Konzertgespräch mit Mattias Björkas von Cats On Fire

· 07.09.2012 · Keine Kommentare

Ach, schon wieder so eine nette Band, denke ich, als die Mitglieder von Cats on Fire gestern Nacht auf die Bühne im Ostpol kommen.
Und tatsächlich beginnt es auch recht nett und beschwingt, was sich ja gut ergänzt. Ganz im Gegensatz zu anderen Vergleichen gibt es einen kurzen Moment, an dem ich an die Band Interpol denken muß, aber damit meine ich wahrscheinlich nur die Glätte der Musik. Diese gewisse, irgendwie auch brave Sauberkeit. Noch ein Vergleich: Belle and Sebastian, aber das liegt ebenfalls sehr nahe, denn allein die Konstellation und das Zusammenspiel der Musiker hat etwas von einer kleinen Gemeinde, die schon lange zusammen spielen.

Wem diese Art von Musik unvoreingenommen gefällt; gut, wem nicht, dem versuche ich hier einen anderen Zugang zu verschaffen.
Mattias, der Sänger (ohne h, wie er mir später als erstes erklärt, als sei das ein besonders wichtiges Detail, oder schon mehrmals falsch erwähnt worden), fragt auf der Bühne, wie viele Leute im Publikum eigentlich wirklich Dresdner seien. Oder aus Dresden?

Das Lokale wird betont und wenn ich etwas Schönes, Euphorisches über die gängige, melodische Musik schreiben will, dann beschreibe ich es so: Cats On Fire machen Musik, die man sich gerne live anhört, wenn man nach einem langen, schönen Herbsttag, an dem man stundenlang spazieren war und schon leicht durchgefroren ist, irgendwo, in einer fast namenlosen Kaschemme einkehrt und da gibts dann im Vorraum Erbsensuppe (vielleicht ein Vorschlag fürs Ostpol?) oder Kamenzer und im Hinterraum, wo man sich auch gemütlich hinsetzen kann oder auch zu einem Bier vor sich hin tanzen, da spielen dann, in einem von Menschen aufgeheiztem Raum Cats On Fire. Da hat der Name plötzlich seine Bedeutung, Cats At the Fire… sich wärmen und es sich gemütlich machen bei einer Musik, die nicht imstande ist, aufzuregen und es auch gar nicht soll.

Als ich dann nach dem Konzert mit Mattias rede, wird mir auch klar, warum.

Abgesehen davon, dass alle Bandmitglieder kollektiv bei dem kleinen Merchandisingstand stehen und bereitwillig T-Shirts verkaufen und auch ansprechbar sind, setzte sich nach einer Weile Mattias mit mir vor die Tür, um mir Fragen zu beantworten.
Es ist gar nicht so leicht, mit ihm zu sprechen, denn er sucht die englischen Worte langsam und fast mühsam. Die Worte, die er auf der Bühne ganz locker singt.
Im Englischen würde ich ihn als einen „decent man“ beschreiben. Er hat etwas Korrektes, aber zu dezent, um abweisend zu wirken. Und er ist freundlich, ohne sich anzubiedern.
Im selben Atemzug, wie er erklärt, dass sie seit zehn Jahren Musik machen, erklärt er, dass er damit angefangen hat, es ernst zu meinen, weil Leute gesagt haben, „Hej, das ist richtig gut, was du da machst.“
Obwohl er sehr vorsichtig die eigene Musikgeschichte schildert, lächelt er bei diesen Worten und sagt, dass er schon abhängig davon geworden ist, dass die Leute mögen, was er macht.
Er sagt offen, dass er gerne gefällt.

Ich habe mit 18 angefangen, erklärt Mattias weiter.
Da war ich ganz schön jung. Da war es natürlich schön, wenn jemand das gut findet, was du machst.
Ich frage nach den Texten und da gibt es einen der seltenen Momente in dem Gespräch, wo er aufblickt und sagt, die Texte sind wichtig.
JK: Du schreibst sie?
M: Ja, ich schreibe sie.
JK: Alle?
M: Alle.
Ich habe die Texte nicht herausgehört. Es ist auch nicht die Musik, wo ich Texte heraushören werde, aber sie sind lyrisch und verweisen, wenn auch merklich englisch als eine zweite Sprache gebraucht wird.

Ein Bekannter (Robert), der sich neben uns setzt, fragt, ob sie in Finnland groß wären, einen Namen haben. Und Mattias sagt; Es beginnt. Umschreibt aber sofort die ganze Szene.
Als eruriert  wird, dass die letzten Konzerte, die hier stattfanden, ebenfalls gut besucht waren, dass die Menschen hier die Musik von Cats On Fire mögen, erwidert Mattias, dass es in Deutschland viel einfacher sei zu spielen, als beispielsweise in England, wo alle immer auf etwas neues, cooles getrimmt sind.
M: Sie beobachten scharf und kritisieren schnell. Sie werten schneller ab. Sind schneller gelangweilt.

(Wir, hier im Auenland, sind somit offener für einen angenehmen Abend!)

JK: In welche Kategorie steckst du die eigene Musik?
M: (Er antwortet nie direkt) Na, was ich schon nicht mehr so richtig hören kann, ist der Vergleich mit den Smiths. Das schreiben einige. Das wir die finnischen Smiths sind. So was in der Art.
JK: Nicht gut?
(Schultern zucken.)
Robert: Hej, du kannst es ruhig sagen. Du magst sie nicht?
M: Doch, natürlich. Sie waren gut in ihrer Zeit, aber so etwas gibt es ständig.
JK: Und was ist die Musik, die du hörst, von welcher Musik kommst du?
M: Alte Musik,…die der 40-er und 50-Jahre.

Übrigens auch daher der Name, wie er sagt. Im Gegensatz zu den Annahmen, das sei literarisch abgeleitet, sollte der Name eher Assoziationen mit Bands der 50-er Jahre auslösen.
Ich erkläre ihm, dass ich da erst einmal an eine üble Punk-Noise-Band denke. Cats On Fire klingen bestimmt NICHT melodisch. Da lacht er.

Bei der Frage, was sie gerne vermitteln oder darstellen wollen, erzählt er etwas abschweifend, dass die Szene aus der sie kommen ziemlich von Hardcore bestimmt wurde. Und dass sie etwas anderes machen wollten. Also so etwas wie nette Musik, im Gegensatz zum ewigen Kampf.
Eingängigkeit als Contra. Er bestätigt das sogar. Er formuliert es anders, aber übersetzen würde ich es einmal mehr so; Was ist falsch daran, zu gefallen?
JK: Mochtest du den Hardcore?
M: Ja, zum Teil, irgendwie schon. Aber es ist zu einseitig.
Dabei reflektiert er nicht die Einseitigkeit der eigenen Musik. Aber die ist für ihn indiskutabel. Der Anspruch ist nicht ganz schlüssig, aber definitiv ein anderer.

Im Gespräch fällt ihm in einem Moment selbst auf, wie ausweichend er ist. Er bemerkt das fast entschuldigend.
Macht nichts, sage ich, das ist durchaus smart. (Smart, im Sinne von schlau, weil dann doch rätselhaft, wo die Musik sehr verständig ist.)

Mattias studierte Geschichte und ist darauf vorbeitet, ein „Lehrer-Substitut“ zu sein. Als Job.
M: Ich bekam einen  Anruf, ob ich nicht Mathematik unterrichten könnte, so frei, für einige Zeit. Wenn wir wieder zuhause sind.
JK: Wieso Mathe?
M: Na, alles eben. Nur so.
JK: Möchtest du Lehrer werden?
M: Nein.Eigentlich nicht.
JK: Was würdest du am liebsten tun?
M: In einem Archiv arbeiten. Wissenschaftlich arbeiten!

Dann frage ich naheliegenderweise nach Büchern und er benennt Per Olov Enquist und Karl Ove Knausgard. Knausgard, ein Norweger, hat einen Familienroman, eine Autobiografie geschrieben.
Es ist ein Werk, das letztendlich 6 Bände haben soll und im Original heißt es Min Kamp (Mein Kampf). In der deutschen Übersetzung heißt der erste Teil „Sterben“. Nach eigenen Worten Mattias‘ Lieblingsbuch.

Es folgt ein Gespräch über das Massaker in Norwegen vom letzten Jahr. Mit einem Mal erstaunlich flüssig und wortreich erzählt Mattias, was eben dieser Karl Ove Knausgard dazu schrieb. Seine Stellungnahme und wie kontrovers dies diskutiert wurde. (Übrigens nachzulesen in spiegel.de)
Wobei es (wie immer wieder) um die Frage geht, wie eine solche Handlung zu erklären ist.
Mattias wirft die Frage auf, die sich bei solchen Geschehnissen oft stellt; Gibt es das von Grund auf Böse im Menschen? Und woher es kommt. Wie das Böse definiert ist, wenn es sich gegen eine bestimmte Menschengruppe richtet.
M: Das ist Philosophie.
Und die Frage, ob jeder Mensch töten kann.
Mattias sieht mich da zweifelnd an.
Knausgard schreibt darüber, dass es unter anderem an der Distanz liegt. An der wachsenden Vereinzelung. Nicht Individualisierung.
Man braucht das Individuelle, aber eben auch die Reibung, die Auseinandersetzung um einen gesunden Abstand aber auch Nähe zu Werten zu bekommen. Das ist nicht neu, aber stimmig in dem ganzen Zusammenhang des Gesprächs.
(Die Leute, die gehen, kommen winkend und sehr fröhlich aus dem Ostpol, bedanken sich, grüßen und sagen, dass es ein schöner Abend und ein gutes Konzert war.)

Mattias sagt nichts bestimmtes über Mission oder Botschaft, über Image und Konzept der Band. Als ich schließlich anbiete: Kommunikation? nickt er. Klar, Was sonst.
Cats On Fire sind nicht gegen, sie sind auch nicht für, sie sind im besten Falle mit!

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