Ich bin dann mal offline

· 29.02.2012 · Keine Kommentare

Einfach mal alles ausschalten, aus dem permanenten Informationsstrom der Onlinewelt ausbrechen und alle virtuellen Interaktionen einstellen. Abschalten. Wer denkt nicht hin und wieder darüber nach, wie gut sich das anfühlen würde?! Ruhig. Und stressfrei. Oder?
Meistens hat dieser Gedanke etwas mit Urlaub zu tun; Man fährt für eine kurze Zeit in die Berge oder ans Meer und nimmt sich vor, Notebook und Handy zu Hause oder wenigstens ausgeschalten zu lassen. Aber mal ehrlich: Nicht immer und jedem gelingt es, eine solche Aus-Zeit ohne Verbindung zu irgendeinem Netz auszuhalten oder sogar zu genießen. Und wenn das schon im Urlaub schwer fällt, wie sollte dann erst der Alltag ohne Internet und Handy funktionieren?

Dieser Frage hat sich Christoph Koch (u.a. Neon, brand eins, Die Zeit, Intro) gestellt, indem er versuchte, (initial nicht völlig) freiwillig, für vier Wochen ohne Internet und Handy einen ganz normalen Alltag zu leben. Während er die Offline-Tage in einer Art Tagebuch (er)zählte, setzte sich Koch intensiv mit dem Thema Internet auseinander. Die Erkenntnisse aus seinen Selbstbeobachtungen, Recherchen und Interviews (u.a. mit Rabbiner Ehrenberg, Sascha Lobo, Robin Dunbar und dem Geräuschesammler Gordon Hempton) kann man anhand seines Buchs Ich bin dann mal offline nachempfinden, ohne dass man selbst den Stecker ziehen muss.

Neben den Entzugserscheinungen, die quasi sofort mit dem Kappen der Verbindungen einsetzen – Langeweile, Google-Reflex, Phantomvibrieren in der Hosentasche – hat Koch Schwierigkeiten seiner persönlichen Lebensumstände zu bewältigen – Wie übt ein freier Autor ohne E-Mail und Google seinen Job aus? Wie gelingt es, ohne Skype eine Fernbeziehung aufrecht zu erhalten? Und wie kann man ohne Mobiltelefon eigentlich Verabredungen treffen und einhalten?

Anhand seiner Alltagserfahrungen hat Koch viele interessante Aspekte zum Thema online/offline zusammengetragen.

Wie hängt die Qualität unseres eigenen Erlebens damit zusammen, was wir davon auf Facebook, Twitter oder in Blogs mit unseren Freunden und der restlichen Welt teilen? Warum macht es eigentlich gar keinen Sinn, wesentlich mehr als 150 Facebook-Freunde zu haben? Wo verläuft die Grenze zwischen dem Stress durch und der Sucht nach pausenloser Verfügbarkeit? Gibt es die Krankheit Internetsucht tatsächlich und wenn ja, anhand welcher Sympthome lässt sie sich diagnostizieren? Wie wirken sich Facebook, Google und Co. auf den Dopaminspiegel in unserem Gehirn und damit auf unser Glücksempfinden aus? Wie verändern sich unsere kognitiven Fähigkeiten durch den Umgang mit permanent verfügbaren Informationen? Führt die ständige Überflutung zu immer kürzeren Konzentrations- und Aufmerksamkeitsphasen? Und was genau macht eigentlich ein Geräuschesammler so den ganzen Tag?

Für den Fall, dass man sich noch tiefer mit dem einen oder anderen Thema auseinandersetzen möchte, gibt’s eine umfangreiche Literaturliste und Google.

Ich bin dann mal offline liest sich überaus unterhaltsam und inspirierte mich dazu, ernsthaft über mein eigenes Online-Verhalten mit deutlichen Suchttendenzen nachzudenken – »Jeder sucht sich die Sucht, die zu ihm passt«.

Koch beendet seinen Selbstversuch mit der Aufzählung von Wegen, Tricks und Denkanstößen, »die helfen können, entspannter zu kommunizieren, konzentrierter zu arbeiten und ein angenehmeres Leben zu führen.« Ich habe einige Vorschläge für gut befunden und ausprobiert… Bin aber immer noch online.

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