Die dunklen Augen des Mondes

Half Moon Run haben schon mal einen Indie-Sommerhit gelandet

30 Mal haben die drei Kanadier von Half Moon Run in den letzten 32 Tagen ihr Equipment aufgebaut und nach der Show wieder in die vielen schwarzen Koffer und Kisten einsortiert. Dresden war ihr letzter Auftrittsort auf dieser kompakten Europatour. Für sie dürfte es keinen großen Unterschied gemacht haben, wo genau auf diesem Kontinent sie gespielt haben, Sänger Devon Portielje jedenfalls fielen die Orte kaum noch ein, aber mal waren mehrere Bands dabei und mal nur sie allein. In Dresden traten sie solo im Thalia-Kino auf und lieferten was ihr Album „Dark Eyes“ vermuten ließ: einen musikalischen Volltreffer.

Schon nach dem ersten Song, der mit viel Hall fast esoterisch einschwebte, lag das Publikum der Band zu Füßen. Portielje, der ein wenig so aussieht, wie der junge Leonardo DiCaprio nach einer Woche Campingurlaub, mit strähnigen Haaren, orangefarbenem Unterhemd und Beutelhosen, hauchte mit seiner Stimme in zwei sich aneinanderschmiegende Mikros. Und was für eine Stimme das war! Von der Intensität eines Jeff Buckley wurde geschrieben, was nicht von der Hand zu weisen ist. Doch hier ergänzten Dylan Phillips (Schlagzeug, Synthies) und Conner Molander (Gitarre, Sythies, Percussions) sie zum meditativen Dreiklang. Sie sangen über schwelgende Gitarren, klimpernde Pianos und gebrochene Rhythmen, immer einen höheren Ruf nach Harmonie folgend, öfter mehrgleisig spielend.

„Dark Eyes“ (2012, Indica Records) trägt elf spannende, atmosphärische Popsongs in sich. Songs mit großartigen Melodien, die sich mit gezupften Akustikgitarren und dumpfem Trommeln gen Folkmusik durchschlagen, aber rechtzeitig in andere Richtungen abgelenkt werden. Beruhigend wie ein Stammesritual klang ihre bisher einzige Single „Full Circle“, die auch live so unbeschwert daherkommt, dass sie auf einem Dresdner Blog zu Recht als “stabile Seitenlage für die Seele” eingestuft wurde. „She Wants to Know“ schwingt sich auf in die Weiten des Postrock, dem beinahe symphonischen „Give Up“ hört man die Nachmittage mit Radiohead-Platten an und das psychedelische „Drug You“ fesselt mit seinen Synthie- und Wortschleifen. Die gute Stunde mit Half Moon Run ging leider schnell vorbei. Viel mehr Lieder konnte sie auch nicht spielen, die kanadische Band, die erst seit knapp drei Jahren zusammen musiziert.

Also kramte sie noch ein Cover einer befreundeten Band aus Vancouver und einen traditionellen Countrysong namens „Dancehall Girls“ raus, den Portielje von seinem Vater beigebracht bekam. Nach den verspielten Liedern von „Dark Eyes“ wirkte dieser wie ein Kurzausflug in die bodenständige Folklore. Vom Tanz der Schamanen zum Squaredance in wenigen Sekunden. Doch mit der letzten Zugabe hoben sie noch einmal ab und flogen kurz danach aus der seitlichen Tür von der kleinen Bühne in den Thalia-Garten und später in die Bar. In diesem Augenblick war Europa dieser kleine Ort auf der Görlitzer Straße. Rundherum brummten die Kneipen durch die noch junge Nacht und empfahlen sich für die Afterhour, für die zweite Hälfte ihrer Mondscheinrunde.

(veröffentlicht in den Dresdner Neuesten Nachrichten, am 28.05.2012)

 
Unsere Gastautorin Juliane Hanka wollte früher Sängerin werden oder Schauspielerin, auf jeden Fall auf einer Bühne stehen. Erst später entdeckte sie wie man mit anderen teilt, ohne dass es wehtut.

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