Auf ein Bier mit John Klein: Nachtrag, Gonjasufi in der Scheune

· 25.06.2012 · Keine Kommentare

Was Gonjasufi auf seinen Alben präsentiert, ist ein  Seitenweg des Hiphop. Auf einer anderen Ebene gespielt. Es ist alles andere als glatt und alles andere als nur dieser verdammte Straßenmythos in musikalischer Form.
Auf der Bühne wird das alles noch einmal gemischt und mit seiner Präsenz verbunden. Selbst wenn er kurz verschwindet.
Laptops voller Aufkleber und ein Skateboard.
Die Jungs im Hintergrund an ihren Tischen, vollziehen diese Miniatur-Stakkato-Verbeugungen, die unentbehrlich sind. Die Musik zieht, treibt, zuckt.
Ein kleiner schwarzer Mann mit einer einzigen Locke auf der Stirn läuft auf der eingenebelten, dunklen Bühne auf und ab. Wie ein Animator. Das ist Dave.
Mit einem Tuch um den Hals bewegt er sich langsam und gestenreich, im Nebel, der die Bühne voll quillt, während sich die Musik aufbaut.

Entfernt erinnert mich seine Performance und Erscheinung an Screaming Jay Hawkins. Die Art der Show ist natürlich viel moderner, nah an dieser Zeit und diesem Publikum. Diesen Vergleich gab es schon mal im Zusammenhang mit Gonjasufi, aber Dave bestätigt es auch noch einmal visuell.
Alles andere als erwarten kann man das, was da kommt und als Gonjasufi selbst die Bühne betritt, hat es etwas von einem in sich abgestimmten Plot.
Heiß ist es auch. Statt Hot Yoga ein Gonjasufi-Konzert und so schafft er wieder Verbindungen zwischen dem, was er so tut. Das manchmal etwas Straffe des Hiphop mit dem fast schon Hippie-mäßigen Flow zu mischen, gelingt Gonjasufi spielend.
Nicht alles ist zu verstehen in diesem Sprechgesang , aber entspannenderweise geht es darum auch nicht unbedingt.
Er kommt mit einem Basecap, das auf seinen Dreadlocks kaum hält und drei Schichten an Shirts, wo ich mich mich frage; wie zum Teufel hält er das aus.
Er entschält sich auch während der Show.
Trichter aus Licht, im tiefen Nebel.
Das Licht pulsiert nicht mit, sondern verwandelt das ganze in einen dunklen Schuppen.
Die in den ersten Reihen stehen, dürfen seinen Schweiß kosten , denn schon nach wenigen Minuten rinnt er ihm wie in Bächen hinunter. Seine Maschine läuft. Was da auf der Bühne sich biegt und beugt ist ein kleiner Kampfzwerg. Ein Zwerg unter Strom, Mit Zwerg meine ich das Wesen und nicht die Größe, wobei; groß ist er nicht.
Er passt zu sich selbst und wahrscheinlich ist das das Geheimnis.
Er biegt sich, raucht, haucht, räuspert den Gesang ins Micro, dazwischen diese Rituale, den geraden Arm in Richtung Schritt, Standard-Motherfucker-Rufe , aber Gonjasufi legt sich auch mal einfach hin und lang.
Und ist plötzlich weg.
Er taucht wieder auf und macht weiter. Rauchend in jeder Hinsicht. Das Publikum applaudiert und johlt, kennt die Lieder und die Riten. Jeder hat so seine Favoriten. Sie sind nicht alle gleich.
Nach dem Konzert muss er sich erst einmal umziehen. Dann gibt es hinter der Bühne ein Kommen und Gehen. Dann setzt er sich hin.

G: Ja.Was geht ab? Fühlst du dich gut?
JK: Was denkst du über die Show hier? Du hast sie gehört. Sie waren begeistert.
G: Oh.Es ist meine dritte Tour. Es ist schön zu sehen, dass die Leute weniger Zeit brauchen, um sich auszubreiten. Einzusteigen.
Ich mach da etwas auf der Bühne, was sie vielleicht nicht unbedingt erwarten und dann geh ich und überlasse sie sich selbst und der Musik.
JK: Es ist dein Konzept , dass du zwischendurch die Bühne verlässt und das Publikum auch allein lässt?
G: Natürlich.
JK: Wie abhängig ist die Show von der Größe der Bühnen?
G: Es ist immer anders.Gestern haben wir in Leipzig gespielt, in einem Theater mit einer riesigen Bühne. Ich bevorzuge kleine Orte. Dichtere Räume, wo man die Wände sehen kann.
JK: Was hörst du selbst für Musik im Moment?
G: Das ist etwas eigen, denn ich brauche Musik zum Schlafen.
Vor der Show (dabei beugt er sich vor und klatscht bei jedem Satz in die Hände) höre ich so was wie Public Enemy oder Ghostfaced Killer. Nach der Show höre ich Miles Davis oder Beth Gibbons, so was warm soft langsames. Am Anfang brauch ich das Adrenalin, später will ich einfach nur runterkommen.
JK: Wie choreographierst du deine Musik auf der Bühne?
G: Improvisation. Free-Style. Immer anders.
Es ist eine Art Space Travel.
Wie die Augen zu schließen und sich Farben vorstellen.

Er legt bei fast jeder Frage sorgfältig eine seiner Strähnen mitten über das Gesicht. Eine Geste, die ich nicht entschlüsseln kann, und tatsächlich will ich das auch gar nicht . Jedem sein eigener Spleen. Es ist anfangs gar nicht so einfach (für mich?) durch die ganzen Hip-Hop-Kodex-Floskeln zu steigen.
Er erzählt natürlich von seinen Roots, daher auch das Skateboard, aber sein Style hat etwas verwischtes, unkonkretes und ist dennoch sehr eingängig.
Er sagt auch, dass es ihm egal ist, ob die Leute klatschen, oder Kopf stehen, „doing Moshpit“ oder von der Bühne springen. Sie sollen so sein und sich so verhalten , wie sie möchten ,Hauptsache, es geht ihnen gut , sie drücken sich irgendwie aus und das nehme ich ihm ab.
Ich kann´s ohnehin nicht hören, wenn sie im Rhythmus klatschen, sagt er, auf die Frage ob ihn so etwas eher stört.
Ich frage ihn, was für eine Rolle er in einem Film übernehmen würde, wenn es zur Debatte stehen würde.
Einen Killer, sagt er sofort mit diesen irren dunklen Augen,die schon auf dem Plakat recht einprägsam wirken und auf seiner Homepage, wenn ich mich nicht völlig irre, animiert sind.
Vis a Vis kommt das noch einmal stärker rüber. Die Augen Gonjasufis sind zeitlos und rückhaltlos offen, der ganze Typ ist jung.

JK: Warum das?
(Er ist zum Teil schwer zu verstehen, also bastel und übersetze ich die Worte frei nach Sinn.)
G: Ganz einfach, das bin nicht wirklich ich. Weil ich es im Leben nicht tun kann oder machen würde, also würde ich´s spielen. So ein Undercover Typ. Ein alter Mönch, den niemand umbringen will, der dann aber Rache nimmt…so was eben.
Irgend so einen Kung-Fu-Scheiß, Mann.
JK: Also deine Waffe ist dein Körper.
G: Ja!
Ganz ernsthaft. Er macht Faustbewegungen, sagt aber;
Immer der Körper. Meine Stimme. Meine…Augen.
JK: Augen?
G: Augen, klar. Meine Augen können Leute ganz schön einschüchtern.Weil ich sie auf eine bestimmte Art ansehe.
JK: Hast du Lieblingsfilme?
G: Einige. Houseparty mag ich.Ich mag Rumblefish.
JK: Mickey Rourke.
G: Oh ja. Mickey Rourke. Ich denke , er ist großartig. (Denk ich auch!)

Gonjasufi bekommt eine Platte von Uncanny Valley (Musik des Dresdner Labels, Musik aus dem unheimlichen Tal.) vorbeigebracht.
Der Typ ist ein echter Fan von dir. Er spielt gerade da draußen, wird erklärt.
Gonjasufi freut sich.
G: Sag ihm, er soll vorbeikommen und es mir signieren.
Faustgruß und Respect, man. Respect.
Markus Altmann von den Calaveras bemerkt wirklich treffend;
Es war keine gängige Show! Nicht komfortabel. Unerwartet und ein wenig sperrig. Aber großartig.Gut!
Gonjasufi macht sich wirklich nicht gefügig, worauf Sumach (sein eigentlicher Name) übrigens lacht und sagt;
Hej es hat mich auch Mühe gekostet, hierher zu kommen, warum sollte ich es euch so einfach machen!
Aber er hört zu, die Hand am Kinn, als wäre es eine Vorlesung, was Markus ihm da zusätzlich anhand des Labels Uncanny Valley noch über Dresden, dem ursprünglichen Tal der Ahnungslosen erzählt.
Er trinkt Wasser, ist voll da. Er setzt seine Aufmerksamkeit auf den, mit dem er direkt spricht. Das macht seine ganze nach außen erscheinende flirre Art zunichte.
Auch da hat Markus im Gegenüber das schon abgeklatschte, aber wahre Wort gesagt; authentisch!
That´s great, sagt Gonjasufi und nickt zu diesen Worten.

JK: Die Musik kommt zu dir, wie suchst du dir die Musik?
G: Je mehr ich gebe, je mehr kommt zu mir zurück. Das ist keine Arbeit. Es ist mir eine Ehre. Was die Leute für Musik machen. Wenn sie es rausbringen. Das hat viel Wert. Das ist das, worum es geht.
JK: Was ist die Quelle deiner Inspiration?
G: Meine Familie. Meine Kinder.
Er wühlt sich durch seine Dreads, lehnt sich zurück und schaut an die Decke.
Mann, Fuck. Ich möchte echt zurück. Zurück zu meinen Kindern nach Hause. Ich vermisse meine kleinen Gremlins!!!
JK: Was bleibt? Was willst du den Leuten sagen? Was ist deine Botschaft?
G: Ganz einfach; sei du selbst. Sei ehrlich. Und klar. Und mach, was du willst.

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