Von Stefan Klix: Crowdfunding oder Wie Musik finanzierbar bleiben könnte

· 04.11.2011 · 2 Kommentare

Mal ehrlich: Wer hat seine Lieblingsmusik nicht als mp3-Dateien auf dem Rechner oder hört sie über YouTube, last.fm, MySpace und Soundcloud? Habe ich einen Dienst vergessen? Bestimmt. Downloadportale und Filesharing bieten Musik gratis in Hülle und Fülle. Was sagt uns das? Musik ist überall und jederzeit verfügbar. Das ist doch toll, oder? Naja. Den Künstlern würde es vermutlich oft lieber sein, wenn sie von ihrer Musik auch leben könnten. Klar, man kann im Internet – z.B. mit Hilfe von sozialen Netzwerken – sehr leicht auf sich aufmerksam machen. Aber mehr Musik verkaufen?

Dabei würden Fans und Musikliebhaber ihre Bands und Künstler sehr gern unterstützen, jedoch nicht Plattenfirmen oder Verlage mitfinanzieren. Nicht zu vergessen: Diese runden Datenträger, die man ja eigentlich nur braucht, um die Musik auf den Rechner zu kopieren. Doch die Musik kostenlos ins Netz zu stellen und zu hoffen, dass durch Spenden (z.B. über einfache Spenden, Flattr oder Kachingle) regelmäßig genug Geld zusammenkommt, erscheint leichtgläubig und ziemlich unsicher – obwohl es ja bei Radiohead schon funktioniert haben soll. Eine neue Möglichkeit zur Finanzierung bietet das sogenannte Crowdfunding, eine Art System für Mikrokredite. Dieses zarte Pflänzchen versucht seit knapp zwei Jahren auch in Deutschland Wurzeln zu schlagen.

Ein Pflänzchen schlägt Wurzeln und will Kreativität zum Blühen bringen

Was ist das und wie funktioniert das?

Ihr könnt euch das Ganze so vorstellen: Eure Lieblingsband verkauft ihr neues Album an Fans, bevor es überhaupt produziert wird. Beim Crowdfunding sammelt die Fangemeinde das für eine Produktion benötigte Geld in einem bestimmten Zeitraum über eine Plattform im Internet ein – oder zumindest einen vorher festgelegten Teil davon. Als Gegenleistung können die Fans nicht nur das Endprodukt – also das Album als Download oder eine CD – erhalten, sondern beispielsweise auch eine namentliche Erwähnung im Booklet oder ein persönliches Treffen mit der Band (ich höre die Mädels schon kreischen …) – je nachdem, wieviel man als Fan bereit ist zu investieren. Der Gestaltung der Gegenleistungen sind dabei keine Grenzen gesetzt – nützlich und originell sollten sie allerdings schon sein. Erst wenn ausreichend Unterstützer für ein Projekt gewonnen werden konnten, fließt das Geld. Konnte die benötigte Summe in der Finanzierungsphase nicht aufgetrieben werden, bekommen diejenigen, die das Projekt bis dahin schon unterstützt haben, ihr Geld zurück. In Fachkreisen bezeichnet man das als „Alles-oder-Nichts-Prinzip“. Damit kann letztendlich sichergestellt werden, dass die Musik auch gehört werden möchte. Oft werden Projekte auch überfinanziert, d.h. es wird mehr Geld eingesammelt als eigentlich angepeilt wurde.

Welche Plattformen gibt es?

Obwohl Crowdfunding (nicht nur zur Finanzierung von Kunst- und Kulturprojekten, sondern z.B. auch Erfindungen oder soziale Projekte) in Deutschland noch verhältnismäßig winzig im Vergleich zu herkömmlichen Finanzierungsformen ist (z.B. öffentliche Förderungen, Sponsoring), gibt es schon überraschend viele Plattformen – mit zum Teil unterschiedlichen Ausrichtungen. Neben MySherpas (München), VisionBakery (Leipzig), Inkubato und Pling(beide Berlin) ist die mit Abstand bekannteste und größte Plattform (bezogen auf die Anzahl der Projekte) Startnext aus Dresden. Das am Schillerplatz sitzende Unternehmen hat sich vor allem auf Kunst- und Kulturprojekte spezialisiert. Eine wichtige Adresse für Musiker und Bands ist aber auch die Plattform Sellaband (München). Meistens arbeiten die Plattformen mit schon bekannten Formen für den Geldtransfer: PayPal, Direktüberweisung (Online-Banking) oder Sofortüberweisung. Bei Startnext kann man zusätzlich mit FidorPay bezahlen, wodurch keine Verwaltungs- und Transaktionskosten entstehen. Dafür muss allerdings ein separates Konto bei der Fidorbank eröffnet werden – für viele (potentielle) Unterstützer von Projekten eine gewisse Hemmschwelle. Wer sich einen generellen Überblick zum Stand von Crowdfunding in Deutschland verschaffen möchte, findet hier hierund hier weitere Infos.

Von nichts kommt nichts…

Klingt eigentlich ganz einfach, oder? Musiker stellen ihre Idee für ihr neues Album auf einer Crowdfunding-Plattform vor, die anonyme Masse im Internet finanziert im Schwarm (also quasi wie im Flug) das Projekt und alle sind happy. Ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Von nix kommt nämlich bekannterweise nix. Das gilt auch beim Crowdfunding. Wer hofft, dass viele Leute eine Band aus heiterem Himmel finanziell unterstützen und das Ganze ein Selbstläufer ist, unterschätzt den Aufwand des Unterfangens. Klar, Bands wie den Sportfreunden dürfte es vermutlich nicht schwer fallen, die Sache erfolgreich über die Bühne zu bringen, aber über Bands in der Größenordnung möchte ich hier ja eigentlich nicht sprechen. Es geht um Künstler, deren Platten eben nicht in jedem Mediamarkt oder Saturn käuflich zu erwerben sind. Diese Künstler haben allerdings oft auch eine Fangemeinde – und die gilt es zu motivieren, sich auf einer Crowdfundingplattform anzumelden und dort das entsprechende Projekt zu unterstützen. Dem geneigten Leser fällt hier bereits auf, dass es eben nicht um eine anonyme Masse von Internetnutzern geht, sondern ganz konkret um Freunde, Freunde von Freunden, Bekannte, Bekannte von Bekannten oder die eigene Familie. Da ist eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten! Im Prinzip ist die Phase der Finanzierung vergleichbar mit einer PR- oder Werbekampagne, nur dass eben keine PR- oder Werbeagentur die Arbeit übernimmt. Da muss auf allen Kanälen gewirbelt werden, online wie offline. Es fängt an bei der transparenten, authentischen, glaubwürdigen und originellen Präsentation des Projekts auf der persönlichen Seite der Crowdfundingplattform an – sei es mit Hilfe von Videos, aussagekräftigen Texten und Bildern oder attraktiven Gegenleistungen. Hierbei bieten die Plattformbetreiber auch Beratungen an und können Erfahrungswerte vermitteln. Bei Konzerten und Veranstaltungen sollte das Thema Crowdfunding angesprochen werden. Letztendlich geht es darum, Leidenschaft zu kommunizieren und Brücken zu Leuten zu bauen, die nicht täglich im Internet aktiv unterwegs sind. Zudem bietet das Social Web Präsentationsflächen, die sinnvoll eingesetzt und nicht ungenutzt bleiben sollten (Blog, Facebook, Twitter, YouTube/Vimeo).

Die Realität sieht ganz gut aus

Am Ende steht die Frage: Lohnt sich Crowdfunding für Musiker und Bands? Pretty Mery K, Anke Johannsen, Radiobastard oder der Barde Ranarion können das sicherlich bestätigen, denn sie sammelten das benötigte Geld (zwischen 400 und 4.000 €) erfolgreich bei Startnext ein, wobei das Projekt des Barden mit 7.420 € sogar deutlich überfinanziert wurde. Auch bei der VisionBakery gibt es Erfolgsgeschichten, z.B. Mud Muhaka oder Dante’s Dream „Hohe Worte“. Allerdings gibt es auch genügend Beispiele, wo es nicht klappte mit dem Crowdfunding. Potential steckt in diesem Modell allemal. Tino Kreßner von Startnext hat in einem Artikel im Blog der TAZ eine nützliche Übersicht zu Vor- und Nachteilen von Musikproduktionen über Crowdfunding veröffentlicht:
Vorteile von Crowdfunding für Musiker:

  • Vorfinanzierung des Albums, der Tour bzw. des Musikvideos
  • Integrierte Marktrecherche & Potentialanalyse
  • Keine Kosten (nur bei Erfolg fällt Provisionsgebühr an)
  • Kein Risiko (Alles-oder-nichts Prinzip; Rückbuchung wird von Plattform übernommen)
  • Keine Formulare, sofortige Auszahlung ohne Abrechnung
  • Involvierung von Fans in die Entstehung
  • Auslösung von Mundpropaganda; Vernetzung in sozialen Netzwerken
  • Unabhängigkeit

Der Nachteil [bzw. Plural]:

  • Frühzeitige Kommunikation über das Projekt
  • Hohe Anforderung an Transparenz (für was werden die Gelder benötigt)
  • Selbstvermarktung bzw. Marketing schon während der Finanzierungsphase
  • Zusätzlicher zeitlicher Aufwand
  • Starke Fan-Nähe und zeitnahe  Reaktionen online notwendig
  • Zusätzliche Kreativität für Dankeschöns (exklusiv, individuell, …)“

Mit der Verbreitung der Idee und der Vereinfachung technischer Lösungen könnte ein stabiles Fundament für die Finanzierung von Musik geschaffen werden. Was noch nicht existiert, kann auch nicht raubkopiert werden. Die Macht über das, was produziert werden soll und was nicht, verlagert sich dadurch auch hin zum Nutzer. Spannende Frage könnte sein, wie die großen Plattenlabel auf diese Entwicklungen reagieren werden. Ob sie sich das System Crowdfunding irgendwann aneignen werden? Meiner Meinung nach besteht der große Vorteil eben darin, einen direkten und persönlichen Draht zum einzelnen Fan durch die Einbindung in den Entstehungsprozess herzustellen und diesen kreativen Markt wieder mit Kreativität zu beleben. Anonymität herrscht im Kaufhaus, nicht auf einer Crowdfunding-Plattform. Das leuchtet ja irgendwie auch ein: Wenn ich einem Künstler so sehr vertraue, dass ich ihm vorher das Geld gebe (möglicherweise mehr als für eine normale CD), dann identifiziere ich mich ja auch viel stärker mit ihm. Die Chance für den Musiker und Bands – gerade durch Plattformen wie VisionBakery und Startnext hier in Sachsen – sind groß, doch es erfordert ein wenig Mut, neue Wege einzuschlagen. Insofern bin ich gespannt, wie das zarte Pflänzchen mit Namen Crowdfunding in Deutschland weiter wächst …

 

Der Autor: Stefan arbeitet gerade an seinem Master der Medienkommunikation an der TU Chemnitz und beschäftigt sich mit Crowdfunding, Soziologie und Marketing und plant eine Masterarbeit zum Thema Social Media Return of Invest. Anmerkung von Sebastian: „Super netter Typ! Bedankt sich für ausgegebene Biere am nächsten Tag mit Donuts und liebt Limetten. Ich hör die Mädels schon kreischen…..

Fotoquellen:
Pflanze: Stefan Munder (CC via Flickr)
Profilbild Klix: Internet^^

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