Introducing: Baby Dee!

· 06.06.2012 · Keine Kommentare

Mich persönlich bringt es stets in eine Bredouille, will ich jemandem ihre Musik beschreiben.
Ich vergleiche es schließlich mit Filmmusik aus alten Zeiten.
Einen Saloon kann ich mir ebenfalls gut vorstellen. Gigantisch, malerisch, mit einem wunderbaren Klavier, einer eigentümlichen Harfe und diesem Gesang. Erst fremd und dann wieder typisch für diese Person , hat man sich einmal an sie gewöhnt, denn sie flattert, was gleich ein Zitat eines Liedes (und eines von ihr zusammengestellten Albums) von ihr ist; The Robins Tiny Throat (2007).

Ich bat vor ungefähr vier Jahren einmal eine Freundin aus Berlin, für mich zu einem der ersten Konzerte von Baby Dee zu gehen, von denen ich mitbekam. Ich konnte leider nicht, hörte aber das Album Save Inside The Day bereits Tag für Tag.
Baby Dee spielte damals im Salon der Volksbühne.
Ich sagte, sie solle mir alles an Merchandising mitbringen, was es da gäbe und sie kam an mit einem kleinen Ding aus Holz. Ein kleines Schräubchen in einem Holzzylinder,auf dem in Schreibschrift „Baby Dee“ graviert war, das beim Drehen quietschende Geräusche von sich gab.
The Robin!!!! „Das war alles.“, sagte meine Freundin recht trocken. Ich fand es sehr passend.
Was hier eine Rolle spielt; das eine tatsächlich ausser-gewöhnliche Persönlichkeit in ihrer ureigenen Rolle ein Konzert anbietet.

Meine erste Begegnung mit Baby Dee fand bei einem der Konzerte im Berliner Berghain statt,(2010. Im Jahr darauf setzte sie übrigens den zur Zeit anwesenden Papst auf die Gästeliste), wo ich mich noch fragte; Warum im Berghain? Warum kein kleiner, fast schon schmuddeliger Club, dem sie ihren Glanz zukommen läßt? Dann stellte ich fest, das sie genau dort herausgewachsen war.
Sie ist bereits ein Star.
Ich stand fantastische drei Meter von ihr entfernt und hinter mir still stehende Menschen, am Tresen Drag Queens. Die Stimmung war gespalten, denn es war ein Konzert, bei dem ein Teil des Publikums die Musik unbedingt mögen wollte, aufgrund einer Zuordnung und ihrer Geschichte (und Referenzen wie Marc Almond und Little Annie; deren frühere Band The Asexuals hieß. Dieser Name allein sagt schon etwas aus.), aber es waren so einige, die zunächst einmal nichts damit anzufangen wußten.
Das war zu spüren.
Aber Baby Dee überwindet die Grenzen, die auch eine unabhängige Szene gerne steckt. Allein mit ihrer Präsenz und ihren Fähigkeiten auf der Bühne.
Alles was sie darbietet, hat diese Botschaft; Mach was du wirklich willst und du kommst damit durch .
Eine ihrer vielen Botschaften. Zuversicht gehört in jedem Fall dazu. Und keine falsche Moral. Oder Vorurteile.

Sie liebt Bach und hat zehn Jahre als Organistin in der katholischen Kirche gearbeitet, nur um denen mitzuteilen, das sie von einem Tag auf den anderen (nach natürlich langer Arbeit bis zu diesem Schritt) eine Miss ist und kein Mister.
Egal; Hauptsache die Musik stimmt! Und ist gut!
Sie zog nach New York in einer Zeit, da New York die Art von Zuhause für Menschen darstellte, die sich per se erst einmal mal zu nichts zuordnen, ausser den eigenen Ideen.
Performance , Kunst, Musik, Theater. Genau da traf sie auch eine ganze Reihe von Musikern, mit denen sie zusammen spielte. Es ging von Anbeginn über Musik hinaus. Einer von ihnen, der wohl berühmteste, Antony von Antony and the Johnsons.
New York war der Mittelpunkt der Welt, sagte sie selbst einmal. Und daraus schöpften Künstler wie sie, die sich durch Leben, Geschlecht, Äußerlichkeiten nicht einordnen wollten (oder konnten) das Bewusstsein, alles möglich zu machen.

„There is a harp in that piano. There is a girl inside this boy.“

Das Album Save Inside The Day (2008) ist eine Art Debut, obwohl sie schon zuvor veröffentlichte. Es ist das, was tatsächlich wahrgenommen wurde, auch jenseits dieser bestimmten Szene. Hier suchte sie sich auch die Musiker zusammen, die mithalfen, ihr ganz eigenes Werk zusammenzustellen, in das Licht zu stellen, das ihr Werk beansprucht. (Da es auch mein persönliches Lieblingsalbum von Baby Dee ist, beziehe ich mich hier, auch in den ausgewählten Textauszügen, ausschließlich darauf.)

„In the dance of eights
I´m a compass of the light
A compass of a light that signs.“

Hierbei Matt Sweeney und Bonnie Prince Billy, beide ebenfalls Grenzbestreiter in der Musikszene. Es ist das erste bei dem Independent-Label Drag City. Und es hat den gewissen Schliff, ohne glatt zu sein. Sie hat sich darin den musikalischen Backround gestellt, die ihre eigenen Harmonien voll zum Tragen bringen.
(Bestes Beispiel :„The Early King“. Die Texte sind natürlich ebenso bemerkenswert.)

Sie besingt und betextet vieles, wahrscheinlich alles, was ihr Leben betrifft. Ohne Exibitionismus! Dazu steckt zu viel Witz und Ironie in der Darbietung und auch in den Texten selbst.

„Bobby Slot and Freddy Weiss
were not so nice
But i like their names a lot ,so i ll say ´em twice.“

Die Art ihrer Auftritte, ihrer Lieder, öffnen alte Salons. Auch wenn sie inzwischen mit blutjungen Musikern spielt.
Man kann und muß schon zuhören, was sie da berichtet, mit einer zitternden Stimme, die, hat man Baby Dee vor sich auf der Bühne, auch körperlich vibriert.
Damit ist sie Antony nicht unähnlich, wenn auch eine andere Generation und nicht so ätherisch, wie dieser dann doch.

In einem Interview sagte sie, das sie einmal tatsächlich Lust darauf bekam, einen anständigen, normalen Job zu machen und beschloß Baumkletterin zu werden! Die, die hohe Bäume von oben herab fällen! ( Was für Baby Dee ein normaler Job ist!)
Zunächst kaum vorstellbar, denn sie ist eine schräg-glamouröse und opulente Erscheinung, die sich in sich und dieser Bühnenidentität, in Leopardenmuster oder zeltartigen Pullovern mit Glitzerfäden manifestiert und zunächst gar nicht nach so einer Kletterei aussieht.
Sie sprengt all diese Bilder und Verschränkungen.
Hört man diesen Liedern zu, die das alles in dieser einzigartigen hohen, brüchigen, immer wieder springenden Stimme besingen, ist es wieder in einem Bild, das mit der Person übereinstimmt.

„And when you´re up there in the cold,
hoping that your knot will hold
that´s when you know
Teeth are the only bones that show.“

Aber Baby Dee ist eine Grand Lady! Was sie auch selbst sagt. Sie wollte eine Diva werden!
Sie hat lange mit dem Wechsel zwischen Mann, Frau, Zwitter gespielt. Sie hüllt sich in Kostüme, die wie eine andere Version ihres Bärenkostüms sind,mit dem sie angfangs in New York auf den Strassen Harfe spielte, aber sie ist jetzt als die Lady sichtbar,wenn auch schrill, wenn sie auch keine Lockenmähne mehr hat, was das wirre und irre noch ein wenig unterstützte.
Wenn sie am Klavier sitzt, bebt die ganze Frau, denn das ist sie, wenn auch Zweifel bestehen mögen, aber diese stehenzulassen ist ein Teil davon.
Auch die Frage, Mag ich sie oder nicht? Ganz was neues! Sie öffnet neue Kategorien, oder läßt sie völlig hinter sich!
(Ich denke darüber nicht mehr nach.Ich bin Fan, logisch!)

Und nun dieser Satz; Ehre wem Ehre gebührt.
Es ist keine tanzbare Musik. Aber wird man von dieser Musik und ihr selbst auf die die ein oder andere Art ergriffen , dann werden sich eure Zellen komisch benehmen!
Das sei gewiß!

Sie spielt am 21. Juli beim Thalia Gardens Festival.
Don´t miss!

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