Vereinte Aufbruchstimmung: Dresdner Kreative wollen am Nikolaustag einen Verein gründen

· 30.10.2011 · 5 Kommentare

Ich bin gestern erst gegen Mittag zum angekündigten Netzwerktreffen der Grünen gekommen und habe somit die vier vormittäglichen Vorträge verpasst. Nun habe ich aber alle Referenten – zum Teil mehrfach – schon vorher mal gehört und somit ohne schlechtes Gewissen mein Samstags-Frühstück in die Länge gezogen.

Bei meiner Ankunft waren nicht ganz so viele Leute da, wie sich die Veranstalter offenbar erhofft hatten. Sonst hätte es eine wesentlich kleinere Location als die Börse der Dresdner Messe auch getan. Die ist unbestritten echt schick, wirkt aber so kühl und puristisch, dass ich immer ein wenig Angst habe, ein krümelndes Pausenbrot könnte einen Alarm auslösen. Konzerte oder Partys kannst Du da jedenfalls nicht machen. Unter den Anwesenden vor allem die „üblichen Verdächtigen“. Eins muss man der Stadt Dresden schon zu Gute halten. Durch ihre Bemühungen um die Kultur- und Kreativwirtschaft hat sie für einen regen Austausch in der Szene gesorgt. So viele Branchenübergreifende Veranstaltungen wie 2011 hat es vielleicht seit der Wende nicht gegeben. Die Workshops der Stadt, das StartCamp, die Auftakt-Treffen vom Forum Kreative Neustadt und „Wir spinnen“, die immer gut besuchten Undsonstso-Termine, die vielen Presseberichte über die IG Kraftwerk Mitte und nicht zuletzt Erfolgsmeldungen von Coworking und Crowdfundingprojekten wie Neonworx und Startnext – Dresden versprüht sowas wie Aufbruchstimmung! Die Gruppe derer, die sich aber wirklich engagiert, beschränkt sich eher auf einen Kreis von 50 – 150 Leuten. Einige davon waren sicher bei den Designers Open, andere wollten nicht an einer „Parteiveranstaltung“ teilnehmen und der wolkenfreie Sonnentag dürfte auch Opfer gefordert haben. Somit schätze ich die Anzahl der Teilnehmer auf etwa 60! Mehr als die Hälfte davon begrüßt sich mittlerweile mit der selben Routine wie Fußballfans, die immer im selben Block stehen. Natürlich gibt es Reibereien zwischen den verschieden Gruppierungen bei den Bemühungen, sich in Stellung zu bringen für eine zu erwartende Änderung der Wirtschaftsförderung. Trotzdem herrscht auch große Einigkeit, dass man nur gemeinsam etwas bewegt bekommt.

Vernetzung1: Mein Workshop mit dem Louisen Kombinaht

Aufbruchstimmung war auch in meinem Workshop zum Thema „Partnerschaften und Netzwerke“ spürbar. Zu Beginn plauderte Kristina Krömer im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nähkästchen über die spannende Entstehungsgeschichte des Louisen-Kombinahts und brachte gleich fast alle speziellen Probleme aufs Podium, die mit Gründungen in der Kultur- und Kreativwirtschaft verbunden sind.

  • Die Motivation, das zu tun, was man am meisten liebt und nicht das, womit man am meisten verdienen kann.
  • Eine Abneigung gegen den allgemeinen Wachstumsgedanken.
  • Innerlicher Widerstand gegen die Themen Finanzierung, Buchhaltung, Controlling und Vertragsrecht.
  • Das Leben in Nähe des Existenzminimums bei gleichzeitiger 50 Stunden Woche.
  • Ein großer Wunsch zu konstruktiven Partnerschaften bei gleichzeitig größtmöglicher individueller Freiheit.
  • Fehlende Marketingkenntnisse und –budgets.

Kristina hat das Projekt zusammen mit Freundinnen und Freunden (und ein wenig Hilfe der RKW-Berater Christian Rost und Katja Großer) umgesetzt. Ohne Anwalt und ohne Bank und ohne Unternehmensberater. Die vielleicht auch daran scheitern würden, das Konstrukt von kostendeckendem Ladenprojekt, gemeinnützigen Sozialprojekten („historische“ Handarbeit mit Älteren) und der gewinnorientierten Arbeit am eigenen Label zu verstehen und in Form zu gießen.

Gemeinsam überlegten die Workshopteilnehmer anschließend, welche Dinge man in einem größeren Netzwerk bewerkstelligen könnte. Zum Beispiel könnten sich die Fashion-Stores der Neustadt zusammen tun, um gemeinsam Marketing zu betreiben. Auch der Zusammenschluss mit anderen Kreativen, denen soziale Komponenten wichtig sind, würde helfen, die Sichtbarkeit und Förderungsmöglichkeiten solcher Projekte zu verbessern.

Regelmäßige Treffen würden für einen Austausch sorgen, bei dem man von den Erfahrungen und Kontakten anderer profitiert. Auch Partner außerhalb der Kreativwirtschaft sollte man ansprechen. Von Mode-Shows an aufgefallenen Locations könnte der Tourismus profitieren, eine Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen (Nähmaschinen, Stoffe) könnte deren Image verbessern und soziale Projekte fördern.

Einige waren sich die Mitglieder, dass sich diese Art Netzwerke immer von unten nach oben selbst finden und am Leben halten müssen, dass aber eine Koordinierungsstelle in Dresden fehlt, die als zentraler Anlaufpunkt dient

Als Netzwerke werden Systeme und Organisationen verstanden, deren einzelne Elemente gerne als Knoten bezeichnet werden. Fehlen tut in Dresden also ein zentraler Knotenpunkt, an dem alle Informationen zusammen kommen. Dazu sollte es dann im nächsten Workshop weitergehen und sich hierbei eine überraschende Kehrtwende im Miteinander der Akteure ergeben.

Netzwerken1: Der zentrale Knotenpunkt

Im anschließenden Workshop ging es um die von der Stadt angekündigte Schaffung einer Anlaufstelle für die Kreativwirtschaft. Dass diese kommt, steht im Grunde fest! Nicht jedoch, wie diese konkret aussehen soll und was ihre konkreten Aufgaben sein werden.

Magnus (scheune) plädierte in seinem Input-Referat für die Gründung einer gGmbh der Stadt, für die mindestens zwei hauptamtliche Personen arbeiten sollten und die vor allem mit ausreichenden Mitteln ausgestattet sein müsse. Er wünschte sich als Minimal-Ergebnis des Workshops eine gemeinsame Stellungnahme, dass die Dresdner Kreativwirtschaft zwei statt der vorgeschlagenen einen Stelle fordere.

Hierzu mal einige perönliche Anmerkungen, die ich auch gestern bereits gebracht habe:

  • Finde ich den Ansatz der Gmbh gut, weil man dort auch weitere Partner ins Boot holen kann
  • Für mich muss zum Beispiel das Budget für eine komplett eigene Stelle von der IHK aufgebracht werden, die sich bisher für die Kreativwirtschaft nur genau ein Mal im Jahr gezeigt hat:Mit der Zusendung der Beitrags-Rechnung! Ansonsten demonstriert sie bravourös die böse Fratze der alten Industrie, in dem selber unbezahlte Pitches durchführt und somit recht eindeutig zeigt, welchen Wert sie kreativen Ideen beimisst!
  • Sehe ich eher vier als zwei Stellen! Denn wer zu spät kommt, der muss mehr Arbeit investieren und Dresden ist in Sachen Kreativwirtschaft Bummelletzter aller Großstädte

Zu den Aufgaben dieser Koordinierungsstelle wurden anderem festgehalten.

  • Informationen über Förderungs, Beratungs- und Raumpotentiale in der Stadt
  • Die Ansprache und Koordinierung privater Kapitalgeber, deren Bedeutung für Kreative mit der wachsenden Bedeutung des Social Return of Invest bei Vermögenden in naher Zukunft stark wachsen werde
  • Die Aufnahme, Speicherung und Verarbeitung von Informationen (Wirtschaftsdaten, KnowHow) als Kapital (benötigt von Medien und Investoren) und als Grundlage eigener Entscheidungen
  • Die Kommunikation gegenüber der Stadt und der Öffentlichkeit
  • Planung von Maßnahmen zur Außenwirkung
  • Das Bewusstsein schärfen, dass eine Kunststadt sich nicht auf ihrer Kunstgeschichte allein ausruhen kann

Nicht alle wurden genannt, nicht alle genannten sind mir heute eingefallen.Ich hoffe aber, das trifft es.

Als dann einer der Teilnehmer einen Verein forderte statt oder als Gegenpol zur Gmbh, kam plötzlich Bewegung ins Spiel.Claudia Muntschick (selbstständige Stadtentwicklerin und Projektleiterin der Videobustour) verließ ihre Rolle als Moderatorin und stellte fest, dass sie an diesen Verein nicht glaube, solange man selber kein Stück beweglicher sei als die Stadt selbst und jeder nur sein eigenes Süppchen kochen würde. Und wie das dann so gehen kann, kam dann plötzlich der Vorschlag, jetzt und hier die Gründung eines Vereins zu beschließe und keiner im Raum widersprach. Und wie es nur bei Kreativen gehen kann, wurde – zack zack – der 06.12. als Gründungstermin und das Friedrichstad-Zentral als Austragungsort festgelegt. Ein schöner Moment. Aber die scheiße geht natürlich jetzt erst los.Viele Fragen sind jetzt zu beantworten:

  • Wer sind die Gründungsmitglieder?
  • Wie kriegt man alle Teilbranchen gleichberechtigt unter? (Ich denke z.B. an einen elfköpfigen Vorstand, der die Funktionsträger in den eigenen Reihen bestimmt)Wie kann gewährleistet sein, dass wirklich nur „creative professionals“ am Start sind, also die, die wirklich betroffen sind?
  • Welche technische Plattform nutzt man im Vorfeld?
  • Wer darf für einen solchen Verein sprechen, bevor er gegründet ist?

Vielleicht wäre es eine gute idee, wenn man mit einer guten Cloudbasierten Projektmanagement- oder Ideenmanagement-Software starten könnte, wo Ideen gesammelt UND bewertet werden können. Eine Software, die man auch hinterher als Vereins-Lösung einsetzen kann und wo es später vielleicht sogar – wie im klassischen Verbesserungswesen – monetäre Anreize gibt, sich aktiv einzubringen. Das Geld dafür könnte von Sponsoren kommen.

However: Ich bin sicher, dass Claudia hier die absolut richtige Person ist und die richtigen Schritte unternehmen wird. Mit den anwesenden Leuten von IG Kraftwerk Mitte, Neonworx, Cynal und scheune schon mal sehr wichtige Akteure im Boot hat, um eine Dresdner Variante von „Kreatives Leipzig“ voran zu bringen, die aber um hoffentlich einen besseren und kreativeren Namen trägt als „Kreatives Dresden (zumal es das ja bereits gibt).

Ich selbst werde übrigens nicht Mitglied in diesem Verein werden, obwohl ich seine Gründung durchaus befürworte. Aber ich bin seit einem Vierteljahr zu 100% Angestellter und gebe gerade meinen nebenbei betriebenen Musikverlag auf und mein Ehrenamt in der Scheune Akademie ab, weil ich mit meiner Rolle als Kreativfisch für Social Media und PR wirklich mehr als ausgelastet und vor allem sehr, sehr glücklich bin. Und ich vertrete eindeutig die Meinung, dass nur Geschäftsführer und Selbstständige in einem solchen Verein vertreten sein sollten. Gerne helfe ich aber mal bei der einen oder anderen Pressemitteilung oder schreiben den einen oder anderen Blogbeitrag^^

Protokolle soll es – wie auch von den parallel stattfindenden Workshops – später auf der Website der Grünen geben. Wir halten Euch auf den Laufenden. Drückt doch den Daumen und werdet Partner auf Facebook:

Kurzer Nachtrag: Es wird offenbar nicht ganz deutlich, dass meiner Meinung nach der Verein nicht die gGmbh (oder was immer) ersetzen soll. Die Koordinierungsstelle muss eine eigenständige Einrichtung in öffentlicher Hand bleiben, die von der Stadt finanziert wird. Der Verein dagegen durch die Mitglieder! Vorbild ist z.b. die Mikroelektronik mit einem eigenen Ansprechpartner bei der Wirtschaftsförderung, der auf der anderen Seite mit Silicon Saxony einen Verein als Ansprechpartner hat.

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  • In vermittelnder Rolle zwischen verschiedenen repräsentativen Branchenvertretern der Kreativwirtschaft mag die Eingrenzung auf „“Geschäftsführer und Selbstständige“ sinnvoll erscheinen, doch wie geht der Verein mit Nichtmitliedern, Pre-Selbstständigen und engagierten Angestellten um ? Wieso sollte hier eine Trennung der Zugehörigkeit eingeführt werden ?

    Sollte der Begriff „Kreatives Dresden“ durch einen alternativen Namen ersetzt werden, wäre es wünschenswert sich in der vorbereitenden Diskussion an den sehr unterschiedlichen Stellen Blogs, Twitter, Facebook auf einen gemeinsamen Suchbegriff zu einigen, da andernfalls niemand die Diskussion überblicken kann. Bisher hatten wir schon #Fkbrn, #kidsdresden, #kreativesdresden .

    Die Entwicklung einer Websoftware für die Vorschlagssammlung mag reizvoll sein, ich befürchte aber eher eine zusätzliche Verzögerung. Vorläufig mag ausreichend sein wenn eine gut zugängliche Stelle im Web benannt wird, an der die Vorschläge zusammengeführt werden.
    Das könnte vielleicht „Google-Text & Tabellen“ ( https://docs.google.com/ ) oder Echo ( http://echo.to/ ) sein.

  • Hi Henry

    zunächst mal @all: Dass ausgerechnet die Passage zum Namen hier und bei Facebook die meisten Diskussionen auslöst, befremdet mich. Der Name ist wirklich schnurzepieps. Aber die Leipziger würde es sicher nicht gerne sehen, wenn ihr Name kopiert wird und ich fänds auch ziemlich langweilig.. Wer den Namen festlegt und wie der lautet, kann man in der Kneipe oder im Web festlegen, hauptsache er ist gut :D

    Die Eingrenzung erachte ich als wichtig, da sich sonst am Ende zu viele Theoretiker (akademische und nicht akademische) und Politiker und Angestellte dort tummeln. Man kann sie auf jeden Fall irgendwie integrieren, aber auch das ist nicht das wichtigste… Da lass ich mich jederzeit gerne überzeugen, dass offener besser ist!

    Software-Lösungen gibt es bereits. Ob das am Anfang eine Facebook-Gruppe, ein schnödes Forum oder eine Profi-Lösung ist… Ich würde vielleicht mal bei den Jungs von Communote anfragen!

  • Torsten

    Hallo Sebastian,
    hier noch mal ergänzend und differenzierend von meiner Seite, was wir am Samstag zusammengetragen haben, um nicht das eine mit dem anderen zu vermischen:
    1.) Die Gründung einer Interessenvertretung für die UnternehmerInnen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Das kann m.E. ein Verein, ein Verband, ein Cluster von verschiedenen in Dresden mehr oder wenig stark ausgeprägten Teilbranchen der KKW sein. Diese kann eigenständig sein oder sich unter dem Dach der IHK zusammentun. Das sind Fragen, die möglichst vor dem 6. Dezember zu klären sind, um eine Struktur und Verortung geklärt zu haben.
    Daraus abzuleiten wäre dann, wieviel Mitglieder der Vorstand hat (egal ob Verein oder Verband), welche Aufgaben in der Satzung festgehalten werden etc.
    Auf jedenfall können hier die Bedarfe und Forderungen der einzelnen Teil-Branchen zusammengetragen und gegenüber z.B. der Immobilienwirtschaft nach Räumen, den Banken nach zinsgünstigen und besicherungsfreien Krediten oder Zuschüssen, der Verwaltung und Politik nach aktiver Unterstützung, klar und mit dem entsprechenden Hinterland an Unternehmen vertreten werden.
    2.) die Schaffung einer Anlauf- und Beratungsstelle (Schnittstelle, Netzwerkstelle). Diese sehe ich neben der Interessenvertretung angesiedelt zwischen der Stadtverwaltung, Kredit- und Förderinstituten (SAB, Banken, etc), der Immobilienwirtschaft und verschiedenen Weiterbildungs- und Beratungsanbietern. Diese Anlauf- und Beratungsstelle muß nach meiner Meinung unabhängig von der Stadtverwaltung sein, aber evtl. durch diese finanziert oder zumindest teilfinanziert sein.
    Mit der Schaffung dieser beiden o.g. Einrichtungen wäre ein wichtiger Schritt in puncto Organisation und Bündelung von Interessen, Aufgaben und Angeboten getan.

    Wie die beiden Einrichtungen heißen werden, welcher Internetauftritt, wo der Sitz ist wäre im zweiten Schritt zu klären. Aber erstmal die Basics.

  • danke, torsten, für die ergänzungen! kurz von mir

    verbände sind zu mind. 90% vereine – eine eigene rechtsform für verbände gibt es nicht.

    die ihk sehe ich eindeutig eher bei der der koordinierungsstelle (also punkt 2), da sie ja nur für gewerbetreibende verpflichtend ist (nicht also für freiberufler/künstler)

    der verein sollte vor allem dazu dienen, dass für gewissen fragen ein sehr großer pool von playern befragt werden kann und nicht wie bei den workshops der stadt eine nicht repräsentative minderheit und somit als sprachrohr und lobbyverband dienen.

    später könnten gmbH und verein auch zu einer genossenschaft oder einer stiftung verschmelzen, aber sowas dauert und bis dahin muss zunächst mal die kreative szene (sorry) geschlossener auftreten und öffentlichkeitswirksam agieren (über einzelne projekte wie ig kraftwerk mitte) hinaus

  • Torsten

    Ich denke vor dem 6. Dezember ist noch einige Denkarbeit zur Strukturierung, Aufgabenfelder, kompetente und integre Akteure, Satzung und Erfahrungen von Anderen einholen zu leisten. Sebastian, ich sehe uns gar nicht so weit auseinander in unserer Meinung. Für mich ist noch zu klären, wie der 6.12. so gut vorbereitet wird, um nicht wieder nur zu diskutieren und das Jahr mit einem wichtigen Schritt enden zu lassen, um im kommenden Jahr an die bevorstehenden Aufgaben zu gehen.