So war’s bei Hot Water Music und La Dispute

Sebastian bat mich einen subjektiven Rückblick zum Hot Water Music Konzert in der Scheune zu schreiben. Gott sei Dank subjektiv! Denn wie kann man bei Bands, die sich beide bereits einen Platz im Herzen erobert haben, objektiv bleiben? Ich versuche nicht allzu sehr in Freudengesänge zu verfallen – auch wenn anzunehmen ist, dass ich dieses Versprechen nicht einhalten werde:

Hot Water Music und La Dispute! Bei dieser Ankündigung musste ich erst einmal schlucken: kann das denn wirklich wahr sein? Allein die Tatsache, dass boysetsfire demnächst die Scheune beehren, lässt mich in völlige Vorfreude verfallen. Und jetzt auch noch die Veteranen um Chuck Ragan und die völlig zu Recht in den Himmel gelobten Jungs von La Dispute? Das hat Klasse, das wird Balsam für die Post-Hardcore-Seele, daran könnte ich mich gewöhnen. Solch hochkarätige Hardcore-Veranstaltungen sollte es in Dresden mehr geben – das es hier ein solches Publikum gibt, hat die ausverkaufte Scheune gezeigt.

Am Mittwoch hatte das monatelange Warten nun endlich ein Ende und mittags bahnte sich eine wahre Überraschung an. Durch den Äther ging die Nachricht, dass der HWM-Sänger Chuck Ragan vor dem Konzert noch einen Abstecher ins tanteleuk macht und einen kleinen Soloauftritt gibt. Soweit nichts Ungewöhnliches, immerhin ist er seit vielen Jahren als Singer/Songwriter unterwegs und steht mit seiner Revival-Tour einer gefühlten Armee von Punk- und Hardcore-Sängern vor, die sich ins Holzfällerhemd werfen und unrasiert mit einer Akustikgitarre durchs Land tingeln. Aber Hand aufs Herz: ich hab es nicht geglaubt. Das klang einfach zu schön um wahr zu sein. Allerdings wurde mir es prompt von Freunden bestätigt und mir wurde auch erklärt weshalb. Allerdings habe ich die Antwort bereits wieder vergessen. Es hatte irgendwas mit der Betreiberin, einem Freund und einer 7 Inch, die zusammen mit Chuck aufgenommen wurde zu tun. Na ja, wie auch immer… kennt man ja, oder?

Als ich schließlich 18:15 Uhr auf die Louisenstraße bog, versammelte sich bereits eine Menschentraube ums tanteleuk – er spielte bereits, verdammt. Da blieb mir nichts anderes übrig als es den Anderen gleich zu tun und von der Straße aus den Klängen gebannt zuzuhören. Und genau das kann Chuck Ragans Stimme: einen in den Bann ziehen. Für meinen Geschmack funktioniert sie mit einer Akustikgitarre auch besser als mit einer E-Gitarre. Seine Stimme ist einzigartig, auch wenn sie bei mir stets das dringende Verlangen auslöst, ein Glas Whisky und eine Zigarre zu konsumieren. Aufgrund mangelnder Vorbereitung musste mir allerdings eine Zigarette reichen, dafür wuchs mit jeder Minute die Freude auf den kommenden Abend. Den meisten Besuchern erging es augenscheinlich ebenso. Auch wenn man vielleicht nur kurz einen Blick erhaschen konnte, lauschten die Meisten doch einfach der Musik. Die Spontanität des Auftritts tat ihr übrigens um den Großteil der Besucher zu verzücken (und vielleicht die Tatsache, dass es kostenlos war). Leider war das Ganze nach einer halben Stunde (von der ich die Hälfte verpasst hatte) schon wieder vorbei – aber es war ein hervorragender Appetithappen, der Freude auf mehr machte.

In der Erwartung noch massig Zeit zu haben (man kennt ja schließlich die übliche Konzert- und Scheune-Unpünktlichkeit), kam ich gerade passend in einen kaum halb gefüllten Scheune-Saal, denn La Dispute fingen überpünktlich um 20:55 Uhr an. Der Saal füllte sich schnell, das Eis brach ebenso. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, das Konzert mit etwas Abstand einfach nur zu genießen, packte es mich nach dem ersten Lied und es zog mich nach vorn. Das Publikum ging mit und bewies die richtige Balance zwischen Textsicherheit und stillem Genießen. Im Euphorietaumel stellte ich mir immer die gleiche Frage: Wie konnte ich diese Band so lange übersehen? Mit ihrem letzten Album Wildlife wurden sie von allen Seiten mit Lob überhäuft. Und tatsächlich hat mich das Album aus den Socken gehauen – wann hatte mich eine Band das letzte Mal so überrascht? Wer nur mit den Hardcore-Scheunenklappen schaut, verpasst bei La Dispute eine Menge. Sie haben die diffuse Begrenzung Post-Hardcore längst überschritten, wenn sie sie überhaupt jemals betreten haben. Die Mischung aus Spoken Word, Prog-Rock, Screamo und ganz großem Storytelling ist einzigartig. Hardcore, der nach vorne geht, mischt sich mit herzzerreißenden Lyrics und teilweise sogar mit Gedichten (hier sei nur am Rande auf ihre „Here, Hear“ Reihe hingewiesen). Die Emotionalität, die ihre Songs transportieren, ist zu fassen, man kann sie tatsächlich spüren. Das Einzige was man den Jungs vielleicht vorwerfen kann, ist das ihr zierlicher Sänger Jordan mit seinem mitreißenden Gesang die großartige Leistung seiner Kollegen manchmal übertüncht. Das mag sich nach großen Fanboy-Gefasel anhören, aber in der neuen Generation von Bands, die sich gerade im Hardcore-Bereich etabliert, spielen La Dispute für mich ganz vorne mit.

Auch live können sie diese Energie transportieren. Sie sind authentisch und ehrlich – und überzeugen damit. La Dispute haben keine alberne Hardcore-Attitüde, wie sie so manch alt eingesessene Band zelebriert. Aber selbst in meinem Freudentanz bekomme ich mit, dass nicht jeder was mit dieser Band sofort anfangen kann. Am Rande höre ich Fragen wie „Das soll Hardcore sein?“ oder „Und das ist diese supertolle Band von der du erzählt hast?“. Es verwundert mich kaum, denn La Dispute sind alles andere als eingängig. Man muss sich mit ihnen und ihren Liedern beschäftigen. Und jedem ratlos Zurückgelassenen kann man in Zeiten von Spotify problemlos zurufen: Hört sie euch an und setzt euch damit auseinander – ihr werdet es nicht bereuen. Indianerehrenwort.

http://youtu.be/Pa9mi5Pd8aY

Als Hauptgericht gab es dann Hot Water Music. Ich war skeptisch, da es beim letzten Mal zwischen uns nicht so richtig gefunkt hatte. Dennoch wäre es gelogen, wenn ich behaupten würde, dass diese Band nicht schon seit meiner Teenagerzeit ein Platz in meiner persönlichen Hall of Fame hat. Besonders mit den Jahren und dem einhergehenden Wechsel der Lead-Vocals von Chuck Ragan zu Chris Wollard konnte ich den Herren immer mehr abgewinnen. Dieses Duett zwischen Chucks rauer und Chris melodischer Stimme macht für mich seit jeher die Faszination HWM aus. Meine Zweifel aber waren unberechtigt. Ein Freund sagte kurz zuvor: „Ich hol mir zwei Bier und ein Whisky, stelle mich hinten hin und genieße die Musik.“. Wie schon bei La Dispute hatte auch ich diesen Vorsatz, aber auch hier war es nach dem zweiten Lied vorbei. Besagten Freund traf ich ein Lied später in der tobenden Menge, während auf der Bühne ein Feuerwerk aus alten Hits und dem richtig gut nach vorne gehenden neuen Album Exister abgefackelt wird.

Sie haben sich mit ihrem Comeback-Album viel Zeit gelassen – und das war gut so. Sie klingen hervorragend und knüpfen an alte Erfolge an. Dieser Auftritt hat gezeigt: der Bruch 2006 tat der Band gut. Sie klingen frisch, sie haben Spaß auf der Bühne und was sich schon vor vielen Jahren abgezeichnet hat, ist jetzt abgeschlossen: sie sind nicht mehr Chuck Ragan & Band, sondern eine Band. Es bleibt daher zu hoffen, dass auf die neue Harmonie nicht allzu schnell wieder ein Streit folgt. Der Mittwoch hat aber deutlich gemacht, dass Hot Water Music noch einige Jahre ihre treue Fangemeinde beehren werden – von mir aus auch sehr gern wieder in der Dresdner Scheune, denn dieser Abend zaubert auch heute noch ein Lächeln auf meine Lippen.

Hot Water Music „State Of Grace“ by Reybee

Wer bei La Dispute Blut geleckt hat, dem sei ihre Show zusammen mit Title Fight am 2.10. im Conne Island empfohlen. Der Trip nach Leipzig lohnt sich dafür – Hand drauf. Wer zu Hause bleiben möchte, kann sich am 23.6. den Live-Stream des Hot Water Music/La Dispute Konzerts in Dortmund ansehen. Rockpalast überträgt ab 19:10 Uhr.

In diesem Sinne: live your heart and never follow!

Danke, Bob!

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