Kein Stern beim Mittelstern: Einbahnstrassenjournalismus und Servicewüsten in der deutschen Medienlandschaft

· 26.01.2012 · Keine Kommentare

Kurz vor Weihnachten habe ich ein Testabo beim Stern abgeschlossen. Den Stern und den Spiegel hatte meine Familie während meiner kompletten Kindheit und Jugend abonniert und kurz vor Weihnachten neigt man ja zu den verrücktesten Sentimentalitäten. Außerdem gab es eine Autorennbahn zum Testabo dazu, die sich gut im großelterlichen Keller macht.

Tatsächlich war ich dann recht positiv überrascht. Auch wenn die heiligen Humor-Kühe (Tetsche, Haderer, Til Mette, Luftblasen) mir nicht mal ein Gähnen entlocken konnten und ich mir mehr (digitale) Wirtschaft statt Boulevard und Gesundheit wünschen würde, habe ich von den bisherigen Ausgaben fast alle Artikel gelesen! Ich habe Themen gefunden, die ich im Netz wohl übersehen habe und fand auch die seichte und doch gut recherchierte politische Berichterstattung wirklich angenehm. Besonders überrascht hat mich das sympathische und gut aufgelegte Kulturressort. Der Stern ist perfekt für die Badewanne, für Zugfahrten, Wartezimmer und die 10 Minuten vor dem Einschlafen. Ich war fast überzeugt, dass ich den Stern weiter abonniere.

In der vergangenen Woche fand sich zum Beispiel ein Artikel über einen Bioholzbauern aus Niedersachsen, den ich wirklich richtig gut fand. Ich hatte dazu noch nie etwas gelesen und der Mix aus Personality und solider Hintergrundrecherche zur aktuellen Umweltpoltik hat mir sehr gefallen.

Die wahren Dialogfeinde sind nicht Unternehmen sondern die Medien:

Nun wollte ich den Artikel gerne einem Kumpel empfehlen, aber ich hab ihn im Netz nicht gefunden. Also habe ich auf der Facebook-Seite vom Stern gefragt, ob man diesen Artikel im Netz findet und wenn ja wo. Als Antwort nichts als großes Schweigen.

Bei Twitter das selbe Spiel. So etwas ärgert mich maßlos, wie ich ja bereits im Dezember 2012 schrieb:

Facebook ist kein Marktforschungsinstitut. Ich find das ganz, ganz schlimm, was insbesondere Print-Medien sich derzeit auf Facebook erlauben. Von Dialog, Kritikfähigkeit und Partizipation keine Spur. Stattdessen ein tägliches “Was denkt ihr?”, dessen Antworten dann aber nicht moderiert werden und auf die auch nicht reagiert wird.

 


Tja. Leider bis heute nichts gelernt. Sowas darf sich eigentlich kein Unternehmen mehr erlauben. Da fragt jemand sachlich und interessiert etwas zum Produkt und niemand antwortet.

Na super… Ausgerechnet während ich das schreibe, klingelt mal wieder ein Vertriebsmitarbeiter vom Weltmeister des Facebook-Fragenstellers, der Sächsischen Zeitung, an der Tür. Vor etwa einem Jahr haben Andrea und ich ein Wochenend-Abo getestet und fanden das eigentlich ganz gut. Leider wird es aber auf der Abo-Seite der Zeitung nicht angeboten und stattdessen kommt jetzt alle vier Monate jemand abends nach 19 Uhr vorbei und klingelt, um mit uns über ein neues Abo zu reden. Auf Facebook dagegen das selbe Spiel wie bei Stern & Co, nur noch auffälliger. Frage, Link, Auf Wiedersehen!

  • Wann beginnen die Medienhäuser die Facebook-Diskussionen der Nutzer zusammen zu fassen?
  • Wann beginnen die Journalisten sich die die Diskussionen persönlich über den Account aber unter Nennung ihres Namens einzuschalten?

Wohl kaum, solange man in pure Panikmache verfällt und in Facebook nicht die Möglichkeiten sieht sondern den Feind beim Kampf um Werbeetats.

Mein Testabo beim Stern habe ich jedenfalls nicht verlängert. Für so eine dauerhafte Bindung will ich nicht nur mit den Inhalten zufrieden sein sondern auch mit dem Service! Da reicht es auch nicht, dass sie heute in einem Artikel über den neuen Sturm beim FC Bayern einen Tweet von mir zitiert haben. By the way:

  • Wann twittert mich ein Journalist an, wenn er Tweets von mir zitiert?
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