Wo ist denn nun eigentlich dieses Ende der Welt?

· 23.03.2011 · Keine Kommentare

Jede Woche ein Buch. Die Erfahrung lehrt: Eine Woche hat hier 14 Tage. Rückblick #3

Die Enden der Welt als Mysterium, die Enden der Welt als Lebenstraum. Roger Willemsen, vom Feuilleton gefeiert, von mir für oft zur Schau getragene Eloquenz bewundert, hat in den letzten drei Jahrzehnten fast alle Kontinente bereist und berichtet davon in 22 Episoden.

Mit den Erfahrungen eigener Weltreisen, oben angesprochener Erwartungshaltung an den Autor und einem doch recht überzeugenden Trailer, war das Lesen des Buches nur eine Frage der Zeit.

Und? Strandlektüre oder doch eher Reise ins Innere?

Zunächst musste ich feststellen, dass meine Begeisterung für Willemsens Sprache sich offenbar vorrangig auf das gesprochene Wort bezieht. Im vorliegenden Buch erschien mir leider der Großteil geziert konstruiert. So manche Beschreibung zieht sich in die Länge, wie der Weg zum Reiseziel weit sein kann. Gemeinplätze sind keine Ortskenntnis, Fakten scheinen Willemsen weniger wichtig. Den Enden der Welt hätte eine pointiertere Beschreibung also gut getan und so bleiben nicht allzu viele Sätze, die einen mitnehmen. Auf die Reise.

Privates bleibt nicht vom Mitteilungsbedürfnis des Autors verschont, leider wird der Handlungsort dadurch nicht nur einmal zur bloßen, austauschbaren Kulisse. In „Die Enden der Welt“ findet sich keine ungestüme, unbedarfte Abenteuerreise auf der Suche nach Spaß und Erholung. Auch Roger Willemsen wird in manche hier erwähnte Region nur mit Genehmigung und zu Reportagezwecken gelangt sein. Privilegiert, wenn man so will. Backpacker erleben andere Geschichten. Einen wildfremden Sterbenden in einem weißrussischen Krankenhaus zu besuchen, finde ich jedenfalls schon etwas ungewöhnlich. Es gehört eine gewisse Selbstgefälligkeit dazu, von derartigen Erlebnissen zu berichten als wären sie Fügungen, schicksalhafte Begegnungen, die jedem passieren können. Klar, Willemsen gehörte keiner Reisegruppe an, ordnete sich nicht einem „Pulk von Sinnsuchenden“ unter. Dabei gehört die Weltreise angesichts heutiger Backpackerhorden offenbar zum guten Ton. Zwanzig Länder in vier Wochen? Kein Problem! Drei Jahre von Luft, Licht, Surfschein und Gras leben? Auch kein Problem! Grenzen sind überwindbar. Landesgrenzen. Bei selbstgesetzten Schranken sieht das schon wieder anders aus.

Wo aber liegen denn nun die Enden der Welt? Im Trailer wird Willemsen gefragt, woran man ein Weltende erkennt. Öde sei es. Von wegen! Für mich hat ein Weltende neben Hinweisschildern auch etwas mit Ankommen zu tun. Hier geht’s nicht weiter. Hier muss ich entweder bleiben oder umkehren. Umkehren zu Gewöhnlichen oder Gewöhnliches beleben. Selbst eng gesteckte Koordinaten können ans Ende der Welt führen. Man wird es merken, wenn man da ist. Grenzen zu überschreiten dokumentiert sich nicht anhand von Passstempeln. Für Bewohner von Tonga oder Patagonien ist womöglich Deutschland ein skurriles Ende der Welt. Exotisch ist es dort nur, weil wir es so wollen.

Im vorliegenden Buch bleibt es (in meinem Verständnis und entgegen dem Feuilletonhype) bei überwiegend egozentrischen Betrachtungen. Die größte Herausforderung – egal wo – ist doch, mit sich allein zu sein und sich dabei nicht zu langeweilen. Mit dieser Aufgabe jedenfalls hat Willemsen kein Problem.

Wer mir die „Deutschlandreise“ des Autors ausleihen möchte, sei dazu herzlich aufgerufen. Ich bin gespannt, wie er die gemeistert hat.

Reise (althochdeutsch: risan = aufstehen, sich erheben).

Leseprobe

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