Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand

· 09.02.2012 · 2 Kommentare

Rückblick #21 – ein weiterer Tipp verbirgt sich hier.

Allan Karlsson haut ab. Ein Hundertjähriger, der sich ziellos, aber unbeirrt auf den Weg macht, quer durchs Stiefmütterchenbeet vorm Altersheim, in brauner Hose, braunem Jackett, braunen Pisspantoffeln – denn Männer in seinem Alter können selten weiter als bis zu ihren Schuhen pissen. So der Einstieg bzw. Ausstieg in „Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“.

100 Jahre alt wird er, der Allan, aber lieber vollführt er eine schlecht geplante Flucht, als dass er sich von Bürgermeister und Altenheimbelegschaft feiern lässt. Der Mann braucht Schnaps! Die Mauer, die ihm zunächst den Weg versperrt, „kaum über einen Meter hoch, aber Allan war ein Hundertjähriger, kein Hochspringer“, ist nur ein kleines Hindernis auf dem Weg nach Irgendwo. Im Reisezentrum der schwedischen Kleinstadt klaut er aus Versehen mal eben 50 Millionen Kronen der schwedischen Drogenmafia, was zwangsläufig ein bisschen Aufregung ins Leben bringt – ein Leben, das ohnehin als turbulent zu bezeichnen ist.

Kauzig ist Allan, humorvoll dazu und er schlurft und schlurfte mit viel Dusel und der richtigen Einstellung durch die Welt und die Jahrzehnte: „Aber in das Tun und Lassen anderer Menschen hatte er sich noch nie eingemischt, nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, was ja meistens der Fall war.“„Allan gehörte nicht zu den Menschen, die mit zu hohen Erwartungen (oder zu geringen) an die Geschehnisse herangingen. Was passierte, passierte eben, es lohnte sich einfach nicht, sich schon im Voraus den Kopf darüber zu zerbrechen.“

Und so erzählt Autor Jonas Jonasson auf über 400 nie langweiligen Seiten von den Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts, in dem der für Sprengungen talentierte Allan Karlsson auf Politikprominenz wie Mao, Franco, Stalin, Churchill oder Nixon trifft, dem Alkohol nicht abgeneigt ist und – wieder unabsichtlich – den Bau der Atombombe beschleunigt. „Die Amerikaner hatten das Rennen gewonnen. Kein Wunder, sie waren ja auch viel früher losgerannt.“

Natürlich ist auch die Flucht des Hundertjährigen vor Drogenmafia und Polizei nicht einfach nur eine Flucht. Schnell pflastern Leichen seinen Weg – auch dies geschieht, wir ahnen es, nicht vorsätzlich – ebenso ungeplant jedenfalls wie sich schnell auch die Schar seiner „Fluchthelfer“ zusammensetzt: ein ewiger Student, der alles kann und doch nichts richtig, eine schöne Frau mit Elefanten (!), der dumme Bruder Albert Einsteins und ein Meisterdieb. Klingt alles ganz schön absurd? Ist es auch! Aber sehr witzig.

Beim Lesen des Buches stellt man sich Opa Allan Brüderschaft trinkend mit Forrest Gump und Münchhausen im Lehnstuhl sitzend vor, mit verschmitzt unschuldigem Gesicht und einem schier endlosen Vorrat an Abenteuern und Anekdoten.

„Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist keine Weltliteratur, aber ein richtiger Schmöker; ein flotter Ritt durch die Jahrzehnte, mit viel Verve erzählt. Und so führt der Debütroman Jonas Jonassons seit Wochen die Belletristik Bestsellerlisten an – man kann es der Käuferschaft nicht verübeln. Dieses Buch liest man selber gern – und es eignet sich auch hervorragend als Geschenk.

„Das ist makaber, witzig, skurril, auch spannend und zugleich in einem seelenruhigen Ton erzählt, als seien all die Kapriolen das Selbstverständlichste auf der Welt…“ WDR 3

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