Nachbericht zum ersten Workshop zur Kreativwirtschaft in Dresden

· 28.09.2010 · 26 Kommentare

Unter dem etwas sperrigen Titel „Herausforderungen und Förderbedarfe der Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden“ fand am gestrigen Montag (27.9.2010) der erste von drei Workshops statt, die Vertreter der Stadt Dresden mit Aktivisten der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft angesetzt haben. Ziel ist das Erlangen eines Überblicks über den Soll/Ist – Zustand im Hinblick auf Wirtschaftsförderungspotentiale.

Vorangegangen war eine Feldforschung der Prognos AG (, von deren sieben Standorten übrigens nur der Berliner zum Osten gezählt werden darf), um statistische Ist-Daten und gefühlte Bedarfe Dresdens festzuhalten.

Zu den Geladenen gehörten Vertreter aus Bildender Kunst und Musik ebenso wie Werbeagenturen, Softwareschmieden oder Medienhäuser.
Durch meinen Job (Agentur) und mein eher privates Engagement im Bereich der Lobbyarbeit für die Musikwirtschaft war ich sozusagen gleich als Vertreter von zwei Sparten anwesend. Als solcher weiß ich aber auch bereits seit Jahren, was im Workshop noch mehrfach diskutiert werden musste: Die Bedarfe einzelner Akteure innerhalb der gesamten Kultur- und Kreativwirtschaft sind so unterschiedlich, dass ein Förderprogramm für einzelne Unternehmen nahezu unmöglich (und am Ende auch überflüssig) ist.

Kunstvertreter erwarten bessere Chancen zur Förderung oder Vorfinanzierung ihrer Kataloge, während Agenturen schwer damit zu kämpfen haben, dass Dresden nur eine Standortregion ist. Die Zentralen und Marketingverantwortlichen der großen Konzerne sitzen aber im Westen und vergeben auch ihre Aufträge logischerweise dort. Werbeagenturen brauchen (ähnlich wie Architekten) keine finanzielle Förderung, sondern finanziell gut ausgestattete Kundenpotentiale.

Musiker brauchen dringend Unterstützung im Bereich Reisekosten, Vermarktung und Produktion, während Softwareschmieden vor allem auf einen entscheidenden Imagewandel vom Museumsdorf Dresden zum Kreativzentrum hoffen, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen. Dafür war sicher kein Workshop und keine Erhebung nötig.

Was ist nun also speziell an Dresden?

Zum einen ist natürlich die Aufteilung der einzelnen Sparten in den Städten immer unterschiedlich. Es gibt Verlagshochburgen, Musikhochburgen und Filmhochburgen. Auffällig – aber vorhersehbar – ist zum Beispiel, wie schlecht die Stadt in Sachen Popmusik und Film dasteht. Überraschend dagegen war für mich, wie gut es offenbar den Architekten geht! Ich habe da gerade Horrorgeschichten einer befreundete Architektin aus Hamburg gehört, die deutschlandweit Häuser baut. Sie erzählte, dass das Dresdner Bauamt das erste sei, welches sie fast zum Aufgeben gezwungen habe – aus purem Frust und purer Schikane.

Wie auch immer. Das alles sind ja eher Kleinigkeiten.

Wirklich speziell an Dresden sind – so denke ich – zwei Dinge:

1. An fehlenden Locations dürfte in Dresden doch im Grunde niemand scheitern. Locations gibt es nach wie vor und zwar große wie kleine. Und die Kaufpreise und Mieten sind immer noch weit weg von denen in Köln, München oder Hamburg. Problematischer scheint aber der Zugang dazu! Ein Katalog verfügbarer Immobilien und transparenter Zugang zu allen Liegenschaftsdaten wäre ein riesiger Fortschritt! Ebenso schwierig scheint der Zugang zu Finanzierungen für solche Projekte, hier könnten Bürgschaften wie beim Stadionbau sicherlich eine Maßnahme sein.

2. Das Speziellste aber an Dresden ist am Ende, dass wir wieder mal die Letzten sind! Ok, das könnte auch ein Vorteil sein, indem man auf Erfahrungen anderer Regionen setzt. Leider aber hat die Prognos AG dazu keine Aussage machen können. Man müsse auf die speziellen Aspekte in Dresden eingehen und könne nicht aus anderen Städten ableiten. Das wirkte ein wenig wie die Begründung für ein größeres Auftragsvolumen, um ganz ehrlich zu sein!

Logischerweise konnten auch die Anwesenden nicht unbedingt in der kurzen Zeit rettende Ideen liefern oder die Bedarfe klar gliedern. Manche hatten eher das dringende Bedürfnis, Einzelfallprobleme zu schildern oder Lobbyarbeit für ihr persönliches Projekt zu betreiben. Das meine ich nicht als Kritik! Das ist absolut verständlich! Aber nicht unbedingt zielführend. Vor allem bei gerade mal zwei Stunden Zeit!

Ich bleibe bei meiner Meinung:

Es mach keinen Sinn, einzelnen Akteuren Geld zu geben! Es macht auch keinen Sinn, in Dresden Mieten zu finanzieren. Was wir brauchen, sind stärkere Netzwerke und die werden erreicht durch Kreativzentren, wie sie die IG Kraftwerk Mitte plant oder durch eher dezentrale Netzwerk-Arbeit wie rund um das geh8 oder bei uns in der Scheune Akademie.

Wichtig bleibt außerdem, daß die Stadt die Außenwirkung nicht als Ziel setzt, sondern ausschließlich die Zufriedenheit der internen Akteure als Mess-Kriterium betrachtet und dabei nicht nach Umsatz gewichtet. Dann ergibt sich meiner Meinung nach eine Außenwirkung von alleine. Ein anwesender Eventveranstalter erwähnte die enorme Außenwirkung der Nibelungenfestspiele von Dieter Wedel für die Stadt Worms! Das mag ja sein, dass die Außenwahrnehmung dort intensiv gestärkt wurde, aber ob die Akteure der Wormser Kreativwirtschaft mehrheitlich mit der Inzenierung glücklich waren oder nicht wäre ebenfalls sehr interessant! Immerhin geht es da nicht um Peanuts, welche die Stadt Worms verteilt. Da geht es um reelle Summen, die unter Umständen an anderen Ecken erheblich mehr für die innere Zufriedenheit bewirken könnten (2010 schießt Worms 450.000 Euro zu, 2011 wird eine Theateruraufführung mit Vorspiel vor dem Dom mit einer Million Euro bezuschusst, 2012 die Nibelungen-Inszenierung vor dem Wormser Kaiserdom mit zwei Millionen Euro).

Ein anderes Beispiel ist der Bau der Hamburger Elbphilharmonie. Innerhalb der Kreativwirtschaft hat ein solches Projekt nicht wirklich das selbe Standing wie unter den Akteuren der Stadtverwaltung und unter (potentiellen) Touristen. Die Folge: Hamburg hat gerade gut damit zu tun, an anderen Stellen der kreativen Subkultur entgegen zu kommen mit intensiven finanzillen Förderungen der Musikwirtschaft oder mit dem Rückkauf der Immobilien am Gängeviertel. Auch um seinem Ruf als hippe City gerecht zu werden natürlich……

Wenn die Stadt die Förderung der Kreativwirtschaft unter dem Aspekt des Städtemarketings betreibt, dann ahne ich, wohin das läuft. Mittelgroße Bombastprojekte mit B-Promibesuchern und TV-Berichten auf Vox. Nein, eine Ostrale kann zur Eröffnungsparty keinen Heiner Lauterbach vorweisen und keinen Franz Beckenbauer. Nein, ein Geh8 bringt nicht zwingend in den nächsten zwei Jahren einen neuen Neo Rauch zu Tage! Aber das Image der gesamten Stadt, das kann sich positiv entwickeln ohne Großinvestitionen und ohne Zwingerfestspiele mit Dieter Wedel. Wahrscheinlich sogar besser!

Mein erstes Fazit:

Ich denke, am erfolgreichsten ist eine echte und schnelle Netzwerkförderung, ähnlich (aber angepasst) dem Strukturförderungsprogramm der Initiative Musik. Bei einer solchen Netzwerkförderung muss Folgendes gewährleistet sein (beispielhaft):

A: Mindestens sechs wirtschaftlich selbständige Akteure reichen Anträge auf Förderung gemeinsamer Projekte ein (Ateliergemeinschaften, Gruppen-Kataloge, Seminare, Reisen, Gemeinschaftsstände auf Messen, Arbeitsplätze, die dem gesamten Netzwerk dienen). Bedingung ist ein Eigenanteil von mindestens 60%, die maximale Fördersumme beträgt 100.000 Euro (alle Zahlen aus der Hüfte geschossen).

B: Die Stadt eröffnet ein Büro genau für diese Netzwerkförderung, bei dem Interessenten transparent über die Förderungen informiert werden und Zugang erhalten zu allen nötigen Informationen und zu allen entscheidenden Personen (Ordnungsamt, Liegenschaftsamt, Stadtmarketing usw.).

Ich denke, mit einem solchen Programm kommen wir schnell intern vorwärts und somit auch mittelfristig in der Außenwirkung.

Ganz persönlich haben mich vor allem Argumente aus den Reihen der IG Kraftwerk Mitte und von Paul Elsner (geh8) überzeugt. Mit Sputnik Dresden hat der Tino außerdem eine Plattform geschaffen, die diese Netzwerkrolle für die Agenturszene sehr gut ausfüllen kann! Wenn hier eine halbe Stelle geschaffen werden könnte, die den Zeitfresser „Organisation“ des Netzwerks gestalten könnte, wäre das eine Möglichkeit, noch wesentlich mehr auf die Beine zu stellen (so mein Eindruck). Ebenfalls sehr spannend finde ich den Crowdfunding-Ansatz vom Startnext, allerdings sehe ich das nicht als regionale oder gar lokale Plattform und somit nur bedingt geeignet, um im Rahmen städtischer Förderung eine Rolle zu spielen. Aber vielleicht kann man die Idee dahinter übertragen!

Auch andere Projekte, die bisher eher weniger in Erscheinung getreten sind, könnten bei einer solchen Netzwerkförderung in den verdienten Fokus rücken. Ich denke dabei zum Beispiel an Neonworx, unter deren engagiertem Deckmantel gerade z.B. die ersten CoWorking Schreibtische eingeräumt werden.

Es geht also einiges! Ich bin gespannt, wie es weiter geht!

Weitere Ideen von mir und anderen finden sich hier im Blog in der Rubrik Stadtmarketing.

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