Einen GEMA ohne Kraut bitte – Wie Dönerläden 4 Mio für musikalischen Urheberrechten zahlen, die sie gar nicht nutzen

· 10.05.2010 · 11 Kommentare

Archivbeitrag vom 05.02.2008: Vor einiger Zeit habe ich ein paar Freunden, die in so einem Internetdingens drin hängen, beim gemeinsamen Kurzurlaub versprochen, dass ich mich dem Thema Mediengewichse“ (Arbeitstitel damals) in Form einer kleinen Kolumne widmen werde, weil ich mich darüber immer so herrlich aufregen würde. Was für eine Schnapsidee. Hätten wir uns doch lieber (noch mehr) über Mädchen als über Musikwirtschaft, Film und Werbung unterhalten…

Naja, gestern fiel mir das jedenfalls wieder ein, als ich auf die bekloppte Idee kam auszurechnen, wie viel die GEMA wohl so im Jahr bei Dönerläden kassiert und was eigentlich mit diesem Geld passiert. Entstanden ist die erste Folge von „Mein kleiner Medienkolleg(e) für Anfänger“.

Apropos Anfänger: Anfangen muss ich ja jetzt auch mal und will ich heute mit einer meiner deutschen Lieblingsinstitutionen im positiven wie im negativen Sinne. Der GEMA. Natürlich wird in diesem Beitrag geschätzt, vereinfacht und anderweitig rumgemährt, aber dies ist ja auch keine Hausarbeit beim Dr. D an der kommunikationswissenschaftlichen Fakultät der TU Dresden.

Also! Los geht’s. Die GEMA. Warum gibt es die eigentlich und was zum Henker machen die?

Eigentlich ganz einfach. Die GEMA kümmert sich um die Urheber von Musikwerken. Nicht immer sind nämlich die Interpreten von Hits auch deren Komponisten bzw. Texter (also Urheber). Im Gegenteil. Oder glaubt wirklich jemand, dass die ganzen Monroes, No Angels oder Wildecker Herzbuben ihre Lieder selbst geschrieben haben? Siehste. Und selbst bei Bands, wo das Songwriting in den eigenen Reihen erfolgt macht das ja nicht die Bands als Ganzes. Schlagzeuger z.B. sind eher selten beteiligt und ich wette, dass bei U2 außer Bono gar keiner mit einem Textvorschlag kommen darf, um nicht mit dem Vorschlaghammer wieder zurück vor sein Instrument geballert zu werden.

Soweit – so gut. Die GEMA kümmert sich also um die Vergütung dieser künstlerischen „Urheber“-Leistung, die logischerweise das A und O des musikalischen Schaffens ist. Ich kann der beste Sänger sein, der begnadetste Gitarrist: Wenn ich selbst keinen Song schreiben kann, dann könnte ich auch nix spielen, wenn es dieses Talent nicht bei anderen gäbe. Vom Texter ganz zu schweigen. Wie viele Leute kennt ihr, die deutsche Song-Texte schreiben, die man ohne mittelschweren Magendurchbruch und Geschwüre im Ohr ertragen kann?

Ein fiktives Beispiel: Die Band „Blutlutscher“ besteht aus dem charismatischen Sänger Fetz, der auch die Musik schreibt und ein paar talentierten Musikern. Die Jungs träumen davon, Stars im Rammstein/Gothic/Industrial-Dreick zu werden. Leider fallen ihnen aber partout keine passenden Texte für die Songs ein. Daher gehen sie zu Robert „Ratte“ Schmidt. Der ist den ganzen Tag am Rotwein saufen und schreibt mystische Gedichte, die keiner versteht mit Blut auf seine Tapete. Die Band ist begeistert und „leiht“ sich seine Texte und in Verbindung mit der Musik wirkt das immerhin so gut, dass die komplette Gothic-Gemeinde zwischen Stralsund und Weixdorf Köblitz auf Konzerte rennt und die Demo-CD kauft. Langsam kommt der Rubel ins Rollen, eine Plattenfirma steht vor der Tür und Ratte fragt sich: „kacke verdammt, was ist eigentlich mit mir“?

Erster Gedanke von vielen: Man könnte den Song ja vielleicht „kaufen“. Also Geld gegen Ware wie beim Erwerb von Tennis-Socken bei Deichmann. In Amerika ist das sogar so. Dort verkauft so mancher Songwriter die Rechte an seinem Lied für 50 Dollar an einen Produzenten. Der macht dann daraus eine Platte mit einer kleptomanischen Göre aus dem Kinderfernsehen, die sich Millionenfach verkauft, während unserem „Liedermacher“ nichts bleibt als eine nette Referenz und Geld genug für ein Dutzend Döner (aber dazu später).

In Deutschland sieht das zum Glück anders aus.

Hier erhalten die Urheber (z.B. Ratte als Texter) bei jeder Radioaufführung, bei jeder gepressten (bzw. verkauften) CD, bei jeder Liveaufführung Geld. Natürlich nur, wenn sie Mitglied der GEMA sind (übrigens: wenn man nicht in der GEMA ist, müssen einen die Radiosender vorher persönlich fragen, ob sie den Song spielen dürfen).

Der Veranstalter muss angeben, welche Songs live gespielt wurden, der Radiosender ebenfalls und die Plattenfirmen dürfen ohne diese Angabe keine einzige CD pressen. Die GEMA sammelt also Geld bei all denen ein, die Musik „nutzen“ und verteilt es dann an die, die diese Musik erschaffen haben. Noch mal: Von der GEMA erhalten nur Ratte (Text) und Fetz (Musik) etwas (plus ein eventueller Musikverlag), die anderen Bandmitglieder sind keine Urheber und bleiben natürlich außen vor, die verdienen an Plattenverkäufen, Live-Gagen und anderen Deals (Merchandise). Die Plattenfirmen erhalten ihr Geld aus einen anderen Pott (von der GvL), aber das dann vielleicht mal eins der nächsten Themen.

Leider aber funktioniert das im Ganzen nicht wirklich so „gerecht“, wie es bisher klingt, denn es gibt noch einen anderen wichtigen Einnahmezweig. Auch Discotheken, Einzelhändler, Hotels, Kneipen, Friseure usw. „nutzen“ nämlich Musik. Ohne Musik wäre das nämlich scheißen langweilig dort. Natürlich kann man von denen aber nicht verlangen, dass sie genau aufschreiben, welche CDs die im Einzelnen gespielt haben.

Also zahlen diese Gruppen Pauschalen an die GEMA, die diese Einnahmen wieder verteilt. Und jetzt kommt der Haken: Sie tut das in dem Verhältnis, wie es die anderen Einnahmequellen ergeben. Der Grundgedanke mag stimmen: Was viel im Radio läuft und gut verkauft wird, das läuft auch beim Friseur.

Nur, leider bezieht das auch zum Beispiel den Skateboardshop ein, wo eher selten was von den Monroes zu hören ist, Kneipen mit subkulturellem Hintergrund, wo man Hausverbot bekommt, wenn man die Monroes hört und natürlich auch Dönerläden.

Ich habe also gestern Abend mal anhand zur Verfügung stehender Zahlen hochgerechnet, dass es in Deutschland ca. 20.000 Dönerläden gibt. Und mir persönlich ist wirklich nicht ein einziger bekannt, bei dem sich die GEMA Annahme mit der Realität deckt oder wann habt ihr das letzte Mal beim Kebabfuttern Dieter Bohlen oder REM gehört?

Also rechnete ich weiter. Den preiswertesten Jahrestarif, den eine Gaststätte bis 100qm Verkaufsfläche nutzen kann, sind 202,20 Euro (in diesem Tarif dürfen zum Beispiel keine gebrannten CDs gespielt werden und die Zahlung erfolgt fürs ganze Jahr im Voraus).

Somit würden Dönerläden in Deutschland also rund 4 Millionen Euro im Jahr an die GEMA zahlen. Nichtgerade ein Almosen möchte man meinen.

Ok, weiter. 80% davon zahlt die GEMA wieder zurück an ihre Mitglieder, vom Rest bezahlt sie ihre Mitarbeiter usw., also fette 3,2 Millionen Euro. Bei den Komponisten türkischer Musik kommt da schon mal garantiert gar nix an, weil deren Musik sonst eben keine Rolle spielt (Radio, Plattenverkäufe, Konzerte). Es geht aber noch weiter, denn man muss wissen, dass bei der GEMA eh ein Kapitaloligopol herrscht. 70% der gesamten Einnahmen gehen nämlich an nur 10% der Mitglieder (Komponisten, Texter und Musikverlage).

Das heißt, dass 2,4 Millionen Euro von unseren Döner-Ausschüttungen an gerade mal 5.500 Mitglieder ausgeschüttet werden. Ok, das sind nur knapp 450 Euro, die da jedem einzelnen fürs Nichtstun zu fließen, aber verdammt, die Dönerläden sind ja nicht allein und wenn man das hochrechnet kommen locker 3.000 Euro jährlich auf jeden dieser Topverdiener (macht in 10 Jahren 5.500 BMW 125i Cabrio.

Gibt es Wege aus diesem Dilemma? .

Theoretisch denkbar: Man verpflichtet alle gewerblichen Musiknutzer zum Gebrauch eines CD-Players (Digital Rights Management), die die gespielten Daten speichert (die dann aber auch auf den Tonträgern sein müssten) oder man sorgt zumindest dafür, dass die Komponisten ihre Werke eindeutiger einer Kategorie zuordnen und die Einzelhändler und Kneiper dann ankreuzen, welche Musikrichtung sie in welchen Maß spielen. Aber das auch nicht funktionieren. Eine Lösung hat wohl keiner.

Wichtig wäre vor allem, dass sich eine Lobby der Independent Komponisten bildet und sich für Ihre Interessen stark macht, aber auch das ist wohl weit ab der Praxis.

Aber eine Menge Menschen, die schlauer sind als ich, haben sich mit der Institution GEMA viel professioneller auseinandergesetzt – ein paar kurze Auszüge unten.

Ich hole mir jetzt mal einen Döner

twitter share buttonFacebook Share
  • Pingback: Tweets die konzeptspeicher » Aus dem Archiv: “Einen GEMA ohne Kraut bitte ...: ... da jedem einzelnen fürs Nichtstun zu fließ... erwähnt -- Topsy.com

  • Der Typ, der bei der GEMA…

    Der Typ, der bei der GEMA die Titel eingibt, ist ein ganz blöder Penner: http://www.youtube.com/watch?v=jiOTKjXZaYI

  • kobrad

    beim dönerladen hier um die ecke läuft “gemapflichtige” musik. aber der ist halt ne ausnahme und spielt auch radio. wie ist es eigentlich dann? der radiosender hat doch schon die gema bezahlt. bekommen die dann doppelt geld?

  • http://mittelstern.de sebastian

    Ja, das wird sozusagen “doppelt” bezahlt, da ja auch der friseur und der baumarkt auf musik als verkaufsförderungsinstrument setzen.. man kann sagen: “doppel bezahlt” oder “auf zwei schultern verteilt” (je nach sicht der dinge)

  • Steffen

    Dieser Artikel wimmelt leider nur so von wirren Vermutungen und von Unkenntnis.
    Die GEMA hat mit den ausländischen Verwertungsgesellschaften Gegenseitigkeitsverträge, damit der türkische Komponist von seiner Verwertungsgesellschaft (der “türkischen GEMA”) Geld bekommt, wenn seine Musik in Deutschland oder sonst wo genutzt wird. Ausländische Komponisten beneiden uns deutsche Komponisten für die effizient funktionierende GEMA (das bestätigen mir ausländische Kollegen regelmäßig).
    Wenn dem Dönerladen-Betreiber die Musik zu teuer ist: Es zwingt ihn doch niemand, dort Musik laufen zu lassen. Er kann sie doch einfach weglassen. Hier kommt dann erfahrungsgemäß der Gegenruf: “Ja, dann kommen doch keine Gäste, ohne Musik ist´s doch so tot im Laden oder beim Bierfest!”
    Wenn die Musik helfen soll, den Umsatz anzukurbeln (egal ob Dönerladen, Bierfest oder Klamottenladen), dann ist der Urheber an diesen “wirtschaftlichen Früchten seines Schaffens” stets zu beteiligen. Das macht Sinn, das ist gut so.
    Warum sollte meine Musik einem Händler helfen, den Umsatz zu steigern und ich bekomme nichts davon? Das würde mir stinken und es wäre eine verfassungswidrige Enteignung (Art. 14 GG, Eigentumsgarantie).
    Übrigens werden von jeder Kneipen- oder Laden-Gattung einige “gemonitort”, d.h. die GEMA schaut dort (mit Wissen des Inhabers), welche Musik läuft (ob Bohlen oder Türken-Pop-Komponist) und rechnet das auf die restlichen Geschäfte dieser Gattung hoch. Das ist ein sinnvoller Kompromiss zwischen größt möglicher Wirtschaftlichkeit (man kann ja nicht in jeden Laden so eine Blackbox stellen) und größt möglicher Gerechtigkeit.
    Wer bessere Vorschläge hat, möge sie der GEMA mitteilen.

    • Jojotaschi

      Das Problem ist grundlegender Natur. Wenn jemand in nichtselbständiger Arbeit eine xls.-Liste in seinem Betrieb auf Anweisung der Leitung erzeugt, hat er keine Rechte daran. Diese Rechte werden mit dem Gehalt abgegolten. Das ist richtig so.
      Wenn jemand eine Melodie/einen Text schreibt und dieses wird veröffentlicht, dann erwirbt man durch den Kauf einer CD/DVD ein Produkt. Damit sollte die Leistung des Texters /Komponisten abgegolten sein. Bezieht man die Musik über Radio, zahlt man GEZ. Die Leistung ist dadurch ebenfalls abgegolten Wir reden hier also über ein Paradox mit dem Ziel der Geldumverteilung – Klartext: der DönerMann hat die Musik bereits gekauft, warum soll er noch einmal dafür bezahlen? Weil es so in irgendwelchen Gesetzen steht? In einem mir entfallenen Zitat habe ich einmal gelesen, dass die Tausendfache Wiederholung einer unrechten Beschaffenheit diese ab einem gewissen Zeitpunkt in eine allgemein als rechtsam anerkannten Beschaffenheit wandelt. G. Orwell hat aähnliches beschrieben. Vielleicht ist das auch so mit der Geschichte um die im Falle der GEMA-Nichtexistenz Hunger leidenden SuperStars?

      • http://www.mittelstern.de/ Sebastian Salvador Schwerk

        “ Bezieht man die Musik über Radio, zahlt man GEZ. Die Leistung ist dadurch ebenfalls abgegolten ” 

        Nun, da steckt aber der Teufel mehr als im Detail.

        1. GEZ zahlt man nur für öffentlich rechtliche Sender (nicht energy & co) 
        2. Radiosender verdienen ein Schweinegeld mit Werbung. Sie werden nur gehört, weil sie Musik spielen. Es wäre reichlich unangebracht, wenn ein Radiosender davon nichts an ihre Existenzgrundlage weitergeben würde, oder?

  • sebastian

    1. die gegenseitigkeitsverträge betreffen nur airplays und verkäufe: wie oft wird türkische musik beim mdr gespielt und wie viele cds gehen gemapflichtig übern ladentisch?

    die unkenntnis hat hier also jemand anders

    2. ich bin mitglied der gema als musikverlag. ich verteidige in diesem beitrag nicht die dônerbudenbetreiber, sondern die musiker! du solltest den artikel einfach noch mal lesen

    2. verk

  • Pingback: Gastbeitrag von mittelstern.de: Neue GEMA Tarife mit altem Systemfehler und einer bösen Ohrfeige für Elektro | Kreatives Leipzig