Does Internet kill the Musik-Mittelschicht?

· 26.03.2012 · 4 Kommentare

Nachdem ich mich ja bereits zur aktuellen Diskussion um die Verdienstmöglichkeiten von Musikern im Netz geäußert hatte, wollte ich eigentlich auch noch einen Beitrag schreiben zum Thema „Das Ende der kreativen Mittelschicht“. Denn genau das ist derzeit größte Problem Phänomen. Es gibt nicht weniger Bands oder Musiker (eher mehr) und die großen Acts tragen sich in der Regel alleine durch Ansprüche aus Urheber- und Leistungsschutz gegenüber der GEMA und der GvL. Dafür sorgt alleine das Radio.

Was aber derzeit völlig den Bach runter geht ist die kreative Mittelschicht. Bands, die früher mal 10.000 bis 20.000 LPs oder CDs verkauften, krebsen heute bei Verkäufen um die 1.000 bis 2.000 und bekommen trotzdem nicht annähernd so viel mehr Live-Gage, um dieses fehlende Geld zu kompensieren. Und es kann nicht verleugnet werden, dass das Internet dem klassischen Geschäftsmodell der Indie-Labels den Garaus macht(e). Denn im Gegensatz zu Major-Labels arbeiteten Indies in 99% der Fälle ohne Künstlerexklusivverträge oder angeschlossene Verlage und verdienen somit ausschließlich am Verkauf von Tonträgern. Aus diesen Erlösen konnten sie immer wieder auch vielen Newcomer-Acts ordentliche Produktionen bezahlen (oder vorschiessen). Und diese Erlöse fehlen heute.

Ich will nicht darüber urteilen, ob das gut ist oder schlecht (oder egal)! Ich stelle zunächst mal fest, dass es so ist. Darüber sind sich ja auch eigentlich alle einig! Die Schlussfolgerungen sind aber eben ganz andere (siehe Regener versus Effenberger). Deswegen interessiert mich vor allem Eure Indiemeinung. Ihr seid sie Musiker, Labels und Fans, um die es geht!


Die meisten Menschen wollen einfach nur den einen Song 

Menschen wollen bestimmte Lieder immer und immer wieder hören. Dafür haben sie früher viel Geld ausgegeben. Zum Beispiel für CD-Singles (Zugegeben: Ein echter Geldtreiber) oder ganze Alben, auf denen diese Songs vertreten waren. Es sind aber genau diese Songs, die sich – teilweise sogar vor offizieller Veröffentlichung – im Netz verbreiten. Als kostenlose Downloads in Tauschportalen oder als Streams bei Portalen wie Last.FM oder Youtube. Heute besitzt die Single daher nur noch für Sammler eine Bedeutung. Es reichen meist 5000 wöchentliche Single-Verkäufe in Deutschland, um obere Ränge der Top 10 der Single-Charts zu erreichen. Für die Top 100 reichen nach Angaben von Manfred Gillig-Degrave, Chefredakteur des Branchenmagazins Musikwoche „dreistellige Zahlen“. (Quelle; Wikipedia)

Sterben (kreative) Berufsmusiker aus? 

Somit fehlen dem Label entscheidende Einnahmen und der Mittelstand bricht weg und somit die realistische Chance auf ein halbwegs erträgliches Einkommen als Musiker. Es gilt nur noch: Topstar oder Newcomer. Und das erinnert dann doch eher an die Zeit vor der Popkultur. Jede Menge Musiker an der Armutsgrenze (Barpianisten, Kellerjazzer, Strassenmusiker) und einige wenige Topstars (Einstmals Mozart und Schubert, später Charlie Parker & Co).

Während ich aber so an meinem Beitrag werkelte (und mir etwas Wochenende gönnte), verfasste ein anonymer Branchenkenner im Blog von Fritz Effenberger einen Kommentar und beschreibt genau diese Gedanken sehr gut und ich erlaube mit jetzt einfach mal, diesen Beitrag zu zitieren und gehe davon aus, dass weder der Urheber noch Fritz etwas dagegen haben.

Sein Fazit lautet: Den Berufsmusiker, wie wir ihn aus dem 20.Jahrhundert kennen wird es nur noch in subventionierten oder stark kommerziellen Umfeldern (Orchester, Radiosymphonie, Werbung) geben, der “Indie”-Musiker, ist ein aussterbendes Phänomen. 

Eine Möglichkeit lässt er aus.. Und zwar die, dass Künstler tatsächlich immer mehr wie Unternehmen arbeiten werden. Also nicht das Label bezahlt die Aufnahme und das Marketing sondern die Künstler bezahlen die PR-Agentur, um sie in den für sie wichtigen Märkten (Live, Lizenzierung, MP3-Verkauf, Sampler whatever) bekannt zu machen. Fragt sich nur, woher die Künstler das Geld bekommen sollen. Von deutschen Banken wohl (derzeit) kaum, oder?

Here you go:

Hallo Fritz,
Ich komme ein wenig spät in diese Diskussion hinein, möchte aber doch noch ein paar Sachen loswerden, denn “aus meiner Ecke” hat sich anscheinend noch niemand zu Wort gemeldet. Ich bin vielleicht noch ein bisschen älter als Du und Sven und habe viele Jahre in der Musikindustrie gearbeitet. Zuletzt war ich bei einem der grössten Indie-Labels beschäftigt, ich habe in meinem Auflösungsvertrag unterschreiben müssen, keine Internas auszuplaudern, insofern möchte ich auch anonym bleiben, Ihr seid es auf Eure Weise ja auch.

Du hast Recht, dass sich die Realität der Musikindustrie sehr verändert hat und ich möchte Dir einfach einmal die Sicht aus der Seite der hier ach so gescholtenen “bösen, bösen” Plattenfirmen beschreiben:

Was in den letzten Jahren passiert, ist das Wegbrechen der sogenannten “Mittelschicht” der Musik. Die Top100-Stars gibt es immer und wird es immer geben, jemand der ein kommerzieller Star ist, bekommt von den Umbrüchen nicht viel mit. Die grosse Masse der Bands, die sich im Netz und anderswo tummelt, hat es noch nie so leicht gehabt, Musik zu produzieren und zu veröffentlichen, das ist die andere Seite: Um ein Beispiel zu nennen – etwa 200 Neuerscheinungen gibt es jeden Tag bei amerikanischen Vertrieb CD-Baby, und es sind wirkliche Perlen darunter – aber niemand hat mehr den Überblick oder die Möglichkeit das zu erfassen und zu hören, das ist halt der grosse Rest.
Was ich aber meine, nenne ich jetzt mal die “Mittelschicht”. Es sind Bands oder Künstler die sich ein Publikum erspielt haben, oder Aufmerksamkeit im Internet (LastFM, Soundcloud, Bandcamp ect.) bekommen haben und die an die Grenze ihrer eigenen Möglichkeiten kommen. Viele von denen, die ich betreut habe, hast Du bestimmt auf Deinem MP3-Player. Hier kommt das Label – es ist beispielsweise für einen amerikanischen Künstler sehr schwer in Europa Konzerte zu buchen, oder Radios zu bemustern, das ist die Arbeit die wir übernommen haben und alle Seiten haben davon profitiert: Der Künstler/Band konnte eine Tournee machen, Produkte verkaufen, ect. wir als Label haben unseren Anteil daran gehabt und sind für unsere Arbeit bezahlt worden. Wenn es gut gelaufen ist, dann waren das schon einmal 20.000 CDs, im Normalfall aber eher 3000-5000 Stück. Davon kann niemand reich werden, aber so hatte man ein zumindest erträgliches Auskommen. Glaube mir, da waren und sind wirklich grosse und gute Künstler dabei.
Dieses Modell gibt es seid einigen Jahren nicht mehr – die Verkäufe gingen auf Stückzahlen unter 1000 zurück, selbst Modelle mit Verlagsbeteiligungen, Sponsoring, ect. halfen nicht weiter. Wir haben vieles zur Kompensation versucht: Eigene LastFM/Facebook/Myspace-Seiten, MP3-Verkaufsplattformen (immer schön ohne DRM, weil es sonst ja nicht fair ist), Praktikanten die den ganzen Tag nichts anderes gemacht haben, als illegale Foren nach Links durchforstet und Fileserer angeschrieben haben und um Löschung gebeten haben, usw.
Besonders beliebt waren auch Einträge bei Boerse.bz oder Newalbumreleases.net schon vier Wochen vor Erscheinen des Albums, weil irgendwelche Journalisten die CDs weitergegeben haben, die dann im Beitrag 923 “Dankeschöns” hatten, wir haben aber nur 1000 CDs verkauft…..
Ich kann mir denken, was Sven da sagen wollte, irgendwann reicht es. Unser Label wurde an einen grossen Mischkonzern verkauft und alle Verträge aufgelöst. Niemand kann da mehr existieren. Von den Künstlern haben nur einige wenige neue Verträge bekommen, der Rest krebst vor sich hin. Auch wenn es Dir nicht so vorkommt, Dubstep hin und her, aber es findet definitiv eine Verarmung statt – kein Label kann sich mehr erlauben einen Künstler über längere Zeit aufzubauen – die Verkäufe müssen innerhalb einer Frist von etwa 5 Wochen nach VÖ getätigt sein, danach passiert aufgrund der Verbreitung im Internet gar nichts mehr.
Uns ging es nicht alleine so, schau Dir die Labellandschaft an, Insolvenzen, Zusammenschlüsse von Majors. Ok, dieses Modell ist also am Ende, wie von Dir und vielen anderen prophezeit – der Künstler soll alles selber machen. Aber wo sind diese neuen Möglichkeiten. Nicht ein einziger Beitrag in diesem Riesen-Thread kann eine einigermassen plausible Antwort geben, wie es denn anders funktionieren kann.
Vielleicht kommt das hier nicht so rüber, aber das alles sage ich ohne Wehmut, oder Sentimentalität, aber realistisch gesehen gibt es hier nur noch wenig funktionierende Möglichkeiten: Der Künstler muss so jung sein, dass er das während seines Studiums oder was auch immer neben her machen kann – und dann für ein paar Jahre Spass haben, aber dann bitte schleunigst in einen “ordentlichen” Beruf. Klar kann man machen, weil man Spass hat und einfach loslegt, aber bitte keine Zukunft darauf aufbauen, oder etwa eine Familie gründen.
Den Berufsmusiker, wie wir ihn aus dem 20.Jahrhundert kennen wird es, und da hat Sven recht, nur noch in subventionierten oder stark kommerziellen Umfeldern (Orchester, Radiosymphonie, Werbung) geben, der “Indie”-Musiker, ist ein aussterbendes Phänomen. Die so hoch gepriesene Möglichkeit der allumfassenden Selbstvermarktung ist eine Selbsttäuschung, es gibt nur ganz ganz wenige Gruppen oder Künstler, die die geschafft haben, ohne nicht schon jahrelang davor erfolgreich gewesen zu sein.
Die von Dir vorgeschlagene Möglichkeit der Kulturabgabe, Flatrate oder wie auch immer, bedarf einer weiteren noch undurchschaubareren Organisation, wie sie ohnehin schon die Gema ist – das ist sicher kein praktikabler Weg, da ist ja noch die vom CCC vorgeschlagene und an Flair angelehnte Kulturwertmark ein besseres Modell. Aber das ist eine weitere Diskussion……

Was denkt ihr: Ist es am Ende vielleicht einfach Zeit für eine Kulturwende? Was sind die Wege, um sich trotzdem zu behaupten? Ist es am Ende nur recht und billig, dass von Musik – ähnlich der Malerei – nur eine (wirtschaftliche) Creme de la Creme leben kann? Wie viel wert bringt ein Kreativ-Sozialstaat? Ich lasse mal die Diskussion offen und bitte um rein sachliche Beiträge! Danke!!!

Foto: „Street Music“ von Desheboard auf Flickr

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  • Hallo,

    es kann tatsächlich durchaus schwierig werden mit den Indie-Musiklabels – die müssen sich evtl. völlig anders aufstellen. Also gar nicht mal so viel auf Tonträger setzen: Der Vorteil von der kreativen „Mittelschicht“ ist ja, dass sie schon Fans hat. Vermutlich werden mit dem Internet auch andere Finanzierungsformen in Betracht kommen müssen, ein Blick auf die Indie-Game Szene ist interessant (https://en.wikipedia.org/wiki/Humble_Indie_Bundle) und Kickstarter (aktuell z.B. http://www.kickstarter.com/discover/categories/music?ref=footer). Hier sagt dann der Künstler, ab welchem Betrag er anfängt, ein Album zu machen.

    Eine weitere Möglichkeit ist, Aufnahmestudios aus kommunalen Kassen zu bezahlen. Oftmals haben große Theater oder Opern so etwas ja schon.

    Letztendlich wird wohl eine Mischung aus verschiedenen Methoden notwendig sein. Indie Labels werden vermutlich schrumpfen und mehr zu Consulting- und Werbefirmen für Künstler werden oder von so etwas ersetzt.

    Letztlich wird Kulturpolitik in einer Wissensgesellschaft wichtiger werden, nicht (nur) im Sinne von einer Subventionierung von Leuchtturminstitutionen, sondern einer kommunalen Infrastruktur, die Kreativität ermöglicht.

  • Als ich mich vor 4 Jahren selbständig gemacht habe, war die Quote von Konzerten und Dienstleistungen ungefähr 50/50 mit ausgewogener Bezahlung. Momentan geht die Quote eher Richtung 60/40, wobei die Konzerte schlechter bezahlt werden und die Dienstleistungen von gehobeneren Kunden in Anspruch genommen werden. Ganz deutlich sieht man den mittleren Preiszerfall bei Internetagenturen, die Ihre Anfragen gegen eine Vermittlungsgebühr anbieten. Die Anzahl der Anfragen im mittleren Preissegment (wovon die meisten Bands leben) gehen rapide zurück und haben rekordverdächtige Anbieter (Anzahl der Bands, die diese Adressen kaufen), derweil die unteren Preissegmente stark angestiegen sind. Dort herrscht ein regelrechtes Schlachtfeld von Alleinunterhalten vs. Bands (die sich das leisten können)…

    Gut bezahlte Anfragen hingegen sind extrem selten und laufen fast ausschließlich über Mittelsmänner (Eventagenturen).
    Für mich gibt es den Ausweg zum Überleben von Mittelständigen Bands nur, wenn man seine Band möglichst wirtschaftlich führt, also im Idealfall 3 Personen mit breitgefächertem Repertoire für Dienstelistungen, eine gute Netzwerkpflege betreibt, Nebenkosten gering hält, … leider leider eben alles soweit es geht selbst macht.

    Crowdfunding ist eine gute Sache- braucht aber viel Zeit und der Aufwand ist recht hoch. Man kommt nicht drumherum seine Band als Unternehmen zu führen. Dabei kommt kaum einer an einen Nebenjob vorbei.
    Wer sein Instrument beherrscht hat gute Grundlagen für ein Leben als Musiker, garantiert aber heute leider gar nichts mehr.
    Was Musik den Menschen wert ist und was Sie als Identifikation einer Gesellschaft noch für eine Rolle spielt, sei mal dahingestellt- Fakt ist, dass ich jedem davon abrate von Musik leben zu wollen, der es wegen dem Erfolg oder Geld tut. Musik ist Seele und muss einen persönlich befriedigen, alles andere wäre pure Frustration. Der Markt heutzutage ist sehr viel persönlicher und braucht mehr denn je die Nähe zum Veranstalter, Booker, Vertrieb und Publikum.

    Kreative Musiker sterben nicht aus, denn Kreativität lässt sich nicht töten. Inwiefern das aber ein Thema der Gesellschaft ist? Künstlerische Kreativität bedient auf den ersten Blick (!) keine wirtschaftlichen Interessen. Die Interessen der Gesellschaft werden aber häufig gelenkt von vor allem wirtschaftlichen Interessen. Deshalb müssen wir wohl darauf warten, dass der Bäcker von nebenan oder der Chef eines Einkaufszentrums wieder Verantwortung übernehmen möchten und können für die Dinge im Leben unter der Rubrik Lebensqualität laufen.

    Was wichtig ist im Leben, weiss man ja bekanntermaßen erst, wenn es nicht mehr da ist.

    So…

    Liebe Grüße
    Matthias

  • mani urbani

    Interessanter Beitrag zum Thema:
    http://gedankenmanufaktur.net/blog/2012/03/shitstorm-over-regener/
    Grüße!
    M. Urbani