Wieviel Trauer passt in einen Menschen?

· 21.04.2011 · Keine Kommentare

Im ausverkauften Thalia stellte Dirk Bernemann am 10. März seinen neuen Roman Vogelstimmen vor. Verrückter Abend; Ich muss immer noch grinsen, wenn ich an die Reaktion des Autors auf einen kleinen Un/mfall zurückdenke. Und an den einen oder anderen Text, der Eindruck hinterlassen hat.

Aus Vogelstimmen wurde an diesem Abend gar nicht so viel gelesen, aber das macht nichts. Romane liest man eh am besten komplett und selbst.

Nach Satt. Sauber. Sicher. ist Vogelstimmen anders, als ich es erwartet habe. Nicht mehr so derb, stiller und ein bisschen reifer. Neben grober Metalmusik läuft in diesem Buch auch mal was von Ólafur Arnalds und zuckersüße Popmusik.
Mein Exemplar von Vogelstimmen musste eine Menge Eselsohren einstecken, denn auch hier stolpert man immer wieder über die geliebten bernemannschen Satz- und Wortkunstwerke, die im Kopf Bilder malen und im Herzen ein kleines bisschen zustechen.

»Überall gibt es diese Stätten und Plätze, an denen man wartet, da drüben auf den Tod und hier nur auf den Bus.«

»… und mein Kopf ein Freizeitpark, in dem die Achterbahn im Dauerbetrieb läuft. Und auch die Geisterbahn ist voll besetzt.«

»Allein kann man nicht zusammen tanzen.«

Seitenweise findet in Vogelstimmen das Leben des – bewusst namenlos gelassenen – Protagonisten ausschließlich in seinen Gedanken statt. Er grübelt und sinniert über die großen Themen, sein graues, passives Leben über Freundschaft und Sicherheit. Und den ganzen Rest. Er erkennt, dass sich was ändern muss. Und dass dafür immer nur Denken vielleicht nicht ausreicht…

Da geht es auch und überhaupt um ein besonders großes Thema, das so unfassbar ist, dass wir ihm oft genug ohne Trost und völlig hilflos gegenüberstehen: Es geht darum, die Vergänglichkeit der eigenen Eltern mitzuerleben. Die Mutter ist an Demenz erkrankt, das Verhältnis zum Vater voll emotionaler Leere. Der unaufhaltsame Wandel der Beziehung zwischen Eltern und Kindern macht alle ratlos, weil sich die Zuständigkeiten umkehren und die eingeprägten Muster nicht mehr passen.

»Wenn ein Sohn erkennt, dass die Frau, die ihn geboren hat, nicht mehr imstande ist, sich selbst zu versorgen, bricht auch von ihm etwas ab. …«

Klar auch, dass man dadurch mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird, im Großen wie auch im ganz Kleinen. Bernemann trifft mit seinen Betrachtungen darüber oft und so zielgenau meine eigenen Gedanken, dass ich schon zu einer Liebeserklärung ansetzen wollte. Dann kam mir aber in den Sinn, dass er damit vielleicht gar nicht nur mich meint und trifft, sondern ganz einfach „den Nerv der Zeit“ bzw. den unserer? meiner? rast- und ziellos umherirrenden Generation, so abgedroschen das auch klingt.

Einzig der Ausgang der Geschichte ließ mich einigermaßen ratlos (immer noch! schon wieder!) zurück. Für meinen (vielleicht zu) persönlichen Geschmack war da eine Versöhnung zu viel, alles geht einen Hauch zu glatt. Zwar wird es nie kitschig oder platt, aber bissig, böse und vor allem zerrissen steht Bernemann eben doch besonders gut.

Etwas irritiert haben mich diverse grammatische und ortografische (was ist denn eine „Schüppe“?) Schnitzer und ein plötzlicher kurzzeitiger Wechsel der Zeitform. Ist das Kunst oder liest das keiner Korrektur?

Hin und wieder mal ein bisschen Bernemann für zwischendurch? Der bloggt auch.

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