An der Grenze zur Verleumdung: Die Sächsische Staatskanzlei über Facebook

· 02.03.2012 · 4 Kommentare

Sachsen will sich offenbar zur Zeit auf Teufel komm raus im Netz blamieren? Da steige ich heute Nachmittag in Berlin in den Zug nach Dresden und will nur mal eben ganz kurz Mails und RSS Reader checken, um dann gemütlich über der neuen Brand1 ins Wochenende zu schlummern, als mich ein Artikel im Flurfunk trifft wie der Schlag. Die Sächsische Staatskanzlei, erfahre ich dort, hat heute einen eigenen Facebook-Auftritt gestartet. So wie es aussieht, einzig und allein, um in einer Pressemitteilung die Datenpolitik von Facebook zu kritisieren. Eine Pressemitteilung, die sich gewaschen hat und die ich zunächst für einen Fake hielt, da sie sogar Unwahrheiten enthält! Eine ganz neue Dimension der Facebook-Kritik an der Grenze zur Verleumdung. Nein nicht durch die BILD sondern die Staatskanzlei! Hier meine Lieblingssätze:

„Nutzerdaten werden dann zwingend in einer „Timeline“ angeordnet und ermöglichen so eine vermeintlich übersichtlichere Ansicht aller Aktivitäten der Nutzer von Geburt an. Durch diese neue Übersichtlichkeit steigt das Missbrauchsrisiko durch Dritte um ein Vielfaches.“

Wieso? Wieso steigt der Missbrauch von Nutzerdaten in einem neuen Layout (mehr ist es ja nicht!!!)? Kein Wort dazu: ist einfach so! Punkt. Aus. Pressemitteilung!

„Das Zurücksetzen und die Löschung einzelner Abschnitte bzw. der gesamten „Timeline“ ist praktisch unmöglich“

Heer Beermann, das ist eine Lüge! Das geht so:

 

Die „Lebenschronik“ verwendet Daten zur Erstellung eines Tagebuches, unabhängig davon, ob ein Nutzer das möchte oder nicht. Niemand weiß, was tatsächlich mit den Daten passiert.

Unabhängig davon, ob ein Nutzer das möchte oder nicht? Wie das? Saugt Facebook sich Daten aus unserem Bettkasten? Durchforstet das Internet und Datenbanken von Schulen und Universitäten nach Fotos und Zeugnissen von uns? Nein! Jeder Nutzer entscheidet, was er postet (ganz genau wie bisher also) und wem das angezeigt werden soll. Das geht übrigens in der Chronik viel, viel leichter als bisher.

„Beermann unterstützte das in diesem Zusammenhang von EU-Kommissarin Reding für jeden Einzelnen geforderte „Recht auf Vergessen“.“

Ach wäre es doch so einfach, die wirklich peinlichen Beiträge im Netz zu vergessen! Das sind nämlich nicht (nur) Partyfotos von Kevin und Chantal.

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„Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ § 187 StGB
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Update: Ein Impressum hat die Facebookseite der Staatskanzlei übrigens auch nicht!

Update2: Pascal macht gerade auf folgenden Doppelmoralknaller aufmerksam. „Mitte Januar startet die Dialogplattform „dialog.sachsen.de“. Unter „Häufige Fragen“ kann man lesen, ob es möglich ist, einen Kommentar zu löschen. Die Antwort: „Nein, das ist nicht vorgesehen. Deswegen ist es wichtig, dass Sie vor Absenden Ihres Beitrags oder Kommentars im Editierfenster noch einmal aufmerksam lesen und bei Bedarf korrigieren. (In Ausnahmefällen können Sie sich direkt an den Administrator wenden.)“

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  • Ich habe den Artikel im flurfunk auch zweimal gelesen, da ich es nicht wirklich glauben konnte. Scheint aber doch wahr zu sein. An Peinlichkeit nicht zu überbieten denke ich.

    Gruß Daniel

  • Auch schön: „Das sichere Durchstöbern wird nicht unterstützt. Diese Anwendung unterstützt noch kein Sicheres Durchstöbern (HTTPS).“

  • Großartig…:(

  • Witzig ist ja, dass die StaKa nur 38 Fans hat – nach über einer Woche im Netz. Stellt sich die Frage, ob die Mitarbeiter alles zum Liken verknackt wurden? :-)
    http://nepidd.wordpress.com/2012/03/02/sachsen-staatskanzlei-fahrt-kampagne-gegen-facebook/