Julius Winsome / Winter in Maine – Gerard Donovan

· 18.01.2012 · Keine Kommentare

Rückblick #20. Gestern gab es den hier.

Maine, nordöstlichster Staat der USA, beschauliche Landstriche, viel Wald, lange Winter. Dort lebt Julius Winsome (dt.: Winter in Maine) zurückgezogen in einer Waldhütte mit abertausenden, von seinem Vater geerbten Büchern und seinem Hund Hobbes. Kein Nachbar im Umkreis von 3 Meilen. Bis ein Schuss die Stille jäh durchbricht. Es ist zwar Jagdsaison, aber Winsome hat gleich ein ungutes Gefühl. Wenig später findet er in der Nähe seinen Hund – erschossen.

Many men live in these woods who cannot live anywhere else, … , best to keep your manners about you, and even better to have nothing to say at all. They come up north and wait out life, or they were here anyway and stayed for the same reason. Such men live at the end of all the long lanes in the world, and in reaching a place like this they have run out of a country they can’t live in. (7)

Here, only short sentences and long thoughts can survive… Distances collapse, time is thrown out … The winter is fifty books long and fixes you to silence like a pinned insect .. Every glance ends in snow. (72)

Man spürt die Kälte den Rücken hochkriechen, hört den Wind und das Knacken der Äste, riecht den Schnee. Autor Gerard Donovan schafft auf gerade einmal 215 Seiten eine dichte Atmosphäre und packt nicht nur die Einsamkeit, Trauer und Suche nach Vergeltung von Julius Winsome in dieses kleine Büchlein, sondern reflektiert beinahe beiläufig auch noch die Nachwehen von Krieg, eine Vater-Sohn-Beziehung, die Wirkung klassischer Literatur, das vergangene Glück in der Beziehung zu Claire, die aus dem Nichts in Winsomes Leben auftauchte und genauso plötzlich wieder verschwand, die Notwendigkeit treuer Gefährten und den scheinbar selbstverständlichen Umgang mit Waffen in den USA.

Der Leser wird stummer Zeuge auf Julius Winsomes Rachefeldzug, der vermeintlich beiläufig, wahllos und dennoch präzise damit beginnt, Menschen in seinem „Revier“ zu töten – ohne auch nur den geringsten Beweis dafür zu haben, dass dieser Mensch, der da gerade stirbt, für den Tod seines Hundes Hobbes wirklich verantwortlich ist.

Eigentlich liebt Julius Winsome sein Blumenbeet vorm Haus, den blauen Himmel, der sich über sein Fleckchen Welt wölbt, Shakespeare und sein ruhiges Leben. Eigenbrötlerisch kann man das nennen; ein sonderbarer Außenseiter, sich selbst genug, fernab vom gewöhnlichen Leben – und dennoch ist man ihm, dem Mörder, auf erstaunliche Weise nah, kann nachfühlen, warum er so handelt, versteht seine Verzweiflung.

If I were to write my life in one sentence up till now, I would say that at one point I lived in a cabin for fifty-one years. (28)

You keep away from men like me and you’ll be alright in life. (214)

Es sind viele prägnante Sätze, die mich veranlassten, zahlreiche Eselsohren in meine Ausgabe zu knicken und obwohl man dieses Buch an einem Tag durchlesen kann, hallt es in einem nach und hinterlässt ein seltsames Gefühl von Leere. Vielleicht nicht die richtige Lektüre für einen Strandurlaub, aber sonst für jede Gelegenheit!

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