glaube, der ganze kreative Drive kommt …

Örn: … durch andere Bands.

Thori: … durch all die Leute, die dieselben Dinge machen wie man selbst

Maggi: … oder all die Leute, die nicht dieselben Sachen machen, aber man mag das, was sie machen, trotzdem.

Thori: Ich rede nicht nur von Musik. Mein Bruder zum Beispiel macht das ganze Artwork für Tilbury. Sowas braucht man ja auch und das beeinflusst wiederum auch die Musik.

 
Wie geht’s weiter mit Tilbury?

Gummi: Wir konzentrieren uns darauf, neue Songs zu schreiben, bevor wir uns mit den alten langweilen. Es hat ungefähr 1,5 Jahre gedauert, Exorcise aufzunehmen. Mit langen Pausen. Die Songs sind also schon ein bisschen älter.

Thori: Und wir haben uns für ein paar Festivals beworben.
Nach dem Airwaves setzen wir uns zusammen und machen einen Plan.

Gummi: Ja, wir machen den Abba-Plan.

Maggi: Erklär mir den Abba-Plan, was ist das?

Gummi: Sowas wie ein Schlachtplan. Wir starten in Island und übernehmen dann die Welt bis Australien.

Maggi: Find ich gut. Kann ich dann König sein?

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